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Zauber der Erinnerung

Ein hoher heller Ton füllt den Raum. Staunend spüre ich, dass ich es bin, der ihn hervorbringt. Dabei zögerte ich doch beim Ansetzen, ob er denn überhaupt aus meiner Kehle dringen könne, zugeschnürt vor Angst, wie mir dünkt, dass sie sich anfühle. Es ist ein geheimnisvoll dunkler Raum, nur von Kerzen eher verdüstert als erhellt.

Die Kerzenflammen trägt ein grosser, reich mit Farben, Glanz und Glitzer geschmückter Weihnachtsbaum. Er steht hinter mir, ich kann ihn nicht sehen. Der hohe, helle Ton meines Knabensoprans ist der Beginn der Strophe des Liedes, die dem Mädchen an meiner Seite antwortet: «Maria, liebe Maria mein…» Wie die Strophe lautet, welches die Worte des ganzen Liedes sind – ich könnte es nachschauen. Ich bin acht, vielleicht neun Jahre alt, das Mädchen neben mir ungefähr gleich. Sie heisst Maria und spielt die Maria. Vor uns steht eine mit Stroh gefüllte Wiege, darin liegt eine Puppe. «…ich helf’ dir wiegen dein Kindelein…» Wir spielen in unserer Kirche das heilige Paar im Krippenspiel in der Weihnachtsfeier der Sonntagschule.

Das ist die erste der Erinnerungen, die mir bis heute vom Zauber der Weihnacht geblieben ist. Es ist ein dichtes Erlebnis schon damals gewesen. Der Stolz, den Joseph spielen zu dürfen, ist klein gegenüber dem vielen, das im Kirchenraum mitschwingt. Mir scheint, als fühlte ich die Erwartungen und die versunkene Hingabe von Teilen des Publikums – oder war es meine eigenen? Trotz meiner kindlichen acht Jahre, so scheint es mir heute, ergriff und berührte mich das Mysterium des Kindleins, das uns heute geboren ist – ein unwiederbringliches Symbol von Weihnachten rührte sich in mir. Es erstaunt mich, dass ich es trotz aller kritischen Gedankenschwere mit religiösen Themen über alle meine Lebensjahre bewahren konnte, dieses Erlebnis von Zauber.

Von den Weihnachtsfeiern der Familie in meiner Kinderzeit ist mir wenig geblieben. Ich weiss, es wurde gesungen. Vielleicht erzählte Vater eine Weihnachtsgeschichte, die Geschenke wurden ausgepackt… Doch so viel echten Weihnachtszauber wie beim hohen, hellen Ton in der Kirche habe ich erst wieder erlebt, als vor sechzig Jahren ein Monat vor dem Heiligen Abend unser erster Sohn geboren wurde. Im Advent machten meine Frau und ich uns Gedanken, wie wir Weihnachten feiern wollten. Jedenfalls keinen Baum mit Glitzerschmuck! So haben wir dann die selber gebackenen Weihnachtsgüetsi, die Basler Leckerli, nicht allzu schwere Äpfel und einige verpackte Schokolädeli in aufwändiger Arbeit mit Schnürchen versehen und um die Kerzen herum an die Zweige der Weihnachtstanne gebunden. Keine Kugeln, kein Engelshaar, keine Kitschfiguren!

Ungefähr zwei Weihnachten haben wir das durchgehalten, dann haben wir uns den allgemeinen Bräuchen des Baumschmückens angepasst; es war uns zu mühsam geworden… Auch das bleibt dennoch als Weihnachtszauber in meiner Erinnerung. Wie die kurzen Weihnachtsfeierstunden, die ich als Lehrer mit meiner neunten Klasse gestaltete, mit viel Singen, von der Geige begleitet, mit Vorlesen der biblischen und auch einer literarischen Weihnachtsgeschichte, manchmal auch mit Beiträgen von Schülerinnen oder Schülern. Die brennende Kerze und ein Tannenzweig waren immer dabei. Er war gegenwärtig, der Weihnachtszauber, auch in meinen Schulstuben.

Doch damit verschwand nach und nach das Zauberhafte von Weihnachten, zusammen mit den Irrungen und Wirrungen des Älterwerdens, des nicht mehr behüteten Familienlebens und dem, was man, ohne vollends ins Klischee zu verfallen, als den Lauf der Welt und des Lebens bezeichnen könnte. Mehr noch, die heutige Zelebration von Weihnachten lässt manches so nach und nach vollends in Gegenzauber verfallen, doch davon schreibe ich heute nicht.

Ein letztes Zauberhaftes noch will ich berichten. In meinem zwanzigsten Lebensjahr habe ich erstmals die echte Liebe erlebt. Ganz im Anfang dieser eher tragisch endenden Geschichte war Advent. Sie hörte zu, mit einer Handarbeit beschäftigt, ich las Bergkristall vor, die Novelle Stifters aus seinen Bunten Steinen, mit dem Untertitel Der Heilige Abend. Die Geschichte der beiden Kinder, die sich im unvermittelt einsetzenden langen und ausgiebigen Schneefall im Gebirge auf der Heimkehr verlaufen. «Ja Konrad, sagte das Mädchen.» Immer wieder dieser Satz! Nie habe ich ihn vergessen, diesen Satz, der gerade der fortwährenden Wiederholung wegen so viel über das grenzenlose Vertrauen der Kleinen zu ihrem grossen Bruder aussagt.

Mehr als die halbe Nacht dauerte die Vorlesung. Auf dem kurzen Heimweg bewegten sich die Gedanken in meinem Kopf und in meinem Herzen. Auch das ein Weihnachtszauber, an den ich mich immer wieder erinnere.

Echter Weihnachtszauber – er öffnet sich unter Umständen nur dem intimen persönlichen Erinnern. «Tief ist der Brunnen der Vergangenheit», schreibt Thomas Mann.

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