Gesellschaft

"Gott kontrovers" - wissen oder glauben?

Der Physiker und Informatiker Walter Hehl stellt zur Gott-Problematik bohrende Fragen und gibt erhellende Antworten aus Naturwissenschaften und Technik.

Walter Hehls wissenschaftliche Laufbahn als Physiker und Entwicklungsingenieur hat ihn seit seiner Pensionierung zu einem viel beachteten Sachbuchautor werden lassen. Nach umfassenden Kompendien über „Die unheimliche Beschleunigung des Wissens“ und zu Galileo Galilei ist nun im vdf Hochschulverlag  an der ETH Zürich „Gott kontrovers: Was noch in Würde zu glauben ist“ publiziert worden.

Die hohe Komplexität der Thematik hat uns bewogen, ihm ein paar Fragen zu seinen Beweggründen und den während Jahrzehnten gewonnenen Erkenntnissen zu stellen.

Joseph Auchter: Was hat Sie bewogen, nach den beiden Sachbüchern über die Zukunft der Computer und über Galilei nun über das ewige, ambivalente Seilziehen zwischen den Naturwissenschaft und der Religion zu schreiben?

Walter Hehl: Dies ist nicht so abwegig: Galilei ist ja ein physikalisch-religiöser Fall, und die Computer spielen im Menschenbild eine wachsende Rolle. Sie geben uns prinzipiell die Chance, viel mehr zu verstehen als zuvor, etwa dass die Evolution ein Softwaresystem ist und was Intelligenz ist. Ausserdem ist es ein bekanntes Phänomen, dass ältere Physiker philosophisch werden und sich in ganz andere Bereiche einmischen. Und ich habe nach der beruflichen Tätigkeit bei der IBM Forschung und TU Dresden jetzt zehn Jahre Zeit gehabt, meine Gedanken aufzuschreiben und zu veröffentlichen.

Warum gerade Religion?

Religion ist ein heisses Thema mit einem beträchtlichen Gehalt an Philosophie und grosser Bedeutung für uns alle. Zum einen hat sie politische Auswirkungen, ist aber auch für jeden von uns ganz persönlich bedeutsam. Es ist mir wichtig, dass die Menschen, die mündig sein wollen, keinen totalen Unsinn glauben (müssen) oder, wenn sie es tun, es wenigstens realisieren.

Als Gründungsmitglied der Skeptiker der Schweiz bin ich allgemein an Aufklärung interessiert. Und dann wollte ich mir selbst über mein Gesamtbild „Religion“ klar werden.

Der Physiker und Informatiker Walter Hehl

Wenn man nicht mehr an das geozentrische Weltbild glaubt, und das tut ja wohl auch die Kirche nicht, was wollen Sie denn noch aufklären?

Das heliozentrische Weltbild, von der katholischen Kirche 1822 als Tatsache anerkannt, ist eine Grundlage. Aber es gibt viel mehr im klassischen Weltbild der Religionen; schliesslich sind sie 2500 Jahre, 2000 Jahre oder 1400 Jahre alt, wenn wir (schriftliches) Judentum, Christentum und Islam ansehen. Der Geist und die Vorstellungen dieser vergangenen Epochen sind in den Religionen fest eingebaut. Damals hat man mit Leichtigkeit an Dinge glauben können, die den Grundfesten heutiger Wissenschaft gänzlich widersprechen: Ich glaube es, es ist einfach so, ich nenne es den „Willy-Nilly-Effekt“: Es gibt den Himmel, die Hölle, die Auferstehung von den Toten, ein Leben nach dem Tode, Allmacht und Allwissen, alles einfach so. Ich versuche im Buch plausibel zu machen, dass es nicht so einfach ist.

Gibt es denn Ihrer Meinung nach überhaupt einen Gott?

Sicher keinen persönlichen Gott. Ich versuche zu zeigen, dass unser ganzes menschliches Denken ungeeignet ist, auf Kosmisches angewandt zu werden – es geht einfach nicht, wir haben nicht das Zeug dazu. Da werden mir religiöse Mystiker wohl sogar zustimmen, aber es dann gleichwohl tun. Wir haben jedoch ein fantastisches Werkzeug, das fest mit der Natur verbunden ist: die Mathematik.

Aus der Warte von Physik und Philosophie gesehen  haben wir traditionell sogar zwei fundamentale Götter: einen Gott, der über den physikalischen Gesetzen steht (den Schöpfer der Welt), und einen Gott, der über der Psychologie steht (mit dem wir reden). Das sehe ich im Buch genauer an.

Warum sollten thematisch Sensibilisierte das Buch lesen? Ist Ihre Auslegeordnung nicht deprimierend?

Es ist vielleicht schmerzhaft, gute Geister der Kindheit aufzugeben: Aber zum einen, sind es ja nicht nur gute Geister, sondern auch Dämonen, die man aufgibt. Zum anderen erhält man dafür mehr Selbstverantwortung und  Würde, kurz: man wird mündig.

 

Der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal (1623-1662) hat einmal auf eine Wette gesetzt, ob Gott existiert oder nicht. Zitat: „Schätzen wir diese beiden Möglichkeiten ab: Wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles, wenn Sie verlieren, verlieren Sie nichts. Setzen Sie also ohne zu zögern darauf, dass er ist.“ Soll uns das Trost sein?

Zunächst kann es durchaus sein, dass Pascal seine Wette nur als Einladung zum Nachdenken gemeint hat. Die Wette ist ja sowohl theologisch wie mathematisch sehr trügerisch; das zeige ich im Buch.

