Kolumnen

In vino veritas

Was schon vor mehr als zweitausend Jahren galt, ist aktueller denn je! 

Noch selten hat sich der Spruch «In vino veritas», den der Lyriker Alkaios von Lesbos um 600 vor Christus geprägt hat, so deutlich und offen als wahr erwiesen wie im Ibiza-Video, das den grossen Regierungsskandal in Österreich ausgelöst hat. Vizekanzler Heinz-Christian Strache liess sich in feuchtfröhlicher und machtlüsterner Stimmung gehen. Die Ausschnitte aus dem Video demonstrieren seine Käuflichkeit und seine verräterische Natur. Nun gibt es Leute, in erster Linie Innenminister Herbert Kickl, die glauben, die Aussagen ihres Parteifreundes leichtfüssig herunterspielen zu können. Er sei halt besoffen gewesen. Das entschuldige ihn zwar nicht, aber es klang aus dem Mund des Innenministers, als ob Strache mildernde Umstände geltend machen könnte. Strache zog die Konsequenzen und trat von seinem Amt zurück. Er wusste, dass dieses sechsstündige Video viele kompromittierende, unerträgliche Aussagen enthält. Die Journalisten griffen nur heraus, was im öffentlichen Interesse steht. Mit dem Rücktritt Straches ist das Experiment der Zusammenarbeit von Volkspartei und Freiheitlichen in Österreich gescheitert. Auch das Image des jungen, ehrgeizigen Kanzlers Sebastian Kurz wurde durch die Ereignisse beschädigt. Nun kommt es im September zu Neuwahlen.

Im meiner Kolumne geht es nicht um Politik, vielmehr um die Bedeutung des uralten, im Volksmund geläufigen Wortes «In vino veritas». Das Sprichwort meint, man sage betrunken nichts, was man nicht sonst auch denke und was im Charakter des Menschen liege. Wein- oder übermässiger Alkoholgenuss sprengt die Hemmungen. Er öffnet die Schleusen der Triebe und des Begehrens. Was  die Triebwelt im Unbewussten durch Jahre präpariert, bricht aus, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Was Strache im Video sagt, hätte er unter Alkohol niemals gesagt, wenn es nicht seinen Wünschen und Machtträumen entsprochen hätte. Der Machtrausch wohnt der Trunkenheit gleich ursprünglich inne wie die Worte. Zügeln in nüchternem Zustand noch Verstand und Vernunft, taktisches Denken und Spekulieren, so fallen im Rausch die Fesseln weg. Wird sich im politischen Alltag die Gelegenheit bieten, wird der Mensch, der so gestrickt ist wie ein Strache, ausführen, was er betrunken daherredet.

Der römische Historiker Tacitus – bei Google nachzulesen – schreibt, dass die Germanen bei Ratssitzungen immer Wein tranken, weil sie glaubten, niemand könne besser lügen, als wenn er betrunken sei. Man erkenne, wer ehrlich und wahr rede oder in wessen Rede sich die Lüge offenbare. Dieser Trinktest wäre der beste Lügendetektor. Wer genau auf die Worte eines Protagonisten achtet, erkennt, wie gross die Fähigkeit ist, sich zu verstellen und Unmögliches zu versprechen. Zum Wort «in vino veritas» könnte noch ein anderes lateinisches Wort hinzugefügt werden: «Mundus vult depici», die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden, «ergo depiciatur». Zum Glück gibt es Videos!