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Bleibt die Uhr?

In seinem Buch «Die Uhr kann gehen» beschäftigt sich der Zeitforscher Karlheinz Geissler mit der Uhr. Er rollt ihre ganze Geschichte auf. Aber noch viel mehr beschäftigt er sich mit der Zeit. Und mit unserem Umgang mit der Zeit, der ganz wesentlich durch die Uhr bestimmt, ja geprägt ist.

Schon lange habe ich kein so originelles, ernsthaftes und herausforderndes Buch mehr gelesen. Es ist so geschrieben, dass ich gerne einfach Zitat an Zitat gefügt hätte, um es vorzustellen. Aber das geht natürlich nicht. Wer immer ein Buch beschreiben will, ist gehalten, «Eigenleistung» zu erbringen!

Pünktlichkeit

Das Buch handelt von der Uhr. Und wir werden wieder einmal daran erinnert, dass auch wir in der westlichen Welt vor hunderten von Jahren unser Leben ganz ohne Uhr bewältigt haben. Der Rhythmus der Natur bestimmte den Tagesablauf. Bis die Fabriksirene hier endgültig ein Ende setzte und die Menschen vereinnahmte.

Geissler macht uns eindringlich klar, dass wir als Menschen nicht nur das Produkt unserer Herkunft und unserer Umwelt, sondern auch unserer Uhren sind. Seine Ausführungen über die Pünktlichkeit, über das Ideal des «pünktlichen Menschen», haben bei mir einen Prozess der Selbstbetrachtung ausgelöst, der noch nicht zu Ende ist.

Denn gerade wir Rentnerinnen und Rentner stehen ja ganz neu vor der Chance des Zeithabens. Und werden von den Fachleuten immer wieder penetrant dazu aufgefordert, dieser Chance durch «Strukturieren des Tagesablaufs» zu begegnen. Warum eigentlich? Bedeutet es eine Gefahr, über unstrukturierte Zeit zu verfügen? Für Menschen im Ruhestand ist das Buch daher von besonderer Attraktivität.

Das Beispiel, wie in einer Firma Pünktlichkeit hergestellt werden könnte, hat mich belustigt: «Die Personalleitung einer Firma sucht bei ihren Mitarbeitern Rat und fragt sie per Aushang am Infobrett: «Was können wir tun, damit alle Mitarbeiter pünktlich zum Gongzeichen an ihrem Arbeitsplatz sind?»» Am nächsten Tag steht die kreative Lösung unter dem Aushang: »Lasst doch den «gongen», der zuletzt kommt!»

Schicksalsweg

In Zeitschriften und Zeitungen betrachte ich die aufwändigen Inserate für teure Uhren immer mit besonderem Interesse. Schöne, elegante Menschen in stilvollem Interieur führen uns die kostbaren Erzeugnisse der Uhrenindustrie vor Augen. Die Ausführungen Geisslers dazu sind aufschlussreich. Er beschreibt, dass die Uhren sich auf demselben Schicksalsweg befänden wie Pferde und Yachten.

Uhren als Statusymbole wird es wohl immer geben. So, wie Reiche sich Pferde halten, obwohl es Flugzeuge und selbstfahrende Autos gibt. (Alle Bilder Pixabay)

Natürlich, die Pferde haben den Menschen in früheren Zeiten Arbeit abgenommen und waren unverzichtbar. Und heute halten sich reiche Menschen ein Gestüt (oder einen Fussballclub).

Die Segelschiffe transportierten Waren über die Weltmeere. Zum Beispiel bedruckte Stoffe aus dem Kanton Glarus in den Fernen Osten. Und das bekannte und berührende Lied «Amazing Grace» entstand, weil ein Sklavenhändler mit seinem Segelschiff und seiner «Fracht» aus einem furchtbaren Sturm auf dem Meer gerettet worden war. Heute sind auch Segelyachten Luxusobjekte, Statussymbole.

Und denselben Weg ging und geht auch das Gebrauchsobjekt Uhr, wie Geissler überzeugend darlegt. Uhren haben ihren Zweck, die Zeit anzuzeigen, überlebt. Sie landen, in teuerster Ausführung, als Kapitalanlage im Tresor.

Geissler weist für seine Gedanken auch auf literarische Zeugen wie Hans Castorp im Zauberberg von Thomas Mann und bildende Künstler wie Salvador Dali mit seinen fliessenden Uhren hin.

Wie kommt der Kuckuck in die Uhr?