Für Menschen, die an einen „echten“ Gott glauben, habe ich etwas Tröstliches: Es gibt eine Grauzone zwischen Wissen und Gegenwissen (Kontra-Wissenschaftlichkeit), die mit der Wissenschaft verträglich ist. Es sind Aussagen, die versteckte Eingriffe einer Gottheit bedeuten. Wir können sie Zufälle nennen. Schon Albert Schweitzer hat im Wirken des Zufalls  „das Pseudonym Gottes“ gesehen. Dies kann man insbesondere auch für das Wirken in der Evolution denken – jedoch im Rahmen von vier Milliarden Jahren und nicht von sechs Tagen. Und es ist eine freundliche Hypothese, dass es Gott war, der Sie auf dem Zebrastreifen gerade noch vor dem nahenden Auto gerettet hat.

Insgesamt entsteht etwas wie die berühmte „Einsteinsche kosmische Religion“ (die sogar einen Wikipedia-Artikel hat): die Bewunderung der (oft allerdings kalten) Schönheit und des Grossen im Kosmos und im Lebendigen. Mein Lieblingsbegriff dazu ist das „ozeanische Gefühl“, eine Wortschöpfung des Literaturnobelpreisträgers Romain Rolland.

Ausserdem verstehe ich Menschen in einer Grenzsituation (etwa beim Tode eines Angehörigen), wenn sie Trost bei einem persönlichen Gott suchen. Vor allem in der härtesten Zeit.

Die Kirche hat ihren Machtanspruch während Jahrhunderten mit unfehlbarer Selbstherrlichkeit vertreten und wissenschaftlich ungesicherte Erkenntnisse zu Glaubenslehren und Dogmen erhoben. Nun hat der Wind gedreht und die Naturwissenschaften neigen zu einer gewissen Überheblichkeit, indem auch Sie Gläubige als ziemlich naiv bezeichnen. Ihr Zitat: „Die Idee des Buchs entstand aus demStaunen, dass sonst aufgeklärte Freunde ohne einen Zweifel an Konzepte glauben, die dem Weltbild des Mittelalters angehören.“

Ich definiere im Buch, was ich unter „naiv“ verstehe, nämlich etwas auszusagen ohne tieferes Verständnis. Die Aussage kann korrekt sein, aber vieles ist eben doch anders – nicht nur, dass die Erde sich doch bewegt. Manches Neue ist gar nicht so schwierig und keine „Rocket Science“, etwa dass der „Geist“ die Materie benötigt und dass wir einen seelischen Bindungseffekt eingebaut haben.

Dann geht es nicht um die Überheblichkeit der Wissenschaftler, sondern um die Verweigerung der Gläubigen, die die menschliche Einzigartigkeit angegriffen sehen oder einfach in der Tradition der Vorfahren gefangen bleiben (wollen).

Sie zitieren aber auch den Psychologen Dietrich Dörner mit der bemerkenswerten Folgerung: „Jeder Physiker, der etwas auf sich hält, wird, so scheint es, kaum dass er die Siebzig überschreitet, zum Metaphysiker“ (also zum Philosophen). Wie halten Sie es persönlich damit?

Ich bekenne mich schuldig! Aber es ist eine besondere, recht konkrete Art des Philosophierens, die nahe an wissenschaftlichen und technischen Erfahrungen bleibt. Manches erscheint vielleicht frivol und anmassend zu sein, aber die Gedanken spannen einen Bogen von Physik und Informatik zu Psychologie und Geschichte – wie es eben ein religiöses Weltbild versucht.

Herr Hehl, ich bedanke mich für Ihre Denkanstösse und das Gespräch.

Nachtrag: Aus seiner Tätigkeit als Physiker und Manager in Entwicklung und Forschung  bei IBM entstanden mehrere Bücher zu den Triebkräften der Informationstechnologie und zur Entwicklung von Innovationen in der Industrie. Die Verbindung von Physik und Softwareentwicklung führte zu Büchern über pragmatische Erkenntnistheorie, zur Übertragung von Softwarekonzepten in die Philosophie und zur Entwicklung einer modernisierten Form der Popperschen Drei-Welten-Lehre. Die Grundidee ist ein Weltmodell mit Physik für die unbelebte Welt, mit verallgemeinerter Software für die belebte und die digitale Weltund gegebenenfalls mit Geist in der Form zum Beispiel von Kunst.

Die Diskrepanz zwischen dem glorreichen Bild von Galileo Galileiin der Öffentlichkeit und dem „wahren“ Galilei führt das Buch „Galileo Galilei kontrovers“ vor. Es zeigt auch unbekannte Facetten von Galilei und viele Irrtümer um und von Galilei im Geist seiner Zeit.

Eine Schlussfolgerung aus den Erkenntnissen in Physik, Informatik, Psychologie und der eigenen Lebenserfahrung ist das Buch „Gott kontrovers – was noch in Würde zu Glauben ist“. Es versucht die Grenze von Wissen und Glauben nach den Wissenschaften des 21. Jahrhunderts neu zu ziehen in den genannten Bereichen. Versöhnliche Gedanken sind etwa die Bedeutung des Zufalls, das ozeanische Gefühlvon Romain Rollandund Einsteins kosmische Religion. Ein begrenztes Überschreiten der Grenze in „Grenzsituationen“ ist als menschlich erlaubt.

Walter Hehl: „Gott kontrovers – Was noch in Würde zu glauben ist“, erschienen im vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, ISBN 978-3-7281-3930-6