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Ein glückliches Leben bis zuletzt

Was ist Glück? In inspirierenden Porträts zeigen betagte Menschen, dass Glück eine Entscheidung ist, die man selbst trifft.

Im fernen Osten ist die Föhre ein Symbol für Beständigkeit und ein langes Leben, das sich jeder wünscht. Doch wir im Westen verbinden das Alter meist ziemlich hoffnungslos mit Schwäche, Krankheit und Abhängigkeit. Und wir tun alles, um jung und gesund zu bleiben, damit wir möglichst gut alt werden. Und wie steht es mit dem Glück?

Die Zürcher Buchautorin, Journalistin und Bloggerin Silvia Aeschbach wollte es genau wissen und befragte Menschen zwischen 80 und 100 Jahren während eines Jahres, wie sie ihr Glück gefunden und es sich erhalten haben.

Die elf im Buch porträtierten Frauen und Männer aus unterschiedlichen sozialen Schichten blicken auf ihre Lebensgeschichten zurück. Gemeinsam ist ihnen, dass sie schon früh das Glück immer wieder erkannt und bewusst empfunden haben, dies auch bei allen durchlebten Krisen und Verlusten, die in so einem langen Leben nicht ausbleiben. Von ihren Lebensgeschichten und Einstellungen, von ihren Rezepten für ein glückliches Leben können wir viel lernen.

 

 

 

 

 

Eine spannende Lebensgeschichte erzählt der 91-jährige Paul, der sich selbst als „Glückskind“ bezeichnet. Er lebte und arbeitete längere Zeit in Afrika und in den USA und meint: „Es würde vielen Menschen guttun, einmal aus ihrem engen Umfeld auszubrechen und sich den Wind der weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. Mich hat es jedenfalls glücklich gemacht, verschiedene Kulturen und neue Menschen kennen zu lernen“. Auch wenn Paul findet, Glück sei „einfach Zufall“, so zeigt es doch, man muss das Glück auch zulassen und offen dafür sein.

Jrmy, 85 „Man ist nie zu alt für das grosse Glück einer neuen Liebe“.

Dass man nie zu alt ist für eine neue Liebe, erfuhr die Autorin von der künstlerisch begabten Jrmy. Sie macht auf professionellem Niveau farbenfrohe Quilts und lebt in ihrem abgelegenen Haus auf dem Land. Sie fand im Alter noch einmal eine grosse Liebe. Ihr Mann, mit dem sie 45 Jahre verheiratet war, war schon vor ein paar Jahren gestorben, als sie sich mit 77 Jahren verliebte. Durch eine Bekannte hatte sie ihn kennengelernt und schon bald zog er samt seinen Windhunden bei ihr ein. Sie hatten eine glückliche Zeit und galten als das „Traumpaar.“ Doch leider musste sie auch ihn loslassen, er verstarb schon nach wenigen Jahren. Trotz der Trauer liess sie sich nicht unterkriegen: „Die Tatsache, dass ich in reifem Alter noch einmal ein solch grosses Glück erleben durfte, hat mich schliesslich mit dem Schicksal versöhnt“.

Suzette, 86, „Heute bin ich stolz darauf, ein Paradiesvogel zu sein“.

Suzette ist eine auffällige Erscheinung: schulterlange, flammend rote Haare, extravagante bunte Kleider, wie sie Frauen in ihrem Alter selten tragen. Sie bedauert, dass viele ältere Menschen keinen Mut mehr zu Farben haben, die ihr selbst so gut tun und sie glücklich machen. Sie sagt von sich: „Es ist nicht einfach, wenn man immer wieder als ‚schwarzes Schaf‘ oder gar als Aussenseiterin bezeichnet wird. Für mich war dies jedoch eine Motivation, meine Besonderheiten zu akzeptieren und sie zu entwickeln“.

Für die meisten Menschen, die Silvia Aeschbach traf, sind die Beziehung, die Liebe und vor allem auch die Familie immer wieder ein wichtiger Faktor für Glücksgefühle. Eine andere wichtige Quelle für das Glück sind auch gelebte Leidenschaften, wie für den 85-jährigen Max, der seinen Rosengarten mit weit über 100 Arten hegt und pflegt. Für andere hängt das Glück mit Leistung und Disziplin zusammen, ob im Beruf oder im Sport, wie für den 80-jährigen Bruno, der als Tennissportler mit internationalen Wettkämpfen, aber auch früher schon als Zahnarzt, erfolgreich ist.

Margrith, 85, „Meine Aktivitäten und mein Engagement haben mich jung gehalten“.

Auch Menschen, die nicht auf der Sonnenseite stehen, können glücklich sein, wie Margrith, die in einem strengen Elternhaus aufwuchs und schon früh in der Pension ihrer Mutter mitarbeiten musste. Mit 45 Jahren verlor sie plötzlich ihren Mann durch Herzinfarkt: „Nicht hadern mit Dingen und Ereignissen, die du nicht verändern kannst“, ist Margriths Rezept, um sich von Schicksalsschlägen nicht herunterziehen zu lassen.

Solche persönlichen „Rezepte“ folgen jeweils im Anschluss an jede der elf Lebensgeschichten. Es sind Weisheiten, die einen berühren und zeigen, dass unterschiedliche Wege zum Glück führen und das Glücksempfinden und der Umgang mit dem Glück sehr verschieden sein können. Verbitterung und Unzufriedenheit vergiften das Leben. Seine Leidenschaften leben, neugierig bleiben und Dankbarkeit tragen dazu bei, das Glück zu erfahren und es sich zu erhalten.

Seit einigen Jahren untersucht die Wissenschaft den Prozess des Alterns und beweist in zahlreichen Studien, dass immer mehr Menschen ihre dritte Lebenshälfte als ihre glücklichste erleben. Wir werden immer älter, bei besserer körperlicher und geistiger Gesundheit, durch medizinische Fortschritte sowie einen gesünderen Lebensstil. Wir können unsere Lieblingstätigkeiten länger ausüben, so werden unser Wohlbefinden und unser persönliches Glück gesteigert. Nicht das Schicksal bringt uns das Glück, sondern Glück ist unsere Entscheidung.

Silvia Aeschbach, Glück ist deine Entscheidung. Mein Jahr bei den Ältesten und was ich von ihnen gelernt habe, mvg Verlag, München, 2019, ISBN Print 978-3-86882-953-2, ca. 20.- Fr.

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