Gesellschaft

Alterspflege im digitalen Zeitalter

Das Gottlieb Duttweiler Institut hat im Auftrag von Senesuisse eine Studie erarbeitet, welche die Care-Branchen revolutionieren soll.

Die Babyboomer – das ist die Generation der 50 bis 70jährigen – haben hohe Ansprüche, wollen Selbstbestimmung auch im Alter und beim Sterben. Sie werden älter als ihre Grosseltern, bleiben länger fit und damit in ihren eigenen vier Wänden und sie sind technologieaffin. Das ist die Prämisse derZukunftsplaner. Zu diesen Ansprüchen und Wünschen passt die „Anbieterorientierung“ im Geschäft mit den Alten, nicht mehr, der Übergang zum „Nachfragemarkt“ ist Gebot der Stunde, sollen nicht Fehlplanungen zu noch mehr leeren Pflegebetten und Pflegeheimen führen. Das Individuum mit seinen Wünschen wird im Zentrum stehen und wählen, was es aus einem reichen Angebot an Pflegeeinrichtungen, Dienstleistungen und Betreuungsangeboten will. Senesuisse, der Verband wirtschaftlich unabhängiger Alters- und Pflegeeinrichtungen Schweiz, hat bei den Forschern vom Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) eine Studie bestellt, die bei einer Tagung vorgestellt wurde.

Vor den 300 Teilnehmenden der Senesuisse-Tagung im GDI referiert Regierungsrat Thomas Heiniger

Daraus geht hervor, dass alle Anbieter ihr Geschäftsmodell überdenken sollten, die privaten und die öffentlichen. Denn in einem nachfrageorientierten System werden erbrachte Leistungen durchaus honoriert, nicht aber Kapazitäten, die zwar da sind, jedoch nicht mehr gebraucht werden. Die Studie zeigt in vier Zukunftsszenarien, wie Pflegeeinrichtungen mit dem demographischen und dem technologischen Wandel umgehen könnten.

Die GDI-Studie TAKE CARE zeigt Wege zur Alterspflege in der Zukunft auf

Christine Schäfer vom GDI stellt die Studie, an der sie massgeblich mitgearbeitet hat, den 300 Teilnehmenden, zumeist aus Pflegeinstitutionen oder aus dem öffentlichen Gesundheitsbereich bei der Tagung von Senesuisse im GDI vor. Zuvor gibt es Zahlen zu Demographie und Demenz, Fakten und Ideen aus der Zürcher Gesundheitsdirektion, vorgetragen von Regierungsrat Thomas Heiniger. GDI-Forscher David Bosshart verweist auf Japan, welches in der Entwicklung einer alternden Gesellschaft weiter ist: Jeder 5. über 65jährige leistet Berufsarbeit, während es hierzulande nur wenige Prozent sind. Der Trend zur Entvölkerung kleiner Orte und der Entwicklung von Megastädten ist auch in Japan nicht umkehrbar. Aber in japanischen Kleinstädten werden die Strukturen so verändert, dass statt Entvölkerung und Verödung dank der immer älteren Menschen neues Leben entsteht: Schulhäuser werden zu Alterswohnheimen umgebaut, der öffentliche Verkehr wird zugunsten der Mobilität der alten Menschen gefördert, Unternehmen, welche Alte beschäftigen, werden subventioniert, dank der alten Konsumenten beleben sich die Zentren neu, die Steuereinnahmen steigen. Japaner hätten die höchste behinderungsfreie Lebenserwartung weltweit, sagt Bosshart anhand von Beispielen mit Hundertjährigen, die noch Sport treiben oder erst frisch pensioniert sind. Japan könnte also in vielerlei Hinsicht Vorbild sein.

Lebhaft wird das Gebotene diskutiert

Die Studie Take Care trägt den Untertitel Der Mensch emanzipiert sich vom Betreuungssystem. Das wird die Care-Branchen revolutionieren. Das Individuum nehme sich jene Pflege, die es brauche und wolle, nicht die Institution gebe dieselbe. Dank Digitalisierung seien dezentrale Systeme und externe Player geeigneter als der Staat mit seinen schwerfälligen Anpassungsmöglichkeiten.

