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Witwen – Frauen treten aus dem Schatten

Frauen leben länger, haben ältere Partner und riskieren, nach Jahren der Zweisamkeit zur Witwe zu werden. 80 Prozent aller verwitweten Menschen sind weiblich und es ist erstaunlich still um sie. Die Autorin Cornelia Kazis suchte erfolglos nach einem fundierten Buch zum Thema und legt es nun gleich selber vor.

Und plötzlich ist man Witwe! Was für ein Wort, wer will denn heute Witwe sein. Das Wort erscheint kaum in den Medien. Zu den berühmtesten Witwen gehören Witwe Bolte, Jackie Onassis und Yoko Ono. Googelt man unter Witwe, erscheinen Foren zur Partnervermittlung, Beiträge zu Witwenrente oder zu Spinnentieren. Im Rechtsgebrauch wird das Wort verwitwet ersetzt durch nicht verheiratet. Wer ist man dann noch als Witwe?

Cornelia Kazis (geboren 1952, verwitwet seit 2018) hat die Erfahrung gemacht, dass sie erst seit dem Tod ihres Partners andere Frauen beachtet, die auch Witwen sind: Sie sieht ihre Trauer, ihre Kraft und Verletzlichkeit, aber auch ihre neue Radikalität und ihren Alltag als Alleinstehende. Und sie sieht auch ihre Unsichtbarkeit und ihr Schattendasein in der Wahrnehmung der Gesellschaft. Niemand fragt Witwen nach ihrer Situation, ihren Erfahrungen, ihrem Start in ein neues, unbekanntes Leben.

Als Autorin und langjährige Fachredaktorin für Gesellschaftsfragen in den Hintergrundsendungen von Radio SRF hat Cornelia Kazis verschiedene Witwenexpertinnen befragt, Betroffene sowie ausgewiesene Fachfrauen. Die erforschten Erkenntnisse sind in der Öffentlichkeit wenig gefragt: «Witwenschaft betrifft vornehmlich Frauen. Und alles, was Frauen betrifft, wurde von Männern wenig erforscht. Und in der Forschung gibt es halt immer noch viel mehr Männer als Frauen», sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Psychologie.

Der Tod des Partners oder der Partnerin ist für die Hinterbliebenen eine grosse Herausforderung. Dabei gibt es im Leidensmuster grosse Unterschiede. Während Frauen eher mit Depression kämpfen, lösen Männer ihre Schwierigkeiten häufig mit einer schnellen, neuen Partnerschaft, oder auf destruktive Weise mit erhöhtem Suizidrisiko, oder sie geraten in eine Sucht.

Wer bin ich – Mut zur Neuorientierung

Frauen erholen sich schneller vom Verlustschmerz, weil sie in der Regel sozialer eingebunden sind und besser über Gefühle sprechen können. Trotzdem bleibt die emotionale Einsamkeit. Dazu die Psychologin: «Da geht es um das Vakuum in der eigenen Identität. Klar, man war immer schon ein Ich. Aber man war auch ein Teil eines gefestigten Wir. Dieses Wir ist nun eine Leerstelle.» Die Aufgabe heisst jetzt, sich neu zu definieren, die eigene Identität neu zu konstituieren. Es ist ein Kraftakt, der Zeit braucht und zwei Drittel aller Menschen schaffen das, die Frauen besser als die Männer. Und so traurig der Verlust auch sein mag, kann für Frauen die Verwitwung auch eine Befreiung sein, mehr Autonomie, noch nicht Gelebtes neu entdecken und ausprobieren. Dieser Perspektivenwechsel ist auch das «Gegengift zur Depression».

Die Forschung unterscheidet zwischen Hinterbliebenen, die einen Menschen verloren haben, ohne ihn beerdigen zu können, etwa nach einem Flugzeugabsturz, und jenen, die einen weiterlebenden Menschen als Person verlieren, etwa wegen Demenz. Cornelia Kazis nennt sie «uneindeutige Witwen», eine vertraute Person wird einem fremd, ohne dass man sich emotional von ihr lösen kann, ein kontinuierlicher schmerzlicher Abschied in kleinen Schritten.

Schwarze Witwen trauern lange

Die Autorin fragt auch nach dem Umgang mit Witwenschaft in früherer Zeit. Die mittelständische Generation unserer Grossmütter hatte ohne Mann und ohne eigenen Beruf ihren Status derart verloren, dass sie das restliche Leben oft nur noch auf den eigenen Tod warten konnten. Die Historikerin Heidi Witzig (Jahrgang 1944) erzählt auch von ausgezehrten armen Witwen, die hungerten, damit das Essen für die Jüngeren der Familie reichte. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 55 Jahren. Zudem musste sich eine Witwe ein Jahr lang schwarz kleiden und ein Jahr «halbschwarz», ihren Ehering und den ihres Mannes hatte sie am Ringfinger zu tragen, Festivitäten kamen nicht in Frage. Heute sind diese Vorstellungen weitgehend verschwunden, obwohl sie unterschwellig immer noch nachwirken.

Finanzielle und rechtliche Klärung klären die Beziehung

Auch die finanzielle Situation beleuchtet Cornelia Kazis im Interview mit einer Expertin, wobei es nicht nur um Witwen geht, sondern auch um Frauen, die im Konkubinat gelebt haben. Älteren Frauen geht es grundsätzlich besser, da der Partner länger gearbeitet und dabei AHV sowie Pensionsgelder länger eingezahlt hat, je besser der Verdienst war, desto höher die Witwenrente. Junge Witwen mit kleinen Kindern, die sich nur um Haushalt und Kinder gekümmert haben, sind am schlechtesten abgesichert, weil die angesparten Renten noch zu niedrig sind. Deshalb rät die Finanzexpertin allen Müttern, möglichst bald wieder selbst ins Erwerbsleben einzusteigen.

Die rechtliche Seite ist beim Verlust des Partners ebenso ein zentraler Aspekt, wegen der finanziellen Absicherung durch Erb- und Vorsorgeverträge, Privatversicherungen und insbesondere wegen einer Patientenverfügung. Auch die Wohnsituation muss berücksichtigt werden: Kann die Hinterbliebene weiter in der vertrauten Wohnung leben, muss ein Anteil des Hauses an die Erben ausbezahlt werden? Fragen, die auch für Konkubinatspaare dringlich sind und zu Lebzeiten vertraglich geregelt werden sollten.

Begegnungen mit verwitweten Frauen

Im zweiten Teil des Buches sind Gespräche mit sieben Witwen aufgezeichnet, die Cornelia Kazis besucht hat. Die meisten befürchteten, dass ihre Geschichte zu wenig interessant sein könnte. Es sind Geschichten, die sie kaum je anderen Menschen erzählt haben. Sie zeigen, dass sie durch die Überwindung ihrer tiefen Trauer eine Kraft und einen Lebenswillen erlangt haben, ehrlich über sich nachzudenken und sich neu zu erfinden. Mutig und offen treten sie mit ihrem vollen Namen aus dem Schatten und tragen dazu bei, die neue Lebenssituation ernst zu nehmen, Witwen ins Licht zu rücken und dabei auch das Bild der Grossmutter, der Alten Frau, in der Gesellschaft zu revidieren.

Videobeitrag: Der Telebasel Talk vom 24. September 2019

Cornelia Kazis: «Witwen sind gesellschaftliche Schattenfiguren»

Cornelia Kazis, Weiterleben, weitergehen, weiterlieben. Wegweisendes für Witwen, Xanthippe Verlag, Zürich 2019, ISBN 978-3-905795-66-0

Titelbild: Umgestürzte Eibe mit jungen Trieben, Foto rv

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