Kolumnen

Wenn die Sprache das Patriarchat verrät

Seit dem Frauenstreiktag, mit dessen Anliegen sich Hunderttausende – darunter auch viele Männer – solidarisierten, kocht die Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter an jeder Parteiversammlung und an jedem Frauenstamm wieder hoch. Es ist ja auch nicht einzusehen, weshalb Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt sein sollen als Männer. 

Doch zeigt die Sprachgeschichte, dass die maskuline Domäne in unserem Kulturkreis während 2000 Jahren ihre schwer tilgbaren Spuren hinterlassen hat. Der berechtigte Wunsch nach gendergerechter Sprachregelungen ist das eine, der lange Schatten patriarchaler Sprachprägung das andere. So „subito“, wie sich das gellende Aktivistinnen gerne herbeiwünschen, ist das Rad der Geschichte also nicht zurückzudrehen. Und wo der Feminismus mit der #MeToo-Debatte die Männerwillkür zu Recht in die Schranken weist, ist das Wehklagen der Ewiggestrigen über Gleichmacherei nicht weit.

Die Korrektur unseres Sprachsystems in Wortschatz, Grammatik und Rechtschreibung wird durch die feministische Linguistik seit Jahrzehnten vorangetrieben, mit teils fragwürdigen Sprachblüten und schwerblütig hässlichen Umschreibungen. Stein des Anstosses ist insbesondere das generische Maskulinum, also die Bevorzugung maskuliner Substantive, welche unsere Sprachgeschichte bis auf den heutigen Tag prägen. Sollen wir konsequent sein und die weibliche und die männliche Form, z.B. Bürgerinnen und Bürger, immer bevorzugen oder ist auch Bürger(innen), Bürger/innen oder Bürger-Innen korrekt? Der Leitfaden der Schweizerischen Bundeskanzlei hält die Einklammerung der weiblichen Endung – z. B. Lehrer(in) – nicht für eine adäquate Lösung, weil in Klammern üblicherweise stehe, was für das unmittelbare Verständnis nicht notwendig ist und deshalb überlesen werden könne. Auch die Fussnote *, die Frauen seien im Text immer mitgemeint, ist umstritten.

Das Goethe-Institut empfiehlt Kreativität, um einerseits „eine gute gendergerechte Sprache“ zu erreichen und um andererseits zu vermeiden, dass „gendergroteske Sprachirrungen“ entstehen, die zur „eigenen Karikatur“ werden und den Sprachfluss zerstören. Mitgliederinnen, Landammännin oder Menschinnen ist also genauso Nonsens wie „Göttin sei Dank“. 

Apropos Mensch: Die lateinischen Sprachen kennen für Mensch und Mann nur einen Begriff, also Homo, Homme oder Hombre. Die Frauen zählen mit Femina, Femme oder Mujer nicht dazu. Dominus steht für den Herrn, Hausherrn oder Gebieter, Herrscher.  Domina meint die Herrin, hat aber als Gebieterin auch eine sexuelle Konnotation und ist im heutigen Sprachgebrauch ein käufliches Peitschenweib.

Vergessen wird oft, dass es auch negative männliche Wertansichten gibt: Der ewig starke (auch vor dem Gesetz während Jahrhunderten) überlegene und bestimmende Mann wird bei Schwächezeichen auch schon mal zum Pantoffelheld, zum Weichei, zur Memme oder zum Warmduscher. Er ist dann ein Sensibelchen, der seinen Mann nicht steht, ein devotes Neutrum, der zum weiblichen Beutetier verkommt. Sollte er auch noch weinen, ist es definitiv um seine einst „herrlichen“ Attribute geschehen. 

Buchempfehlung: Die Sprache des Patriarchats

In der Reihe Europäische Hochschulschriften ist im Peter Lang-Verlag, ISBN:978-3-631-43088-0, das lesenswerte Buch „Die Sprache des Patriarchats– Sprache als Abbild und Werkzeug der Männergesellschaft“, von Michael Hausherr-Mälzer, erstmals 1990 publiziert, noch immer greifbar und (bei steigender Sensibilisierung erst recht) nach wie vor aktuell.

Der historisch-vergleichende Teil der Untersuchung zeigt, daß die bis heute mindestens fünf Jahrtausende lang währende gesellschaftliche Vorherrschaft des Mannes im indoeuropäischen Raum umfangreichen sprachlichen Niederschlag gefunden hat. Sexistische Sprachmerkmale als Reflex auf gesellschaftlichen Sexismus sind bis in die Vorzeit hinein nachweisbar. Anhand eines um zahlreiche außerindoeuropäische Idiome erweiterten Sprachenkorpus wird – bei besonderer Berücksichtigung der pragmatischen Dimension – der Versuch einer phänomenologischen Systematisierung sprachlicher Sexismen unternommen. Eine kurze Darstellung der in der feministischen Linguistik diskutierten Reformmöglichkeiten für das Deutsche schließt die Untersuchung ab.