FrontGesellschaftAlles geht vorbei

Alles geht vorbei

André David Winter beschreibt in seinem Buch «Immer heim» den Lebensabend des Knechts Joseph Bitzi, dem es mit Mühe und mit Mut gelingt, das «Heim» in ein «Daheim» zu verwandeln.

«Vom ersten Tag an hatte er Heimweh gehabt. Die Krankheit, die man im Heim bekam. Was hätte er tun sollen? Es war beschlossene Sache. Der Jungbauer hatte ihm am Morgen im Stall gesagt, er solle nach dem Melken sein Zimmer räumen. Er werde ihn ins Bühl bringen. Dort werde er es gut haben». Bitzi fragte den Jungbauern nach dem Grund für diesen Schritt. «Schau Dir Deine Hände an. Wie sehen Sie aus?» war die Antwort. «Verwärchet» meinte Bitzi. «Eben, und der Rest auch», tönte es ihm entgegen.

Eine farbige Lebensgeschichte

Das Buch Immer heim von André David Winter hat gut 150 Seiten. In Erinnerung bleibt es mir als ausgreifende Beschreibung einer Lebensgeschichte mit vielen zu Herzen gehenden Begebenheiten. «Beschreibung» ist allerdings nicht das richtige Wort. Es ist eine «Erzählung», die sich einfacher, aber farbiger Worte und Sätze bedient, und die Lesenden mitnimmt. In der gelegentlich auch Mundartwörter eingestreut sind. Sie werden alle am Schluss des Buches erklärt.

Mehr als ein Buch, ein ganzes Lebensgemälde. Von einem, der auf der Schattenseite des Lebens steht: Immer heim» von André David Winter.

Schon auf der dritten Seite sind wir dabei, wie der fünfzehnjährige Joseph erstmals allein mit seinem Vater zum Heuen aufsteigt. Morgen, Mittagessen, Nickerchen erleben wir mit. Am Nachmittag wird die Arbeit fortgesetzt. Und der Vater verliert den Tritt, rollt und stürzt über eine Felsnase in die Tiefe. Joseph hört keinen Schrei, nur das Geräusch des Aufschlags. Er rennt weinend den Berg hinunter nach Hause. Die Mutter kniet sich nieder und betet ein «Gegrüsst seist Du Maria…..» Der ältere Bruder Toni rennt in die Höhe zum Unglücksort.

Am Rande der Gesellschaft

Von diesem Tag an stottert Joseph. Es ist nicht der einzige Mangel, der ihn durchs Leben begleitet. Er ist nicht von kräftiger Statur und so spötteln die Leute hinter seinem Rücken. «Nur immer es bitzi, von allem nur es bitzi…» sagen sie und tippen sich auf die Stirne. Joseph nimmt das alles wahr, denkt darüber nach, redet aber nicht.

Leben und Tod, Hinfallen und wieder Aufstehen, Versagen und doch zum Ziele kommen, spielen im Buch eine grosse Rolle. Aber nicht in psychologischen Abhandlungen. Leserinnen und Leser erleben einfach hautnah mit, was sich im Leben von Joseph abspielt. Er ist mehrmals dem Tode durch Erfrieren nahe. Durch eigenes Ungeschick in früheren Jahren, durch eigenes Planen während seines Heimaufenthaltes.

«Danke für alles. Es fehlt hier einfach zu viel. Einfach kein Daheim. Der Herr ist im Himmel, der Bitzi jetzt auch. Gruss Joseph Bitzi» lauten seine Abschiedsworte auf der Rückseite eines Kuverts.

Im Freien, in der Nähe des Baches, der sein Ziel ist, fällt er hin. Einen Blick auf die Eiche will er noch tun. Sein Nacken ist dafür schon zu steif. Aber bei ihrem Stamm sieht er sie, die junge Eiche. Tausendmal kleiner. Fünf Blätter hatte sie, keinen Meter von ihm entfernt steht sie. «Sie könnte tausend Jahre alt werden.» Joseph wird gefunden und gerettet.

Endlich daheim

Am Krankenbett ergibt sich ein Gespräch zwischen dem jungen Heimleiter, Franz junior, und Joseph. «Ich wollte nicht nicht mehr leben, nur nicht mehr so.» «Und Joseph redete so viel am Stück wie in seinem ganzen Leben nicht. Es kam wie ein Wasserfall aus ihm heraus. Dabei stotterte er kein einziges Mal.

Franz junior sass da, die Hände über den Bauch gelegt, die kalte Villiger im Mund und hörte zu. Nickte immer wieder. Zog die Augenbrauen hoch. Legte den Kopf schräg, schüttelte ihn manchmal, unterbrach nie.» «Mach einen Plan Joseph», sagt ihm der Heimleiter.

Ein Heim ganz nach seinen Vorstellungen: Mit Tieren, Pflanzen und zufriedenen Menschen.

Ein Daheim nur für sich will Joseph nicht, ein Daheim für alle will er. Keine Einschränkungen für seinen Plan und bezahlen will er selbst. Er habe Geld.

Die Wiedergabe dieses Gesprächs ist ein Meisterstück. Es endet mit Handschlag. Und Joseph verwirklicht seinen Plan, Schritt für Schritt. Er holt die Natur ins Heim, Tiere, Pflanzen, lässt einen Weiher für Enten ausheben. Die Leute im Heim, Bewohnerinnen und Bewohner, Angestellte freuen sich, sind zufriedener als früher.

«Sein Plan war gewesen, das Heim zu einem Daheim zu machen. Das hatte er gemacht. Die kleine Welt war eine Weile stillgestanden. Oben und Unten waren kurz verschoben, vertauscht worden. Jetzt würde die kleine Welt sich weiterdrehen und alles wieder an seinen Platz rücken. Knechte waren wieder Knechte, die Herren wieder die Herren, Wie es immer war», heisst es gegen den Schluss des Buches.

Ein Beispiel für viele

Ich danke dem Autor, dass er uns einen rührseligen Schluss erspart hat. Auch wenn wir die Erzählung in die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts ansetzen – wir wollen ja immer alles verorten – können wir uns ihrer Eindringlichkeit nicht entziehen. Sie ist zeitlos.

Sie wird aber nicht nur jene beeindrucken, die in Institutionen mit alten Menschen arbeiten. Nein, auch wir Altersgenossinnen und Altersgenossen von Joseph Bitzi sind angesprochen. Und erkennen uns plötzlich in Situationen, über die wir vorher gar nie nachgedacht hatten. Und wenn sich schliesslich auch ein Heimleiter, eine Heimleiterin vom Schlage des Franz junior das Buch zu Herzen nimmt, umso besser!

André David Winter: «Immer heim». Edition Bücherlese, Luzern, 2018. ISBN 978-3-906907-12-3

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel