Gesellschaft

Noch summt es in der Blumenwiese

Alle reden vom Insektensterben, das Zoologische Museum zeigt, wie es gehen könnte, aber nicht sollte.

Insekten – lebenswichtig! nennt das Zoologische Museum der Universität Zürich die Sonderausstellung zu der zahlreichen Tierfamilie mit den sechs Beinen, den Flügeln und Fühlern. Menschliches Leben ohne Insekten ist gar nicht vorstellbar, sie beeinflussen und prägen unseren Alltag mehr als wir denken, nicht nur als lästige Flugobjekte mit Saugrüssel, die an unser Blut wollen, sondern vielmehr als Nahrungsgrundlage für Vögel und Amphibien, wo sie einen wichtigen Platz im Nährstoffkreislauf besetzen, und als Bestäuber von Kultur- und Wildpflanzen.

Bockkäfer im Grossformat, eine Fotoarbeit von Levon Biss

Noch zählt man 1,5 Milliarden Insekten pro Mensch, aber der Trend des Verschwindens ist unbestritten, auch wenn die Forschung beispielsweise für die Schweiz keine konkreten Zahlen nennen kann. Erinnern Sie sich, als Sie auf einer blühenden Wiese lagen, in den Himmel schauten und ein vielfältiges Gesumm mit entfernten Vogelstimmen den Sommersound ausmachte? Oder die Windschutzscheibe nach einer kurzen Fahrt übers Land, die ein regelrechtes Schlachtfeld von Insektenkadavern abgab. Und heute?

Die Ausstellung, kuratiert von Isabel Klusman, die sich seit ihrer Wahl zur Museumsdirektorin eine Insektenschau wünschte, zeigt nun die Tiere in ihrer Vielfalt: «Unser Wunsch ist es, dass wir mit der Ausstellung die Faszination für diese erstaunliche, ästhetische und ganz eigene Tierwelt wecken können.» Gleich der Eingang fasziniert mit den gigantischen Bildern von Levon Biss, die uns zu dem Raum führen, wo die doch eher winzigen Insekten unter Glas oder auf Videos und als Modelle zu bestaunen sind. Statt Stellwände wurden Compactus-Anlage-Teile genutzt, mit Schubladen voller Informationen, die je weiter wir uns vorarbeiten, desto mehr in Schieflage geraten – parallel zur dargestellten Entwicklung der Insektenwelt. Der Rundgang beginnt vor einer grossen Vitrine voller kleiner Tierchen – es sind 120 Insekten und 30 andere Lebewesen – ein spannendes Suchspiel.

Was macht ein Insekt aus? Welche dreissig in diesem Schaukasten gehören zu anderen Arten? Zwei Insektenforscher in der Ausstellung. Foto: E. Caflisch

Wurde bislang das Verschwinden von Insekten beobachtet, beschäftigt sich die Forschung heute auch mit den «subletalen Effekten». Durch die mit dem Dung ausgeschiedenen Medikamente des Viehs können männliche Dunginsekten steril, weibliche weniger fruchtbar werden, fasst der Entomologe Wolf Blanckenhorn seine Forschungen zusammen. In einer weiteren Arbeit an der Uni Zürich wurde untersucht, dass Rübsen, wenn sie über Generationen von Hummeln oder Fliegen oder von Hand bestäubt werden, sich verändern. Wenn Hummeln fehlen, verlieren die Blüten den Duft, wenn Fliegen bestäuben, schalten die Pflanzen vermehrt auf Selbstbestäubung um. Werden Bienen durch Pestizide dezimiert und Pflanzen vermehrt von Fliegen bestäubt, verändern sich Blühpflanzen rasant.

Gerade rechtzeitig zur Ausstellung konnte die Universität ein weiteres Forschungsergebnis publik machen: Das von Baumwanzen produzierte Antibiotikum Thanatin zerstört die äussere Membran von gramnegativen Bakterien. Forscher der Universität Zürich haben nun herausgefunden, dass dies durch einen bisher unbekannten Mechanismus geschieht. Thanatin soll deshalb als Ausgangsstoff für die Entwicklung neuer Antibiotika-Klassen dienen.

Links die Schiebefenster zur Metamorphose, rechts Statistik über Häufigkeit von Käfern, Fliegen und weiteren Insektenarten weltweit.

Der nächste Compactus visualisiert Insekten als Schädlinge – in der Landwirtschaft, im Garten, im Haus und direkt beim Menschen. Zur Bekämpfung wird Gift eingesetzt, so genannte Biozide, die manche fälschlicherweise für biologisch halten. Aber – wie die Ausstellung zeigt – gibt es durchaus auch biologische Schädlungsbekämpfung in Zürich: mit Nistkästen für Meisen zuhauf soll die Miniermottenplage bei den Rosskastanien reduziert werden. Der Versuch läuft.

Insekten sind Nahrung nicht nur von Vögeln, seit ein paar Jahren sind drei Sorten als Nahrung für unsereiner zugelassen. Ein Leckerbissen? Wohl noch gewöhnungsbedürftig, aber die Proteinwerte und die Ressourcen zu deren Produktion weisen darauf hin, dass Insektenproteine um ein Vielfaches ökologischer sind als etwa Rind- oder Schweinefleisch, wie ein paar Grafiken deutlich machen.

Korpus am kippen – ein Memento Mori

Eindrücklich der nächste Compactuskorpus: Er ist in gefährlicher Schieflage, seine Schubladen sind fast herausgekippt und zeigen ein Chaos von teils zerstörten Sammelobjekten aus der globalen Insektenwelt. Zur Beruhigung: Sie stammen aus einer Aufräumaktion, bei der Insekten, die für die wissenschaftliche Sammlung wertlos sind, weil sie ohne genaue Katalogisierung von Herkunft, Sammeldatum oder gar Name einst dort gelandet waren, aussortiert wurden.

Immerhin die Ausstellung endet nicht mit einer Prognose, wann die letzten Bienen oder gar die letzten Fliegen und mit ihnen die Vögel und die Säugetiere zugrunde gehen, sondern mit ganz konkreten Handlungsanweisungen, was zu tun wäre – als Garteneigner beispielsweise einheimische Blütenpflanzen fördern und kein Gift einsetzen.

Das Zoologische Museum ist auf Platz drei mit den Besucherzahlen in Zürich, gleich hinterm Landesmuseum und dem Kunsthaus, und viele Besucher sind noch lange nicht volljährig. So werden Sonderausstellungen so angelegt, dass Kinder spielerisch mit der Thematik vertraut werden und die Grossen mit Informationen über neueste Forschungsergebnisse gefesselt und mit der Metamorphose bei Laune gehalten werden.

Jedes Härchen, jede Facette der Augen genau nachgebildet: die Stubenfliebe von Julia Stoess

Wussten Sie, dass das, was bei einem Schmetterling vom Ei bis zum Falter wenige Wochen braucht, beim Hirschkäfer bis zu sieben Jahren dauert? Wer so einen ohne Vergrösserungsglas oder Mikroskop ansehen möchte, kann sich über ein Riesenmodell aus den Beständen des Museums freuen. Noch spektakulärer ist die Stubenfliege, gestaltet von Julia Stoess, da freut man sich, dass sie viel viel kleiner und höchstens lästig sind.

Bilder: © Zoologisches Museum, UZH
bis 30. Juni 2019
Zur Ausstellung finden regelmässig (jeden zweiten Sonntag um 11:30 Uhr) Führungen häufig mit Fachleuten statt. Dazu sind Abende unter dem Titel „Ein Blick in die Forschung“ geplant.