Gesellschaft

Belgrad: eine Stadt im Wandel

Winterreise in eine pulsierende Metropole – Serbiens Hauptstadt ist ein lohnendes Ziel

Von außen betrachtet viel Verkehr und an manchen Orten grau. Innen voller Leben. Keine Kulturhauptstadt doch ein Ort mit Potenzial. Es ist oft nicht klar, was hinter alten Fassaden lauert. Ausserdem die einzige europäische Stadt, die nach dem zweiten Weltkrieg bombardiert wurde – vor genau zwanzig Jahren.

Eine Stadt im Aufbruch

Wandel ist ein Wort, welches Belgrad gut beschreibt. Die Stadt befindet sich fortwährend im Transformationsmodus. Schon vor 7000 Jahren nachgewiesenermassen besiedelt von Menschen der Vinča-Kultur – einer der ältesten europäischen Kulturen. Von den Kelten gegründet und von den Römern, Osmanen und Habsburgern beherrscht. Oft zerstört und neu aufgebaut. Und heute? Belgrad erfindet sich wieder einmal neu. Darin ist die Stadt, an der sich die Ströme Save und Donau vereinen, Meister. Vieles ist im Fluss, im Niedergang, im Aufbruch.

Die Haupteinkaufsstrasse Knez Mihailova noch mit Weihnachtsdekoration

Gang durch die Altstadt Stari Grad

Die Altstadt am Rande der pannonischen Tiefebene auf einem Kalkriff – offensichtlich ein geschickt gewählter Ort für eine monumentale Festung. Und dass sich hier zwei mächtige Flüsse vereinen, macht die Lage noch bedeutsamer. Die Zitadelle trägt noch heute den türkischen Namen Kalemegdan, welchen ihr die Osmanen gegeben haben (Kale = Burg, maidan = Platz).

In der Festung Kalemegdan mit Blick auf die Save

Ein Rundgang am frühen Morgen gibt ein Gefühl von Freiheit. Vom Burghügel aus ein weiter Himmel, alte Bäume, Mauerreste und – gewaltige Festungsschanzen. Eine Wanderung in einer Oase der Ruhe. Am Abend ist die Grünanlage stark besucht. Ein bunter Lichtpark zieht trotz winterlicher Kälte Flaneure und Familien an.

Abend im Park der Festung

Die verkehrsfreien Strassen der Innenstadt im Stil des Historismus sind auch im kalten Februar belebt. Ausgehen ist in. Junge, auffällig gut gekleidete Leute, Strassenmusikanten, Familien auf Shopping-Tour. Alle grossen Marken sind in den vielen Boutiquen und Läden vertreten. Die Preise sind günstig.

Kneipen und Restaurants

Am östlichen Ende der Fussgängerpassage findet man ein topmodernes Einkaufszentrum mit Restaurants und einem schönen Blick auf die Unterstadt und die Save (Mama Shelter). Am Abend im Restoran Caruso im obersten Stock eines Geschäftshauses ebenfalls mit schönem Blick. In einem der ältesten Häuser in osmanischem Stil befindet sich das CaféKafana mit einer interessanten Entstehungsgeschichte. Belgrads Gastronomie ist im Umbruch. Heute türmen sich zwar in vielen Restaurants noch immer Zentimeter hohe Fleischberge auf den Tellern auf.

In der Altstadtkneipe Šešir Moj

Speziell im Viertel Skadarlija gibt es an der Skadarska-Strasse und der Francuska-Strasse alte Gasthäuser, eigentliche Kneipen, mit serbischer Küche und böhmischer Live Music, aber auch kulinarische Wohlfühloasen wie dasRestoran Klub knjizevnika(Schriftstellervereinigung). Ein Hotspot des neuen Belgrad ist die Beton Hala, eine frühere Lagerhalle am Ufer der Save. Das im Industrial Chic umgestaltete Gebäude beherbergt vorzügliche Restaurants mit Spezialitäten aus aller Welt. Belgrads Restaurantszene fügt sich ins wandlungsfähige Stadtbild ein.

