FrontGesellschaftEntführung in die Welt der Drohnen

Entführung in die Welt der Drohnen

Im Zeppelin Museum, Friedrichshafen, würde mich eine Ausstellung über den Stand der Drohnentechnik erwarten, vermutete ich. Doch Game of Drones. Von unbemannten Flugobjekten ist vielmehr eine spannende künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Teufelsdingern.

Drohnen sind in ihrer Nutzung ambivalent. Ihre Technologie erlaubt den Einsatz in der Überwachung, im Transport, in der Fotografie und in der Landwirtschaft. In Kombination mit Künstlicher Intelligenz andererseits gelten sie als die wichtigste Kriegstechnologie seit der Erfindung der Atombombe. Drohnen als Spielzeug sind auch im Massenmarkt angekommen: 2020 werden voraussichtlich 1,2 Millionen unbemannte Flugobjekte allein in Deutschland unterwegs sein.

James Bridle: Predator Atomics / MQ1 Drohne massstabsgetreu

Wer eine High-Tech Ausstellung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich aber einlässt auf die Widersprüchlichkeiten einer Technologie mit ihren so unterschiedlichen Facetten, taucht in eine wenig bekannte Welt ein. Internationale Künstler zeigen kritische Zugänge zur Anwendungen dieser Technik: Vom Überwachungsapparat zum Instrument des Widerstands, vom animistisch beseelten Objekt bis hin zum Einsatz der Drohne in der strategischen Kriegsführung.

Ignacio Acosta Gegenüberwachung: Drohne als Instrument des Widerstandes. Video

Der Film Litte ja Goabddà (Drones and Drums) zeigt uns, wie die Sami, ein nordskandinavisches, indigenes Volk Drohnen als Protestmöglichkeit gegen ein Bergbauprojekt in Gallak (Schweden) nutzen. Der geplante Abbau von einem der grössten Eisenerzlager Europas würde massiv in das fragile Ökosystem eingreifen. Die Wanderbewegungen der Rentiere und somit auch die Lebensweise der Sami, deren Gemeinschaft durch das Zusammenleben mit Rentieren geprägt ist, würden zerstört. Samische AktivistInnen setzen Drohnen und Trommeln als Navigations- und Kommunikationswerkzeuge ein. Ein stiller, bildstarker Film dokumentiert den Widerstand.


Korakrit Arunanondchai: eine fiktiv-reale Unterhaltung zwischen dem thailändischen Künstler und Chantri – einer Drohne. Video

Chantri, die Drohne hat eine ambivalente Bedeutung: Sie hat einen Teil der Aufnahmen gefilmt und repräsentiert zugleich einen körperlosen Geist, mit dem Arunanondchai Gespräche führt. Es geht um die Frage nach der Rolle des Künstlers in der heutigen Gesellschaft. Konstruiert wird die fiktive Identität eines expressiven Thai-Malers, der die aktuelle gesellschaftspolitische Situation in Thailand sowie Fragen zu Spiritualität, Technologien, Populärkultur und Globalisierung reflektiert. Die Drohne bekommt den Status eines Dialogpartners. Die Bilder sind uns teilweise fremd, aber spannend in für uns surrealen Bezügen – wir finden uns in einer exotischen Welt.

Flugzieldarstellungsdrohne Do-DT 25

Aber präsent sind unter den Ausstellungsobjekten auch militärische Drohne, unter anderen ein mittelschnelles Flugziel, mit dem die Bedrohungssimulation beim Boden-Luft-und Luft-Luft-Flugabwehrtraining für radar- und infrarotgelenkte Systeme dargestellt werden kann. Mit bis zu acht Drohnen gleichzeitig im Flug können Übungen sehr realistisch dargestellt werden.

Minidrohnen zu Tausenden eingesetzt sind tödliche Waffen

Unsichtbare Technologien, die beobachten aber zugleich nicht gesehen werden, bilden einen zentralen Fokus unter den ausgestellten Exponaten. Deutlich wird, welchen grossen Raum Drohnentechnologien bereits heute einnehmen und wie sie in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz unsere Zukunft entscheidend prägen werden. Sie haben in einem Handteller Platz. Zu Tausenden aus Flugzeugen abgeworfen sind sie todbringend, können Mauern durchschlagen, in Häuser eindringen.

Ban Lethal Autonomous Weapons – Slaughterbots

In einem Zukunftsszenario wird hier dargestellt, wie Schwärme von Mikrodrohnen politische Gegner töten – mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennung. Als Kontrast wird eine Werbeveranstaltung für automatisierte Waffen mit der persönlichen Geschichte eines jungen Studenten verknüpft. Als Mitglied einer Aktivistengruppe wird er von feindlichen Drohnen verfolgt und ermordet, in einer apokalyptischen Szene. Diese Mischung lässt das Video dokumentarisch wirken. Der Redner, Professor in Berkeley und Experte für Künstliche Intelligenz, tritt am Ende des Clips mit einem eindringlichen Appell auf: Tödliche autonome Waffensysteme sollen verboten werden.

Raphaela Vogel – Prophecy: multiperspektivische Szenerien. Video

Zum Abschluss ein Film über eine Performance, die laut dröhnende mit zarten Bildern verbindet. Drohnentechnologie ist das Medium, mit dem Raphaela Vogel ihre Videos dreht. Drohnen werden zu Akteuren – im Zentrum steht jedoch die Künstlerin selbst: Sie filmt und wird gefilmt. Mit grossen Schleiern, welche von einer Windmaschine zu textilen Landschaften geformt werden, gestaltet sie ein eigenwilliges Spiel. Mithilfe der von ihr ferngesteuerten oder vorprogrammierten Drohnen kreiert sie multiperspektivische Szenerien, montiert mit eigenwilligen Kameraperspektiven, Verdopplungen und Verzerrungen. Unterlegt ist das Video „Prophecy“ vom lärmigen Sound des gleichnamigen Songs der Metal-Band Soulfly.

Die Faszination der Drohnen liegt in ihren vielen Möglichkeiten. Sie können die Fähigkeiten des Menschen optimieren und verändern so unsere Wahrnehmungsgewohnheiten. Mit künstlicher Intelligenz ausgestattet werden sie zu Teamplayern des Menschen. Oder zu tödlichen Waffen.

Bis 03. November 2019
Fotos: Justin Koller
Beitragsbild: Ausstellungsansicht: Game of Drones 2019 © Zeppelin Museum. Foto: Tretter
Information: www.zeppelin-museum.de
 

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