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Kinobesuche

Manchmal gehe ich in kurzen zeitlichen Abständen zwei, dreimal hintereinander ins Kino. Dann wieder lange nicht. Womit das zusammenhängt, weiss ich nicht.

 

Sicher auch mit dem Angebot. Aber nicht nur. Eher mit der Überfülle an kulturellen Veranstaltungen im Raum Zentralschweiz ganz allgemein. Jetzt liegt auch wieder eine solche Parforceleistung hinter mir. Denn bereits ein Kinofilm pro Tag fordert mich gehörig heraus. Meistens gehe ich zusammen mit Bekannten. Ich will ja nachher über das Gesehene sprechen können. Also ist dann noch ein Umtrunk fällig!

 

Ich nenne drei Stichworte: RBG, Gateways, Sturm. Wesentliches darüber konnte auf Seniorweb bereits gelesen werden. Das hindert mich aber nicht,  auch noch meine persönliche Sicht beizusteuern, möglichst kurz. Über Filme kann man nicht genug erzählen. Sie sollen ja weiterhin ihr Publikum bekommen. Kinosäle mit nur einer Handvoll Gäste sind nie besonders attraktiv. Ich fühlte mich als einzelne Besucherin in einem Zuschauerraum auch schon so einsam, dass mir die absurdesten Gedanken für den Plot eines Kriminalromans durch den Kopf schossen. Blühende Fantasie eben.

 

Ich beginne mit Ruth Bader Ginsburg (RBG) geboren 1934, mit der Dokumentation über sie. Diese Dokumentation könnte man sich mehrmals ansehen. Sie ist so dicht gewoben, dass ich fast nicht nachkam mit Verstehen. Als junge Anwältin bewirkte RBG durch ihre Arbeit beim obersten Gericht der USA einige bahnbrechende Entscheidungen zum Thema Gleichstellung der Geschlechter.

 

Das stöberte in meinem Gedächtnis Erinnerungen auf. Darüber hatten wir doch damals auch gesprochen. Das hatte auch in der Schweiz Aufsehen erregt. Der Film lässt aber keinen Platz, eigenen Erinnerungen nachzuhängen. Das kommt nachher.

Der Film zeigt nicht nur auf, was Ruth Bader Ginsburg gemacht hat. Er zeigt auch auf, was Amerika mit Ruth Bader Ginsburg gemacht hat. Nicht nur können wir  im Film teilnehmen an ihren öffentlichen Auftritten, an ihren Begegnungen mit Präsidenten der USA, an Ehrungen. Auch das Unterhaltungsprogramm hat sich ihrer voll bemächtigt. Sie wird immer wieder «The Notorious RBG» genannt. Im Film wird gezeigt, wem das nachempfunden ist, einem Rapper. Er wird als der grösste Rapper aller Zeiten betrachtet und heisst: «The Notorious B.I.G». Eine höchste Richterin wird in ihrer Wirkung «dem grössten Rapper aller Zeiten» gleichgestellt. Das ist unschlagbar und wohl nur in den USA möglich!

 

Bleiben wir in den USA. Kommen wir zum Leben des Schweizers Othmar H. Ammann (1879 -1965), einem der bedeutendsten Brückenbauer der Welt, wie es im Internet heisst. Mit ihm sind Namen wie George-Washington-Bridge oder Verrazano-Narrows-Bridge verbunden. Bei der Golden-Gate-Bridge war er als beratender Ingenieur dabei. Eindrücklich wird im Film «Gateways to New York» auch das Leben der Stahlarbeiter gezeigt, die diese Brücken bauten. Am meisten faszinierte mich aber, wie Ammann den «Moloch Autoverkehr» zähmte, verflüssigte, ihm Ausläufe verschaffte. Ohne Rücksicht auf Verluste für das benötigte Land, für die Menschen, die ihre Siedlungen räumen mussten. Auch da wird im Film nichts beschönigt. Der Verkehr hatte zu fliessen!

 

Und plötzlich drängte sich mir der Gedanke an eine Gemeinsamkeit zwischen RBG und Ammann auf. Auch Ruth Bader Ginsburg brachte die gestauten Gedanken der Bundesrichter zum Fliessen. Sie hatten ihre Entscheidungen immer aufgrund einer Gesellschaftsordnung gefällt, in der der Mann das Mass aller Dinge ist. Und die junge Anwältin zwang sie mit ihrer überzeugenden Argumentation dazu, in Zukunft aufgrund eines Gesellschaftsmodells zu entscheiden, in welchem Mann und Frau die gleiche Stellung haben. Der Fluss der Gedanken, Argumentationen nahm von da an eine neue Richtung!

 

Und wie passt denn  hier die Zentralschweiz hinein? Ausgezeichnet! Vieles war auch hier verstockt, verhärtet, zementiert, wurde von vielen so empfunden. Der Film «Nach dem Sturm» dokumentiert das Aufbegehren der Jungen 1969. Und zeigt raffiniert an einzelnen Akteuren auf, wie sich ein neuer Geist eine Bahn schuf. Wir begegnen etwa Thomas Hürlimann oder Jo Lang.

 

Bemerkenswert am Film finde ich, wie er Landschaften und Gebäude einsetzt, ja inszeniert. Überall brodelt es untergründig in der Zentralschweiz.Und im Film sehen wir immer wieder wunderbare Landschaften, Seen, Wiesen, Berge, die Beständigkeit der Natur! Die Jungen rütteln an den Grundfesten der Gesellschaftsordnung. Und immer wieder begegnen wir den Klostergebäuden, zu denen die Klosterschulen und Internate gehören. Die Steine stehen und bestehen. Aber, sie hindern den Fluss der Gedanken nicht. Mächtige Gewölbe, grosszügige Räume, breite Gänge: Hier ist genügend Platz für fliehende und fliessende Ideen auch kommender Zeiten!

 

Kinobesuche können zu Einsichten und Erkenntnissen verhelfen, können Gedanken zum Fliessen bringen.

 

«RBG – ein Leben für die Gerechtigkeit» von Betsy West und Julie Cohen. «Gateways to New York» von Martin Hitz. «Nach dem Sturm» von Beat Bieri und Jörg Huwyler.

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