Kreuz und quer durch Belgrad

Wir wollten mit dem Bus nach Zemun, einem Vorort, der zum Naherholungsgebiet der Belgrader gehört. Doch wo ein Ticket lösen? Im Bus verkauft der Fahrer keines, winkt uns aber wohlwollend trotzdem mitzufahren und deutet beim Austeigen auf einen bestimmtem Kiosk, aha klar, aber da gibt es keine Einzeltickets, nur Tageskarten, wie sich herausstellt. Die Verkäuferin rät uns auf Englisch: gebt euch als Engländer aus! Kommt ein Kontrolleur, passiert euch nichts – der kann bestimmt keine Fremdsprache.

Blick auf die Donau und Belgrad vom Gardošturm aus.

Aus dieser kleinen Szene gab sich ein Kontakt mit Mariana. Sie arbeitete als Lehrerin für serbische Kultur und Sprache in Wien. Sie empfiehlt uns einen kurzen Spaziergang zum schönsten Blick hinüber zur Donau und nach Belgrad von ganz oben, vom Milleniums-Turm Gardoš aus.

Am nächsten Tag machten wir es richtig, lösten eine Tageskarte, um auch ausserhalb des Zentrums einen Eindruck von der Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern zu bekommen. An den Traminseln stehen nur die Nummern der Linien. Aber keine Endstationen. Wir steigen also auf gut Glück in ein Tram und zeigen dem Fahrer mit dem Finger auf dem Plan unser Reiseziel. Die kyrillisch geschriebenen Strassennamen erschweren die Orientierung – die wichtigsten sind aber auch lateinisch beschriftet.

Zerstörungen aus dem Kosovokrieg von 1999

Neu-Belgrad zeigt sich mit Plattenbau-Wohntürmen aus der Tito-Zeit. Die Kriege der 90er-Jahre haben allerdings ein schweres Erbe hinterlassen. Die Geister der Vergangenheit spuken noch in vielen Köpfen. Mitten in der Stadt steht die Ruine des früheren Verteidigungsministeriums und erinnert an die Nato-Bombardements von 1999.

In Aussenquartieren entstehen Bürotürme aus Glas und Metall. In der Wintersonne blitzend stehen sie da wie Oasen der Moderne. Ein Baukonzern aus Abu Dhabi will eine milliardenschwere City, auch für reiche Auslandsserben, an der Save realisieren.

Ende der Tramlinie zum Hauptbahnhof

Die Fahrt mit dem Tram Nummer 20 vom Kalemegdan-Hügel hinunter zum Hauptbahnhof endet nach steilen Kurven unerwartet im Niemandsland. In einem kleinen Birkenwäldchen sind die Geleise unterbrochen. Die wenigen Fahrgäste steigen aus und gehen zu Fuss weiter. Wir sind etwas irritiert. Da ist ein Schienenkreis und gegenüber steht ein leeres Tram. Unser Fahrer hat sich zu einem Container aufgemacht und trinkt mit einem Kollegen einen Kaffee. Klar können wir wieder mitkommen. So fahren wir nach diesem kleinen Abenteuer auf den Burghügel zurück.

Das Museum der Illusionen

Dieser Bericht geht nicht auf Belgrads Sehenswürdigkeiten ein. Nur ein Tipp am Schluss: originell ist das Museum der Illusionen, das Muzej Iluzija. Man sollte zu zweit gehen und den Fotoapparat mitnehmen, um entsprechende Bilder schiessen zu können.

Aktuelle politische Lage

Serbien sucht noch seinen Platz in Europa. Die Regierung strebt seit 2012 den EU-Beitritt an. Doch Nationalismus und das Problem mit der Anerkennung des Kosovo erschweren Lösungen. Politische Gewalt und Korruption belasten das Zusammenleben. Das Land wird autokratisch geführt. Seit Wochen fordern Bürger, vor allem junge, mit regelmässigen Demonstrationen den Rücktritt von Präsident Aleksandar Vucic. Er wird von der EU weiter unterstützt. Die Wirtschaft Serbiens verzeichnet einen großen Aufschwung mit jährlichen Wachstumsraten von bis zu fünf Prozent. Investitionen kommen aus China und Russland. Der perfekte Botschafter für ein neues Serbien ist in den Augen vieler Belgrader Novak Djokovic, Nummer 1 des Welttennis.

Fotos: © Justin Koller
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