Das Buch fordert heraus, weil der Autor in seinen ernsthaften und überprüfbaren Darstellungen von historischen und ökonomischen Fakten immer wieder einen untergründigen Humor durchscheinen lässt. Ironie, Sarkasmus ja Zynismus sind die Zutaten, die er diskret, aber gezielt einsetzt.

Wie zum Kuckuck kommt der Kuckuck in die Uhr?

Ein unschlagbares Beispiel dafür liefert Teil II mit dem Titel: «Wie kommt der Kuckuck in die Uhr?». Ein Zitat: «Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Archäologen und Experten und Expertinnen der Kulturwissenschaften, wenn sie in ferner Zukunft nach bedeutenden Objekten von zugrunde gegangener Zivilisation graben und in diesem Zusammenhang auch auf Kuckucksuhren stossen, gut dotierte Forschungsprojekte auflegen werden, um herauszufinden, was ihre Vorfahren bewogen haben mag, so merkwürdige Artefakte wie die Kuckucksuhr herzustellen und in ihren Wohnungen aufzuhängen?».

Eine Antwort hat Geissler bereit. Er entnimmt sie der Werbung für Kuckucksuhren: «Kauf Dir eine Kuckucksuhr, dann hast du auch daheim Natur».

Überzeugt hat ihn die Antwort, die ihm ein erfahrener, älterer Uhrmacher aus dem Schwarzwald gegeben hat. Das mit dem Kuckuck und der Kuckucksuhr sei ganz einfach, meinte der Mann. Der Kuckuck habe einen schönen Ruf, der aus zwei Tönen bestehe und relativ leicht und einfach nachzumachen und herzustellen sei.

Geissler gräbt aber noch tiefer: «Was will uns der Kuckuck eigentlich sagen? « fragt er, versucht einige Antworten und resigniert: «Das weiss der Kuckuck!».

Trost

Die Ausführungen von Geissler wirken streckenweise geradezu tröstlich. Das Zeitalter der Uhr ist am Ende. Die Industriegesellschaft war auf der «Uhrenlogik» aufgebaut. Wir leben aber heute in einer digitalisierten, horizontal vernetzten Welt. Gigabyte, Pixel, Glasfaser, Highspeed-Internet sind die aktuellen Schlüsselbegriffe. Natürlich gehöre ich nicht zu den von Geissler als «hartnäckige Ignoranten» bezeichneten Menschen, die das alles einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Aber ohne Stossseufzer geht es auch bei mir nicht ab.

Alles, wirklich alles, ist heute im Umbruch. Und die Gleichzeitigkeit der Informationen mit dem Ablauf der Ereignisse, über die informiert wird, ist längst Tatsache, an die wir uns gewöhnt haben.

Die Uhr, auch ein Symbol für den Lauf der Zeit.

Ich finde es faszinierend, aufgrund meines Lebensalters den langen Weg dieser Entwicklungen beobachten und miterleben zu können. Auch mache ich von vielen Neuerungen, die uns das Leben erleichtern, Gebrauch.

Nur, in meinem früheren Leben, war eher Konstanz und Standfestigkeit gefragt. Heute ist das Gegenteil vonnöten: grenzenlose Offenheit für Veränderungen und Flexibilität, die Veränderungen in die eigene Lebenswelt zu integrieren. Oder die eigene Lebenswelt an die Veränderungen anzupassen! Karlheinz Geissler hat da viele einleuchtende Erklärungen bereit und verbreitet dadurch einen Anflug von Trost!

Der Autor

Das Buch ist reich an Einzelheiten, also sollen auch noch einige Angaben zum Autor angefügt werden. Bei Wikipedia heisst es, dass Karlheinz Geissler 1944 in Deuerling (Bayern) geboren wurde, in München ein Studium der Philosophie, der Ökonomie und der Pädagogik absolvierte. Er forschte und lehrte an verschiedenen deutschen Universitäten, als Gastprofessor auch im Ausland, ab 1975 bis zu seiner Emeritierung 2006 an der Universität der Bundeswehr in München. Er ist Leiter des Projekts «Ökologie der Zeit» der Evangelischen Akademie Tutzing, Mitgründer der «Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik» und steht dem Institut für Zeitberatung «timesandmore» vor. Er ist als Autor verschiedener Bücher und als Referent tätig.

Die absolut sensationelle Meldung findet sich am Schluss: «Er lebt seit 25 Jahren ohne Uhr».

Karlheinz A. Geissler: Die Uhr kann gehen. Das Ende der Gehorsamkeitskultur. 2019 S. Hirzel Verlag, Stuttgart. ISBN 978-3-7776-2788-5 (Print). ISBN 978-3-7776-2796-0 (E-Book, PDF)

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