Kolumnen

Alternative Erstaugustrede

Die Schweiz in der Gegenläufigkeit des Weltgeschehens

Das Leben verläuft in Wellenbewegungen. Wir glauben, es richte sich schön gerade nach der Uhr. Es trete aus der Vergangenheit in die Zukunft. Aber so einfach ist das nicht. Das Leben ist gegenläufig. Es geht vorwärts, aber auch rückwärts. Wer zusieht, wie sich die Welle am Strand auspendelt, entdeckt, wie das Wasser kommt und wie es untergründig wieder zurückfliesst. So ist es auch mit dem menschlichen Dasein. Auf einmal spürt der Mensch, der bei seinen Werten und Zielen verharrt, dass der Fortschritt auch Rückschritt ist. Das Grosse ruft gegenläufig nach dem Kleinen. Die stürmischen Veränderungen verlangen Bodenhaftung. Der Zürcher Professor für politische Philosophie, Hermann Lübbe, hat die Gegenläufigkeit des Fortschritts einmal mit der Gründung von Museen illustriert. Noch nie wie in den letzten Jahrzehnten seien so viel Museen gegründet und besucht worden wie heute. Das habe mit der Globalisierung zu tun. Je mehr sie fortschreitet und Europa sich in der EU verfestigt, desto mehr ertönt der Ruf nach Heimat, nach Geborgenheit im Kleinen. Je zentraler die Schweiz regiert wird, desto mehr Rütli. Je mehr Staat umso mehr lokale Freiheit.

Der Gegenläufigkeit huldigt auch der Schriftsteller Thomas Hürlimann. Gegenüber den staatlichen Kolossen und der EU beschwört er den Charme der Gemeinde. «Für uns Schweizer passiert das Entscheidende in der Gemeinde. Da weiss jeder Bescheid, da kann jeder mitreden, also ist es keine Gelddiktatur» (NLZ, 27. Juli). Fragt sich nur, wo das grosse Geld herkommt, das die Schweiz verändert? Heimkehr heisst sein grosser Roman. Es wundert den Leser nicht, dass Hürlimann heute Walchwil der Grossstadt Berlin, wo er jahrzehntelang gelebt hatte, vorzieht. Die grosse Welt wird klein und die kleine gross. Man gewöhnt sich an die Paradoxie.

Das Zugerische Gemeindegesetz beauftragt die Bürgergemeinden, die Heimatverbundenheit zu fördern. Das geschieht vorwiegend durch Sammeln alter Werkzeuge, durch die Darstellung früherer Bräuche oder durch Schreiben einer Geschichte des Dorfes. Fotobücher nostalgischer Orte schiessen wie Pilze aus dem Boden. Der Mensch will sich dessen, was einmal war, versichern, ohne die Vergangenheit in seine Zukunftsgestaltung einzubeziehen. Deutschland hat nach den letzten Wahlen ein Heimatministerium geschaffen. Im Gegensatz zu den gewaltigen Hochhäusern, den undurchsichtigen Finanzkathedralen soll der alte Kern geschützt und gepflegt werden. Ein bisschen Duft des Wohnlichen soll schon sein. Wir sind ja nicht heimatmüde.

Das Bautempo in den Dörfern verunsichert die Menschen. Ein Zürcher Architekt, dessen Namen ich  vergessen habe, soll gesagt haben, wenn sich in kurzer Zeit das Bauvolumen einer Ortschaft um fünfzehn Prozent verändert, stelle sich bei den Menschen Unbehagen ein. Da haben wir sie wieder, die Gegenläufigkeit. Behagen schlägt in Unbehagen um. Es kommt, wie Lübbe einmal gesagt hat, zu jener Wut über das Kaputtsein, das wir selber kaputt gemacht haben. Wir sind es, die im Wachstum das Heil suchten und suchen. Das Kleine machte auf einmal keinen Spass mehr. Wir entdeckten das Vergnügen des Luxus` und des Reisens. Nun aber dreht sich wieder alles ein wenig, die Gegenläufigkeit holt uns ein. Es ist absehbar geworden, dass der Mensch immer mehr den abnehmenden Grenznutzen seiner Masslosigkeit zu spüren bekommt. Die Natur wehrt sich gegen den übermässigen Verbrauch von Ressourcen.

Wer über seine Verhältnisse lebt, wird bestraft. Wer zu viel will, bekommt zu viel. Die Natur kann nicht verdauen, wie wir sie belasten. Das Menetekel flattert jeden Tag aus unterschiedlichen Weltgegenden über die Mattscheibe. Dass die Gletscher schmelzen und sich Trockenheit abzeichnet, können wir vor unserer Haustüre sehen. Die Natur ächzt unter der Last, die ihm der Mensch aufbürdet. Der Klimawandel beginnt unsere Freiheit einzuschränken. Freiheit kippt in Unfreiheit. Erkennen wir die Warnung? Noch klingt mir ein Wort in den Ohren, das einst eine hochgestellte Person frivol dahergeredet hatte: «Mein Auto fährt auch dann, wenn der Wald stirbt.» Würde es wirklich noch fahren?

Vor zweihundert Jahren gab uns der Dichter Hölderlin zuversichtlich einen Vers mit auf den Weg: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Er glaubte an die Vernunft der Menschen. Hilft der Appell oder muss uns die Natur zwingen, das Rettende zu tun?