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Schweben am dünnen Seil

Die Schweiz ist ein Land der Seilbahnen. Drei Ausstellungen in Zürich, Flims GR und Stans NW wecken das Bewusstsein für dieses bedrohte historische Kulturgut.

Wer kennt es nicht, das wunderbare Gefühl, in einer Luftseilbahn über die Landschaft zu schweben. Luftseilbahnen faszinieren, wecken Träume und Erinnerungen. Sie vereinen grosse Leistungen des Ingenieurwesens und unternehmerisches Streben nach Innovation. Luftseilbahnen sind ein schweizerisches Kulturgut.

Einfachste Materialseilbahnen wurden im Kanton Nidwalden in grosser Zahl gebaut. Viele sind auch heute noch täglich in Betrieb. Foto: StANW, Oberforstamt, Fotodokumentation, Jan Prochazka

Für Bauern, Wanderer und Bergsteiger sind sie ein Segen, für Helipiloten ein Albtraum: die dünnen Seile in den Bergen, an denen Holzkisten und Seilbahnen rauf und runter fahren.
In einer gemeinsamen Ausstellungstrilogie „Luft Seil Bahn Glück“ werden im Heimatschutzzentrum Zürich, im Gelben Haus in Flims und im Nidwaldner Museum Salzmagazin in Stans dieser einmaligen Zeitzeugen, den Kleinseilbahnen und Transportschiffchen gedacht.

An den drei Standorten werden zur gleichen Zeit unterschiedliche Schwerpunkte zu diesem urschweizerischen Verkehrsmittel präsentiert. Es geht um die Auswirkung auf Landschaft und Gesellschaft, Gestaltung der Kabinen und Bahnstationen, Linienführungen und technischen Errungenschaften, Fragen nach Erhalt, Weiterentwicklung und der Zukunft des Transportmittels.

Mit dem Mistvogel können Landwirte einfach und effizient den Mist auf dem Feld verteilen – oder auch damit fahren. Foto: StANW, Oberforstamt, Fotodokumentation, Jan Prochazka

Es gibt sie noch

Es gibt sie noch, die Kleinseilbahnen, die nach der Anmeldung über das sintflutartige Kurbeltelefone dem auf der Alb wohnendem Bauern zu verstehen geben, dass man in die Höhe gezogen werden will. Der schrille Ton einer Glocke oder aus dem Lautsprecher ist der Hinweis, dass man schnell im Seilbähnli Platz nehmen muss. Und dann reisst man allen Mut zusammen und wartet, bis das Gefährt mit einem Ruck los fährt und immer schneller wird.

Und es wird immer steiler, der Fahrtwind streicht um die Nase. Man hält sich fest und schaut in die Weite und mit etwas Mut in die Tiefe und stellt fest, dass die Kabine fast die Tannnenspitze streift. Und endlich ist man oben, das Geräusch der surrenden Rädchen auf dem dünnen Seil wird leiser, die Kabine langsamer und wenn man Glück hat, erwartet ein Älpler mit der Pfeife im Mund den Fahrgast. Man realisiert, dass er den Hebel mit Kraft in die Bremsposition zieht.

An anderen Orten erwartet uns die Bauernfrau, die mit einem Knopfdruck den elektrisch betriebenen Motor zum Stillstand bringt.

Immer wird man herzlich begrüsst und nach dem Zahlen des Fahrpreises mit viel Glück auf die Wanderung geschickt. Obwohl man schon Erfahrung gesammelt hat, ist die Fahrt ins Tal etwas mulmiger. Es geht runter und man ist froh, den Talboden erreicht zu haben.

Voller Bewunderung denkt man an die Familien in abgelegenen Orten, deren Kinder jeden Tag mit den abenteuerlichen Seilbahnen zur Schule gefahren wurden und die dann noch einen langen Schulweg vor sich hatten.

 Der charmante Stehlift in der Harissenbucht am Vierwaldstättersee von der Liegewiese des Hotel Fürigen zum See ist ein Unikat. Er wurde leider nur einmal gebaut und existiert heute nicht mehr. Foto: Leonard von Matt

 

Und es gibt sie noch, die einfachsten Materialseilbahnen, die im Kanton Nidwalden in grosser Zahl gebaut wurden und heute noch täglich  in Betrieb sind.

Jedes Jahr verschwinden wertvolle Anlagen.

Verschiedene historische Bahnen sind aus verschiedenen Gründen bedroht: höhere sicherheitstechnische Anforderungen, Forderungen nach höherer Kapazität oder mehr Wirtschaftlichkeit, bauliche Eingriffe. Alte Bahnen müssen oft Neubauten weichen.

Es entstehen immer wieder auch spektakuläre neue, vom Zeitgeist geprägte Bahnen. Mitte Dezember wurde die Standseilbahn auf den Stoos im Kantons Schwyz eröffnet, die weltweit steilste Bahn dieser Art. Gleichzeitig ging die alte Bahn von 1933 in den Ruhestand.

Geschichte
– 1877 entstand eine erste schweizerische Schienenseilbahn zwischen Ouchy am Genfersee und dem Bahnhof von Lausanne.
– Die erste touristische Seilbahn der Welt, die Standseilbahn Giessbach zum gleichnamigen Hotel am Brienzersee, wurde 1879 eröffnet.
– Eine der ersten Luftseilbahnen für den Personentransport überhaupt und die erste in der Schweiz war der sogenannte Wetterhornaufzug in Grindelwald von 1908.
– 1934 wurde in Davos der erste Bügelskilift der Welt eröffnet.
– In Flims ging 1945 die weltweit erste kuppelbare Sesselbahn in Betrieb. Mit dem Abkuppeln des Sessels vom Förderseil in den Stationen war das bequeme Ein- und Aussteigen möglich geworden.

 

Nidwalden war auch früh in den Bau touristischer Luftseilbahnen involviert. Die Klewenalp-Bahn istdie dritte touristische Pendelbahn und der Jochpasslift der erste Sessellift der Schweiz. Heute ist Nidwalden der Kanton mit der höchsten Dichte an kleinen Luftseilbahnen. Die Kleinseilbahnen bewegen die Menschen der Region – und dies im doppelten Sinn. Einen Beitrag zum Thema will die Ausstellung im Salzmagazin mit einem Blick in die eigene Geschichte und Gegenwart leisten. Eine Fülle an lustvollem und vielfältigem Material zeigt verschiedene Luftseilbahnen, Hilfsmittel für die Landwirtschaft wie den Waldteufel oder die Laufkatze, Seilbahnpioniere und Menschen von heute. Im Dachgeschoss des Salzmagazins ist zudem ein Sesselibahn-Kino eingerichtet. Auf sechs Sesseln schwebend, können Klein und Gross in diverse Filme eintauchen, die Luftseilbahn-Geschichten aus der Zentralschweiz dokumentieren.

Der erste Sessellift der Schweiz entstand in Nidwalden. Vom Trübsee zum Jochpass konnten Wanderer ab 1944 in Einersesseln oder in tonnenförmigen Stehkabinen zum Gipfel schweben. Foto: Leonard von Matt

Ort und Dauer der drei Ausstellungen:

Heimatschutzzentrum Zürich
17. November 2017 – 28. Oktober 2018
Zollikerstrasse 128
8008 Zürich
www.heimatschutzzentrum.ch

Das Gelbe Haus Flims
24. Dezember 2017 – 8. April 2018
23. Juni 2018 – 28. Oktober 2018 
Via Nova 60
7017 Flims Dorf
www.dasgelbehausflims.ch

Salzmagazin Stans
23. März 2018 – 28. Oktober 2018
Stansstaderstrasse 23
6371 Stans

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