Neue Geschäftsmodelle in der Altenpflege und -Betreuung müssen entwickelt werden – auch die Musikbranche habe sich mittlerweile erfolgreich an die Digitalisierung angepasst, verdiene Geld statt mit Tonträgern mit Festivals. Was aber ist bei der Pflege digitalisierbar? Beispielsweise die Messung körpereigener Daten rund um die Uhr. Aber es gilt, die Grenzen des Datenhungers festzuschreiben. Das alles ersetzt jedoch den direkten, menschlichen Kontakt zwischen Pflegenden und Betreuten nicht, bietet jedoch mehr Zeit dafür. Mit einem Diagramm zeigt die Studie vier Wege in eine bezahlbare Zukunft (s. Grafik).

Das Diagramm mit den vier Möglichkeiten für künftige Modelle der Alterspflege

Lieblingsszenario der GDI-Forscher ist das nachfrageorientierte Modell mit Plattformen, die zwischen der Nachfrage nach Pflege oder Betreuung und verschiedenen Anbietern vermitteln, ähnlich wie AirBnB oder Uber. Damit erreiche man die gewünschte Flexibilität und Grösse, ohne dass feste Institutionen Mittel binden müssten. Denkbar sind kleine selbständige Unternehmen, die eine oder mehrere Spezialitäten anbieten, ohne dass sie sich um die Vermarktung bei den potentiellen Abnehmern kümmern müssen. Mit dem System Plattform kann schneller und effizienter gehandelt werden.

Skeptisch äussert sich Stefan Giger, Generalsekretär der Gewerkschaft VPOD, in der Pflegepersonal organisiert ist, zu diesen Ideen fürs digitale Zeitalter. Sein Fazit: Gesundheit ist keine Ware und Patienten sind keine Käufer, die Nachfrageorientierung kann nicht funktionieren.

Stefan Giger vom VPOD, der Gewerkschaft des Pflegepersonals hält nichts von der „Plattformwirtschaft“ als Zukunftsmodell

Dank der Digitalisierung können die alten Menschen länger zuhause bleiben, aber am Ende landen die meisten doch in einer Pflegeeinrichtung. Giger zweifelt, ob Alte eine digitale Überwachung rund um die Uhr, die für Zuckerkranke beispielsweise Sinn macht, überhaupt wünschen. Es muss ein Recht auf Verweigerung geben. Heute ist das Problem, dass der Übergang von der Selbständigkeit in die Pflege fehlt, in Heimen gibt es vorwiegend abgebaute Pflegebedürftige, also will da auch niemand freiwillig hin.

Es brauche massgeschneiderte Angebote, aber die „Plattformwirtschaft“ hält der oberste Gewerkschafter der Pflegeberufe für nicht geeignet. Schon weil eine Vereinzelung der Dienstleistungen kaum billiger werde als kollektive Vorhalteleistungen. Im Mittelpunkt sieht er das Recht der Pflegebedürftigen: das Recht, sich nicht mehr kümmern zu müssen, sich aus dem Leben zurückzuziehen.

Mit diesen Vorgaben wurde das abschliessende Podiumsgespräch eine spannende, und gescheite Auseinandersetzung über Qualität und Zwischenmenschliches bei den Vorstellungen zur Zukunft der Betreuung und Pflege im Alter. Ist ein Wettbewerb verschiedener Anbieter sinnvoll als Sparmassnahme (z.B. hat Aarburg die kommunale Spitex abgeschafft, weil eine Pflegeinstitution sie für die Gemeinde viel billiger anbieten kann), oder geht es letztlich bei dem Wettbewerb doch nur um den Profit? Stimmt es, dass es zu kosten beginnt, wo der Staat sich einmischt? Die Gesellschaft darf nicht als Kostenfaktor wahrgenommen werden, das können alle unterschreiben.

Grafiken © GDI, Rüschlikon
Fotos: E. Caflisch

Die Studie können Sie hier downloaden und lesen.