FrontGesellschaftBereit sein ist alles

Bereit sein ist alles

Wo einst Lehrpersonen ausgebildet wurden, drücken heute angehende Polizeiangehörige die Schulbank. Mit Harry Wessner, Stv. Direktor der Polizeischule Hitzkirch, sprach Judith Stamm.

Die Polizeischule in Hitzkirch wird von elf Kantonen getragen: Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Solothurn, Schwyz, Uri, Zug. 2003 wurde ein entsprechendes Konkordat geschlossen. Wir haben kleine und grosse Kantone, ländliches und städtisches Milieu, in denen die zukünftigen Polizeiangehörigen wirken werden. 

Judith Stamm: Wie machen Sie die Aspirantinnen und Aspiranten für diese verschiedenen Anforderungen fit?

Judith Stamm interviewt Harry Wessner 

Harry Wessner: In der Schweiz haben wir seit 2003 sechs regionale Polizei-Ausbildungszentren. Hitzkirch ist eines davon. Die Auszubildenden schliessen mit der eidgenössischen Berufsprüfung ab, welche zum Fachausweis Polizistin/Polizist führt.

Auch die Ausbildungsinhalte und Ausbildungsziele sind in einem Rahmenlehrplan geregelt, der für die ganze Schweiz gilt. So garantieren wir die Berufsdurchlässigkeit zwischen den verschiedenen Polizeikorps. Und sehr wichtig: auch die Polizeiausbildung ist dual. Sie basiert also auf Theorie und Praxis.

Die Grundausbildung an der IPH Hitzkirch dauert 10 Monate. Sie beinhaltet Unterricht in den folgenden Fachbereichen: Allgemeinbildung (Deutsch, Staatskunde), Allgemeine Polizeifächer (Rapportierung, Polizeipsychologie, Community Policing, Menschenrechte, Ethik, Funk), Recht, Sicherheit und Einsatztraining(Polizeitaktik, Schiessen, Selbstverteidigung), Verkehr, Kriminalistik, Sport und Gesundheit.

Unterbrochen wird die Schulzeit von zwei Praktika, welche in jenem Polizeikorps stattfinden, das die Auszubildenden rekrutiert hat, also im Stammkorps.

Im Kurs häusliche Gewalt lernen die Aspiranten, wie man einen renitenten Mann ruhig stellt

Die jungen Frauen und Männer, die Sie ausbilden, sind in der Regel zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die Frauen stellen etwa einen Viertel der Auszubildenden. Wer sich bewerben will, muss eine abgeschlossene Berufslehre oder eine abgeschlossene höhere Ausbildung vorweisen. Gibt es Schwerpunkte, aus welchen Berufsfeldern die Anwärter kommen?

Die Aspirantinnen und Aspiranten werden ja von den einzelnen Polizeikorps, die zum Konkordat gehören, nach ihren eigenen Kriterien rekrutiert. Schwerpunkte können wir in Hitzkirch nicht feststellen. Zu uns kommen Personen aus handwerklichen Berufen wie auch solche mit Studienabschlüssen (Recht, Physik etc.).
Selbstverständlich bilden diese Unterschiede für die Polizeischule eine methodisch-didaktische Herausforderung, der wir uns gerne stellen. Wir sind auch eduQua2012 zertifiziert.
Was uns immer wieder überrascht und erfreut ist der Umstand, dass das Engagement der einzelnen und die Qualität ihrer Leistung vom beruflichen Herkommen unabhängig sind. Alle setzen sich mit Leib und Seele für das gewählte neue Berufsziel ein.

In der Übung lernt man, wie man eine Handfessel anlegt

In Ihrem Lektionenplan ist von Allgemeinbildung über Recht bis zu Sport alles vorhanden. Polizeibeamte müssen aber nicht möglichst viel wissen, sondern in jeder Situation angemessen handeln. Kann man das üben?

Wir legen grossen Wert auf eine kompetenzorientierte Ausbildung. Dabei steht nicht nur das fachliche Wissen im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, komplexe Situationen zu simulieren und die Aspirantinnen und Aspiranten so an die tägliche Arbeit an der Front heranzuführen. Um dieses Ziel zu erreichen, führen wir verschiedene Handlungstrainings durch. Diese finden in der zweiten Hälfte der Ausbildung statt. Dazu gehören z.B. Schalterdienst, Entgegennahme von Anzeigen, Umgang mit jugendlichen Störern, Einbruchdiebstahl, Häusliche Gewalt, Verkehrsunfall etc. Die angehenden Polizistinnen und Polizisten erfahren so den Umgang mit Menschen und lernen die fachlichen Herausforderungen ihres zukünftigen Berufes kennen.

Bei der Polizei zu arbeiten ist eine anspruchsvolle Tätigkeit. Es besteht immer das Spannungsfeld zwischen „Freund und Helfer“ einerseits und dem Durchsetzen von Vorschriften und Gesetzen anderseits. Es kann Gewalt ins Spiel kommen. Wie befähigen Sie die jungen Menschen, mit diesen unterschiedlichen Erwartungen umzugehen?

