Kultur

Paradiesgarten in Giverny

Claude Monets Sehnsucht nach Wasser drückt sich in seinem gesamten Werk aus. Seien es die Flüsse seiner Umgebung, die Brandung in der Normandie, die Riviera oder Venedig. Als er mit seiner Malerei vermögend wurde, erwarb er ein Grundstück in Giverny und baute es zu einem kleinen Paradies um, ein Paradies, das heute Tausende von Touristen anlockt.

Monets Garten in Giverny ist heute ein Sehnsuchtsort für Besucher aus aller Welt. Auch für mich war es ein grosser Wunsch, diesen einmal kennen zu lernen. Im Sommer 2018 wurde das möglich und ich wurde nicht enttäuscht. Natürlich teilte ich meine Bewunderung mit hunderten von Menschen. Aber die waren bald vergessen und meine Augen sahen nur noch die Anlage mit den zauberhaften Pflanzen. Und ich stellte mir vor, wie Monet hier einmal gewirkt hatte.

Monets Haus in Giverny, sein Paradies ist heute das Paradies der Touristen. Foto: rv

Claude Monet (1840-1926) wurde am 14. November in Paris geboren. Aus wirtschaftlichen Gründen zog die Familie 1845 nach Le Havre. Schon in der Schule fiel er durch Zeichnungen auf, in denen er seine Lehrer karikierte. Die Begegnung mit Eugène Boudin (1824-1898) aus Honfleur, der die Stimmungen des Meeres und des Himmels so lebendig einfangen konnte, brachte ihn zur pleine air Malerei. Boudin schickte ihn zum Kunststudium nach Paris, wo er in einer privaten Schule Renoir kennenlernte und auch die anderen Künstler, die eine akademische Ausbildung ablehnten. Die jungen Maler wollten in der freien Natur malen, dafür studierten sie gemeinsam das Spiel von Licht und Schatten und malten in lockeren kurzen Pinselstrichen Landschaften und Reflexionen der bewegten Wasseroberflächen.

Claude Monet, La Grenouillère, 1869, Metropolitan Museum of Art, New York

Diese eigenwilligen Maler konnten ihre Bilder kaum verkaufen, einzelne nagten bis zum Lebensende am Hungertuch. Die Gesellschaft betrachtete ihre Bilder als Schmiererei und im offiziellen Salon wurden sie abgelehnt oder schlecht platziert; doch für ihre Idee nahmen sie alles in Kauf. 1874 organisierten sie eine eigene unabhängige Ausstellung. Monet zeigte ein kleines Bild mit der Hafenanlage von Le Havre, das die Kritik als Impression – soleil levant lächerlich machte. Doch damit hatte die Künstlergruppe endlich ihren Namen: „Die Impressionisten“.

1883 zog Monet nach Giverny, mietete ein günstiges Haus und legte einen Ziergarten an. Bis in die 1890er Jahre blieb seine finanzielle Situation angespannt. In dieser Zeit entwickelte er das Konzept der Serie und malte immer wieder dasselbe Motiv in verschiedenen Lichtstimmungen. Mit der Folge der Heuschober (1890-1891) war er so erfolgreich, dass er weitere Motive in Serie malte wie die Pappeln oder die Kathedrale von Rouen. Endlich begann auch der finanzielle Erfolg.

Claude Monet, Weg im Garten des Künstlers, 1901-1902, Belvedere in Wien

1890 konnte Monet das gemietete Haus und das dazugehörige Grundstück in Giverny kaufen und seinen Garten verwirklichen, den Clos Normand: ein abgeschlossener Garten voller Rosen, Pfingstrosen, Tulpen und Schwertlilien. Er hatte nun das Motiv direkt vor der Haustüre, das ihn bis zum Lebensende inspirierte.

Claude Monet liebte die Gartenkunst, las Fachliteratur und besuchte Gartenausstellungen. Er kaufte exotische Pflanzen, die oft erst wenige Jahre in Frankreich bekannt waren. Der Garten war für ihn wie ein dreidimensionales Gemälde, die Gestaltung, die Farben und Formen der Pflanzen mussten genau seinen Vorstellungen entsprechen. Er arbeitete selber intensiv im Garten, bis dieser so umfänglich wurde, dass er sechs Gärtner einstellen musste.

Monet in seinem Garten, 1917

1893 erwarb Monet ein weiteres Grundstück. Die Umleitung eines Seitenarms des Flüsschens Epte ermöglichte den jardin d’eau, der Wassergarten mit einem Teich, Seerosen, Trauerweiden, Bambus und Rhododendren. Eine Bogenbrücke aus Holz hatte Monet nach japanischem Vorbild errichten lassen, welche die von Seerosen bedeckte Wasserfläche überspannt.

