Kolumnen

Freie Kinder Gottes

Sind wir nicht vielleicht zu ernst und etwas freudlos geworden?

Goethe hat Eckermann, seinem Schreiber, einen Satz diktiert, der mir nicht aus dem Sinn will: «Das Schlimmste ist, dass alles Denken zum Denken nichts taugt, nichts hilft, man muss von Natur richtig sein, so dass die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor uns dastehen, und uns zurufen: Da sind wir.» Philosophen mögen den Satz bestreiten, einem Poeten ist er aus der Seele geschrieben. Goethe sind wunderbare Gedichte eingefallen, die ihm wie freie Kinder Gottes erscheinen mussten. Er brauchte sie nur aufzuschreiben. Das berühmte Gedicht ein «Gleiches» «Über allen Gipfeln ist Ruh…» Oder eines der schönsten Gedichte der deutschen Literatur: «An den Mond» – «Füllest wieder Busch und Tal / Still mit Nebelglanz, / Lösest endlich auch einmal / Meine Seele ganz…» Als er am 15. Juli 1775 über den Zürichsee gerudert wurde, fielen ihm die Verse ein: «Ich saug‘ an meiner Nabelschnur / Nun Nahrung aus der Welt. / Und herrlich rings ist die Natur, / Die mich am Busen hält…» So ein Gedicht kann kein Dichter, keine Dichterin ausdenken. Es fällt ihr oder ihm zu.

Man wird dagegen sagen, bei den Gedichten möge Goethe Recht behalten, auch sein Satz sei ja nur ein Einfall. Denken aber sei etwas Anderes, etwas Komplizierteres. Zugegeben, ohne lange Arbeit, ohne langes Überlegen wird keine systematische Philosophie entstehen. Auch die Ergebnisse der Forschung sind Früchte langer Anstrengung. Sie sind aber nicht Früchte der Denkbemühung, sie sind das Resultat von Fragen, die sich plötzlich wie von selbst beantworten. Ein berühmtes Beispiel ist das sogenannte Heureka-Erlebnis: «Ich habe es gefunden!» Als Archimedes in der Badewanne sass, entdeckte er das spezifische Gewicht und rannte voller Freude nackt aus der Badewanne durch Syrakus und rief: «Heureka!» Erfolgreiche Unternehmer und Unternehmerinnen behaupten oft, sie seien dem Bauchgefühl gefolgt. Auch hier behält Goethe im Grunde Recht. Viele Fragen werden beantwortet, weil das Gehirn stets aktiv bleibt und weil alle Kräfte wie Intuition und Phantasie, Anschauungskraft und Erfahrung, Verstand und Vernunft stets abwechslungsweise im Spiel sind.

Die Vögel machen es uns vor. Wann singen sie am virtuosesten und sehr erfinderisch? Wann flötet die Amsel ihr schönstes Lied vom hohen Baum? Wann schmettert sie die feierlichste Strophe ihres Repertoires in den frischen Morgen und in den Abend hinaus? Immer dann, wenn sie in mässiger Erregung im entspannten Feld auf dem obersten Zweig eines Baumes oder auf einem Giebel verkündet: «Da ist mein Reich!» Sie ist in guter Stimmung und in einer heiteren Gleichgewichtslage. Schleicht eine Katze um ihr Nest oder balzt sie um ihr Weibchen, gehen die höheren Feinheiten verloren und man vernimmt ein sich wiederholendes eintöniges Schnarren. In ähnlicher Weise ist der Mensch erfinderisch, wenn er in einer Gleichgewichtslage und in guter seelischer Stimmung sich für Einfälle bereit hält.

Einer der originellsten Schweizer Dichter, Robert Walser, war ein Poet, der gleichsam abgerückt vom Ernst des Lebens Texte und Gedichte schrieb, die ihm wie freie Kinder Gottes zuflogen. Das Wort war ihm geschenkt, wenn er sich fröhlich durch die Welt schlug: «Ohne dass ich in Mühe erglühe, / ich immer wieder blühe.»* Man  muss Walser lesen, um zu erfahren, wie bei ihm Einfälle wie Schwalben herumsegelten. «Der Bub», eine kurze Geschichte, beginnt: «Soviel Zeit mit Niederschrift zu verlieren. Schade um das verlorene Embonpoint (Schmerbauch). Du hättest eine wahre Entschwundenheit werden können. Du hast versäumt eine Fabel aus dir zu machen. Bestimmte dich das Schicksal nicht  zum gemachtesten Mann?» Das ist herrliche Selbstironie. Ist sie uns nicht verloren gegangen, weil wir viel zu oft funktional denken, und selten geduldig auf freie Kinder Gottes warten, die uns zurufen: da sind wir.

*Robert Walser: Aus dem Bleistiftgebiet. Mikrogramme 1924/25