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Lebenslügen auf der Drehbühne

Lebendig und aktueller denn je: Regisseur Bastian Kraft inszeniert am Schauspielhaus Zürich «Endstation Sehnsucht» von Tennessee Williams mit einem grossartigen Ensemble.

Die verarmte Südstaatenschönheit Blanche DuBois hat in ihrem Leben zahlreiche Schicksalsschläge erleben müssen. In New Orleans sucht sie Zuflucht bei ihrer Schwester Stella und deren Mann, dem polnischstämmigen Arbeiter Stanley. Blanche, die in einer von ihrer Einbildungskraft geprägten Welt lebt, verachtet die erbärmlichen Lebensumstände ihrer Schwester und das grobschlächtige Verhalten von deren Ehemann. Als Stanley Nachforschungen über Blanches Vergangenheit anstellt, droht ihr fragiles Konstrukt aus Lügen und Illusionen in sich zusammen zu stürzen.

Ankunft von Blanche (Lena Schwarz) mit dem Koffer auf der Drehbühne.

Meisterhaft beschreibt Tennessee Williams in diesem 1948 uraufgeführten Stück das Aufeinandertreffen zweier Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Der Konflikt zwischen Blanche und Stanley ist der Konflikt zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen weiblicher Poesie und männlicher Härte, zwischen Sehnsucht und Trieb. So entstand ein psychologisch subtiles und ungemein packendes Drama um menschliche Leidenschaften und Lebenslügen.

Eine aus dem Lot geratene Welt ohne Halt

Regisseur Bastian Kraft verlegt das Stück auf eine erhöhte, quadratische Drehbühne, ringsum ist der Raum in Schwarz gehüllt. Es ist eine Welt aus dem Lot, in der die Menschen keinen Halt finden können. Die Schauspieler agieren stehend und schreitend fortlaufend im Kreis, mal schneller, mal langsamer, je nach Dramatik der verschiedenen Szenen und Charaktere. Nur der grobe Macho Stanley bringt die Scheibe mit hartem Fusstritt für Augenblicke zum Stehen. Hie und da unterteilt ein nebulöser Sprühregen aus Trockeneis die drehende Bühne, wird zur Bildfläche für aufwühlende Videoprojektionen mit verzerrten Schauspielergesichtern (Bühnenbild: Peter Baur). Zwischen den fünf Akten singt Eunice (Miriam Maertens), die Nachbarin von Stella, schön verbrämt Songs von Tom Waits.

Gross ist das Entsetzen, das Blanche überfällt, als sie auf die Drehbühne stöckelt, im weissen Kleid wie eine Braut, und das klägliche Leben ihrer Schwester Stella erkennt. In der Hand trägt sie einen weissen Koffer mit den Halbseligkeiten, die ihr geblieben sind, denn alles andere samt dem elterlichen Anwesen ist ihr aus finanziellen Gründen durch die Finger geronnen. Im Kopf nur Träume, Chimären, Erinnerungen. Stella erkennt schnell die Verlorenheit von Blanche, quartiert sie bei sich ein und verteidigt sie entschlossen gegen Stanleys aggressive Attacken.

Das Unheil nimmt seinen Lauf: Stanley (Michael Neuenschwander) eröffnet Blanche (Lena Schwarz) seine Nachforschungen. (Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie)

Doch vergeblich, das Unheil nimmt seinen Lauf. Die Lebenslügen der vermeintlich elitären Blanche werden von Stanley und seinen Pokerfreunden durchschaut und verachtet. Die Absteiger von oben begegnen dem rauen, energischen Aufstiegswillen von unten. Stanley hintertreibt die aufkeimende zarte Beziehung Blanches zu dem schüchternen Mitch (Klaus Brömmelmeier) und zerstört somit ihre letzte Hoffnung, ihr Leben wieder in der Realität zu verankern. Als Stanley – betrunken und angetrieben von Verachtung und Hass – seine Schwägerin vergewaltigt, bringt dieser Schock die fragile Blanche vollends zum Zusammenbruch. Sie flieht in den Wahnsinn, der zur Endstation ihrer Sehnsucht wird und sie in eine Nervenklinik bringt.

Zutiefst beklemmende Wechselwirkungen

Kunstvoll und klug zeigt Bastian Kraft in seiner spartanischen, aber eindrucksvollen Inszenierung auf der Drehbühne mit dem grossartigen Ensemble die hässlichen Muster, nach denen bei Tennessee Williams die Männer mit den Frauen umgehen, was die Gesellschaft allen antut und wie sich alle damit arrangieren. Er hat dem in New Orleans angesiedelten Stück sämtliche Südstaaten-Folklore abgeschminkt. Und siehe da: Die Geschichte ist nicht veraltet, sondern lebendig und aktueller denn je angesichts heutiger ideologischer Verhärtungen und populistischer Strömungen. Das Premierenpublikum war sehr angetan von der zweistündigen Aufführung und bedankte sich mit starkem Applaus.

Zutiefst beklemmend treten diese Wechselwirkungen zutage, vor allem bei Lena Schwarz als Blanche. Grandios, wie sie das bedrückende Bild einer zerrissenen, verblühenden, entwürdigten Weiblichkeit zeichnet, die immer wieder aufbegehrt und nicht sehen will, dass sie sich auf einer Rutschpartie in den Untergang befindet, und am Schluss apathisch und verängstigt auf dem Koffer hockt, ehe sie in die Nervenklinik eingeliefert wird. Henrike Johanna Jörissen als Stella pendelt überzeugend zwischen ehelicher Fügsamkeit und der Rolle als loyale Schwester, die Stella entschlossen vor Stanleys Angriffe verteidigt und auf Gleichrangigkeit pocht. Michael Neuenschwander als Stanley verkörpert den ganz alltäglichen Machoanspruch des Patriarchen mal herumbrüllend und mit Sachen schmeissend, dann schluchzend wie ein Kind, nachdem die schwangere Stella zu einer Nachbarin geflohen ist, weil er sie verprügelt hat. «Ist doch gut. Ist doch alles gut», sagt Stanley zum Schluss, als Blanche abgeführt wird. Er weiss genau wie die anderen, dass das nicht stimmt. Und nie gestimmt hat.  

Weitere Spieldaten: 22., 28., Oktober, 5., 14., 20., 23., 26., 29. November, 4., 6., 15., 18., 29. Dezember

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