In seinen Seerosenbildern lässt Monet die Wasserfläche und die Umgebung des Teiches miteinander verschmelzen, die linearen Strukturen der japanischen Brücke spiegeln sich mit der üppigen Ufervegetation im Wasser. Der Himmel ist nur über die Spiegelungen und Lichtreflexe erkennbar. Nach 1908 taucht das Motiv der Brücke nicht mehr auf. Erst 1920 malte Monet weitere Bilder dieser Serie, die sich jedoch durch die Auflösung der Formen radikal von den früheren Darstellungen unterscheiden.

Claude Monet, Die japanische Brücke, um 1899, National Gallery, London

Zwischen 1911 bis 1918 liess er sich ein neues Wohnhaus und ein grosses Atelier von fünfundzwanzig auf zwölf Meter und fünfzehn Meter Höhe erbauen. Hier ist heute das Museum der Fondation Monet untergebracht: Sein möbliertes Wohnhaus kann man besichtigen und im Atelier ist der Museumsshop eingerichtet.

Das neue Atelier erlaubte Monet immer grössere Bilder zu malen, vor allem die geliebten Seerosen. Les Nymphéas, wie er sie nannte, wurden immer zahlreicher, die Formate immer grösser. Sie wurden in Paris, in ganz Europa, auch in den USA ausgestellt und gelangten in die Sammlungen der Museen. Die Menschen hatten sich inzwischen an seine Malweise gewöhnt, waren von der Farbigkeit seiner Gemälde beeindruckt und die Auflösung des Räumlichen faszinierte sie. Die Seerosenbilder gingen über den Impressionismus weit hinaus und nahmen Impulse hin zur Abstraktion vorweg.

Claude Monet, Seerosenteich, 1919, 100 x 200 cm, Privatsammlung

Die Seerosenbilder beschäftigten Monet bis zu seinem Tod 1926. Wenn er am Teich sass, malte er oft mehrere Bilder nebeneinander, um die Veränderung der Farben, das Flimmern der Luft und die Reflexe auf dem Wasser festzuhalten. Er fokussierte sich ganz auf das, was er auf der Wasseroberfläche sah, ohne Horizont, die Bäume und der Himmel erscheinen nur noch als Reflexion auf dem Wasser. Auch wenn Monet betonte, dass die freie Natur sein Atelier war, vollendete er die Bilder im Atelier. Bis zu seinem Tod sind über zweihundertfünfzig Seerosenbilder entstanden, davon vierzig im Grossformat.

Monet schenkte dem französischen Staat acht grossformatige Seerosenbilder. Er wünschte sich einen runden Raum, vollständig ausgekleidet mit diesen Bildern, die den Eindruck geben, man befände sich inmitten eines Weihers. Die Eröffnung der Ausstellung in der Pariser Orangerie im Jahr 1927 erlebte er nicht mehr. Doch sind seine Nymphéas seither in zwei ovalen Räumen als eine Art Panorama ausgestellt, wie er es wünschte. Die Bilder sind zwei Meter hoch, siebzehn Meter breit und ergeben eine Gesamtlänge von mehr als hundert Meter.

Claude Monet, Nymphéas, 1920 – 1926, Musée de l‘Orangerie, Paris

Das Publikum würdigte die Nymphéas in der Orangerie lange Zeit nur wenig. Erst durch die Begeisterung der amerikanischen Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg gewann der Seerosenzyklus an Bedeutung. Und heute pilgern die Menschen – wie in Giverny – in Scharen herbei, um vor Monets gemalten Seerosen andächtig und kontemplativ zu verweilen.

Nach Monets Tod erbte der Sohn Michel das Haus und den Garten. Da er sich jedoch nicht dafür interessierte, wurde das Anwesen nach seinem Tod 1966 in verwahrlostem Zustand der Académie des Beaux Arts zugesprochen. Auch da passierte lange nichts. Erst um 1977 bildete sich eine Interessengruppe, die sich um das Wohnhaus und den verwilderten Garten kümmerte – Bäume waren abgestorben, der Teich versandet und die japanische Brücke musste abgerissen werden. Seit der Neueröffnung 1980 besuchen jährlich über einer halbe Million Besucher Monets Haus und Garten in Giverny.

Monets Seerosenteich in Giverny im Sommer 2018. Foto: rv

Fotos: Wikimedia commmons

https://fondation-monet.com/

https://www.musee-orangerie.fr/fr/page/das-musee-de-lorangerie-0