Die theoretische Vorbereitung erfolgt in den Fächern Psychologie, Ethik und interkulturelle Kompetenz. Hier wird auf Themen wie Kommunikation oder Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen eingegangen.
Im Handlungstraining werden dann entsprechende praktische Übungen eingebaut.
Die Aspirantinnen und Aspiranten erfahren und lernen so sich selber und den Umgang mit dem Gegenüber besser kennen.  Dazu gehört auch die persönliche Reflektion. Man bespricht im geschützten Rahmen seine Arbeit und überlegt, was gut oder was eben nicht so positiv gelaufen ist.
Wichtig ist, dass man durch ein unangebrachtes Verhalten nicht sich selbst  gefährdet oder die Situation zum Eskalieren bringt. Dies gehört jedoch zum lebenslangen Lernen eines Polizisten oder einer Polizistin. Der Polizeiberuf ist eine Tätigkeit, die viel Erfahrung bedingt. Diese wächst natürlich im Verlaufe der Tätigkeit.

Der renitente Mann, gespielt von einem Polizisten, wird abgeführt

Die Polizeischule verfügt über eine sehr gute Infrastruktur für den Unterricht. Sie müssen auch die wachsenden Möglichkeiten der Digitalisierung berücksichtigen. Diese durchdringen unseren Alltag, unser tägliches Handeln mehr und mehr. Und führen auch zu neuen Erscheinungsformen der Kriminalität. Wie halten Sie mit diesen technischen Entwicklungen Schritt?

Die Schule allein kann ihren Grundausbildungsauftrag nicht erfüllen. Die Erfahrungen und Bedürfnisse der Korps müssen zwingend einfliessen. Dies wird über Ausbildner und Ausbildnerinnen aus den Korps sichergestellt. So ist auch garantiert, dass neue Strömungen nicht an der Schule vorbeigehen, ohne dass man sie realisiert. Gerade im Bereich der Digitalisierung sind wir auf dieses Wissen der Korps angewiesen.

In der Grundausbildung sensibilisieren wir unsere angehenden Polizistinnen und Polizisten mit einem e-Learnig. Sie lernen, wie man ein Mobiltelefon oder einen Computer sicherstellt, ohne dass Daten verloren gehen. Das sind die zwingenden Grundkenntnisse, über die man als Polizist und Polizistin heute verfügen muss. Auf diesen kann dann in den Korps aufgebaut werden.
Daneben ist die Digitalisierung natürlich ein Thema, das auch den Unterricht betrifft. Unsere Schule funktioniert z. B. papierlos. Die Aspirantinnen und Aspiranten arbeiten mit ihren Laptops, auf welchen alle Lehrmittel und Lektionen abgespeichert sind.

In einigen Jahren werden in den Konkordatskantonen überall Polizeiangehörige berufstätig sein, welche die selbe Grundausbildung, die selben Weiterbildungen durchlaufen haben. Hat das Vorteile ?

Ja sicher. Die Vereinheitlichung der polizeilichen Grundausbildung ist eine der Daseinsberechtigungen für die regionalen Polizeischulen. Es kommt immer häufiger vor, dass bei Grossanlässen mehrere Polizeikorps involviert sind (WEF). Die gemeinsame Grundausbildung fördert das gegenseitige Verständnis und die Sicherheit im Einsatz. Die Zusammenarbeit wird grundsätzlich einfacher.
Politisch unterstützt wird diese einheitliche Ausrichtung durch ein für die Schweiz geltendes „Bildungspolitisches Gesamtkonzept“ für die Polizeiausbildung.

Nach den Aktionen folgt die Übungsbesprechung

Im Januar des laufenden Jahres wurde der Interkantonalen Polizeischule von Gewerbeverein Hochdorf der 13. Seetaler Award überreicht. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Diese Auszeichnung erfüllt uns mit Freude und Stolz. Sie zeigt, dass wir als Institution in der Region geschätzt sind. Als Arbeitgeber beschäftigen wir rund 85 Mitarbeitende aus der Region. Wir stellen aber auch einen wichtigen Faktor für die Wertschöpfung  dar.
Wir pflegen unsere Aussenbeziehungen und unterhalten vielfältige Kontakte zu Schulen, Firmen, politischen Behörden im Seetal. Jedes Jahr veranstalten wir einen Besuchstag der IPH und empfangen mehrere Tausend Besucherinnen und Besucher. Die Bevölkerung interessiert sich für unsere Ausbildungstätigkeit.
Die angehenden Polizistinnen und Polizisten sind im Dorfbild präsent, kaufen in den Läden ein und sind allgemein gern gesehen. Man kann sie gleichsam „anfassen“.
Nicht vergessen darf man, dass wir auch ein Seminarzentrum führen. Wir vermieten die von der Schule nicht benötigte Infrastruktur und leisten einen guten Service. So machen wir uns bekannt, über die nähere Umgebung hinaus, schweizweit, sogar bis ins nahe Ausland.
Das alles steht und fällt mit einem gut funktionierenden und einsatzbereiten Team von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Darum betrachte ich diesen Award als Auszeichnung für jeden einzelnen persönlich. Das ist ein tolles Gefühl, welches uns auch in Zukunft anspornen wird.

Herr Wessner, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

Fotos: Josef Ritler

Mehr: www.iph-Hitzkirch.ch

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