Kultur

Heidi – Japanerin mit Kulleraugen

Im Landesmuseum ist Heidi aus Japan zu Besuch, die Trickfilmfigur, welche Yoichi Kotabe schuf. Wie der Roman von Johanna Spyri hat die Trickfilmserie Alpenmädchen Heidi seit den siebziger Jahren bis heute das Bild von der kleinen Waise, die zum Grossvater auf die Alp, später nach Frankfurt kommt, weltweit Kinderseelen begeistert.

Die Ausstellung Heidi in Japan beleuchtet die Vermischung zweier Kulturen und die Entstehungsgeschichte der japanischen Trickfilmserie von 1974, die global in unzähligen Ländern am Fernsehen gezeigt wurde. Diese Serie wiederum war der Beginn der japanischen Anime-Kultur, weil sie wesentlich zur Popularisierung des Genre beitrug. Aber davor war der Welterfolg des Kinderromans von Johanna Spyri, welcher noch zu Lebzeiten ein internationaler Bestseller wurde. In der Ausstellung liegen japanische Übersetzungen, unter anderem eine von 1934, die einem der Filmemacher gehörte.

Blick in die Ausstellung. © Schweizerisches Nationalmuseum

Heidi war längst zur Werbebotschafterin einer heilen Alpenwelt und Marke für die Schweiz geworden. Heute will jede auf internationale Gäste fokussierte Bündner Berglandschaft zwischen Maienfeld und St. Moritz ihr Heididörfli haben, die Labels für Käse, Hotellerie oder Klamotten sind Legende, und viele Schweizerinnen und Schweizer wissen nicht einmal, dass sie damals eine Japan-Serie als ihr klassisches Heidi am Fernsehen schauten.

Nach dem zweiten Weltkrieg begeisterte die heile Alpenwelt, dargestellt in der Geschichte des fröhlichen Kinds aus den Bergen die Japaner im Wirtschaftswunder. Und die Zeichentrick-Serie trug dazu bei, dass Heidi bis heute in jedem Winkel des weltweiten Kinderkosmos seinen Platz hat.

  Bei der Vernissage basteln nicht nur die Kleinen hochkonzentriert.

Die Ausstellung wendet sich auch explizit an Kinder, es gibt Bilderbücher, Bastelbögen mit Kotabes Heidi und Zeichenanleitungen sowie ein Leiterli-Spiel, welches nach dem Besuch der Ausstellung auch zuhause an Ferientagen Freude machen wird. Beeindruckend übrigens, wieviele und welche Alltagsgegenstände (Geschirr, Nippes, Puppen, Bilderbücher) in Japan aufgrund des Anime produziert wurden.

  Skizze für „Alpenmädchen Heidi“ von 1974 © Yoichi Kotabe

Für die Grossen gibt es in der Schau die Originalskizzen von Heidi, Peter, dem Alpöhi und den Tieren, welche dann umgesetzt und animiert wurden. Erfunden wurde Joseph der Bernhardiner, der beim Alpöhi lebt. Der fast so berühmte Schweizer Hund aus dem Wallis wäre für Johanna Spyri wohl eher ein No Go gewesen.

Der 52teilige Anime vom Alpenmädchen Heidi wurde von zwei Männern Hayao Miyazaki und Isao Takahata aufgrund der Skizzen von Yoichi Kotabe hergestellt. Sie sind Gründer des später weltberühmten Studio Ghibli, während der Zeichner heute ein absoluter Star der Szene ist, der auch bei der Erfindung von Super Mario und Pokémon seine Finger im Spiel hatte. Am 30. August kommt Yoichi Kotabe zum Fokustag ins Landesmuseum, bei dem sich der Grossmeister mit anderen illustren Gästen über die Bedeutung der Heidifigur für Japan, die Entstehung der Anime-Branche mit ihren Millionenerfolgen und über die kulturelle Verbindung zwischen beiden Ländern austauscht.

  Klara und Heidi als Stoffpuppen in einer Vitrine mit Heidi-Devotionalien

Der Beginn dieser Beziehung liegt Jahrhunderte zurück: 1723 betrat der erste Schweizer, Kapitän Elie Ripon aus Fribourg, in Nagasaki japanisches Festland. 1861 kam eine erste offizielle Delegation mit Aimé Humbert-Droz nach Japan, um Märkte für die Uhren- und die Textilindustrie zu erschliessen, im Gegenzug wurden japanische Seiden in die Schweiz importiert. Heute bestehen enge Beziehungen in Handel und Forschung, dazu ein reger Kulturaustausch, wie Hans Bjarne Thomsen vom Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich feststellt. Der Professor wird den Fokustag zum japanischen Blick auf die Schweiz am 30. August mitverantworten. Dabei tritt auch die Familie Schwarz auf: Sie hat den Originalsoundtrack zur Zeichentrickserie aufgenommen, ohne ein Wort Japanisch zu verstehen:

Yoichi Kotabe ist übrigens nicht zum ersten Mal in der Schweiz. 1973 hat er mit drei Kollegen für das Anime-Projekt im Heidiland um Maienfeld gezeichnet, recherchiert und fotografiert, um die Realität der Berge, der Landschaft und der Menschen in ihrem bäuerlichen Alltag möglichst authentisch umsetzen zu können. Eine Fotoserie zeigt Stationen dieses Lokehan. Und selbstverständlich gibt es in dieser kleinen und reichhaltigen Ausstellung auch Szenen aus dem Anime mit «unserem» japanischen Heidi zu sehen.

Bis 13. Oktober
Weitere Informationen zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen gibt es hier:
Landesmuseum Zürich: Heidi in Japan