FrontGesellschaftMacht und Ohnmacht

Macht und Ohnmacht

Fast zu schön, diese Herzlichkeit! Bald schon ahnt man, sie kann im Chaos enden. Die Geburtstagsgratulation für die «Liebe Jelena Sergejewna» wird zur fiesen «Erpressung». Auf der Bühne des Theaters an der Effingerstrasse in Bern.

War das Verhältnis der Elterngeneration zur Generation der Jungen je ein harmonisches? Vielleicht teilweise höchstens. Mittlerweile sind wir ja bei der «Generation Z» angekommen. Zusätzlich hat längst eine weitere technologische Revolution eingesetzt, die digitale, deren Ende zurzeit noch nicht abzuschätzen ist. Mit ihr, doch auch mit der Diskrepanz zwischen den Idealen der ins Leben Aufbrechenden und den Konventionen der Bestandenen, hat sich das Verständnis der Jungen für die Alten noch mehr verringert.

Die Älteren erinnern sich noch an die 1980-er Jahre mit den europaweiten Unruhen, getragen vor allem von Jugendlichen. In Zürich waren es die Opernhauskrawalle. Dass es auch in der damaligen Sowjetunion ähnlich zu und her ging, zeigt dieses 1981 uraufgeführte ungemein dichte Problemstück der 1946 in Riga geborenen Ljudmilla Rasumowskaja. Die deutsche Fassung stammt von Susanne Rödel. «Liebe Jelena Sergejewna», der Originaltitel, wird durch den Untertitel «Die Erpressung» ergänzt; beide Überschriften deuten zugleich die dramatische Spannung und die im Handlungsablauf aufbrechenden Konflikte an.

Von links: Simon Wenigerkind (Vitja), Aaron Frederik Defant (Pascha), Julia Sewing (Ljalja), Philipp Auer (Volodja) mit Daniela Voß (Jelena)

Liebenswürdige Geburtstagswünsche und fiese Nötigung

Jelena Sergejewna, Gymnasiallehrerin, feiert ihren 40. Geburtstag, einsam in ihrer kleinen Wohnung. Eine Schülerin, Ljalja, und drei Schüler, Pascha, Vitja und Volodja, tauchen überraschend mit Blumen und Sekt auf und bereiten der gerührten Jubilarin ein festliches und ausgelassenes Gratulationsständchen. Liebe Jelena Sergejewna hier und da – fast zu fröhlich der künstlich angefachte Rausch. Und dann kommt, wie ein unerwarteter eisiger Windhauch, das Unerhörte. Die Abschlussprüfungen von gestern sind noch nicht korrigiert, oder? Vor allem Vitjas Zukunft ist im Eimer, er hat nichts geschrieben, ein leeres Blatt abgegeben. Auch Pascha hat das geforderte Ziel nicht ganz erreicht, und Ljalja möchte die Chance, ihrem bisherigen Leben besser zu entkommen. Kurz – Jelena möge doch den Schlüssel zum Tresor der Schule herausrücken; der Rest erledige sich ganz von selbst. Und für ihre kranke Mutter wisse Volodja dann wirkungsvolle Hilfe zu beschaffen…

So nimmt die Erpressung ihren Anfang. Keine Frage, die überrumpelte Lehrerin fasst sich schnell und weiss sich wortreich zu wehren. Sie zieht alle Register der Argumentation, um ihren Schützlingen die Verwerflichkeit ihres Handelns und ihrer Absichten vor Augen zu bringen, erfolglos. Jelena vertritt beredt alle Verhaltensnormen der Ehrlichkeit und der sozialen und persönlichen Verantwortung, die ihr als Gebildete und Bildungsbewusste verfügbar sind; die jungen kontern mit bedingungslosen Forderungen, die sich auch aus den Vorbehalten und Kritiken an der älteren Generation stärken. Die Auseinandersetzung wird auf beiden Seiten laut und lauter. Schliesslich wird die Wohnung nach dem Schlüssel untersucht, und das Chaos ist perfekt.

Schliesslich erreichen die Jungen ihr Ziel nicht, die Lehrerin kann nicht verzeihen und zieht sich ins Verstummen zurück. Man muss damit rechnen, dass fortan eine Mauer zwischen Alt und Jung bestehen bleibt.

Es ist die erste Inszenierung des Münchners Philipp Jescheck am Theater an der Effingerstrasse. Es gelingt ihm mit dem Ensemble eine Aufführung dieses modernen Stücks, die vergessen lässt, dass es nicht heute, sondern vor vierzig Jahren geschrieben worden ist. Julia Sewing ist die eher zu Kompromissbereitschaft neigende Stimme im Jugendquartett; Aaron Frederik Defant (Pascha) ist aufbrausend, jähzornig, doch sofort wieder zurückhaltend; Simon Wenigerkind (Vitja) ist die geborene labile Menschenfigur, und Philipp Auer zeigt als Volodja ein Alphatier-Gesicht, von dem man gegen den Schluss nicht mehr ganz sicher ist, ob er es nur manipuliert, vorspielt. Regisseur Philipp Jeschecks szenische formale Sprache ist modern. Er setzt beim Quartett der Jungen performative Elemente des Tanzes und der Pantomime ein, lässt Bilder für lange Augenblick zur Unbeweglichkeit erstarren. Das regt zum Nachdenken an und weckt die Idee des nicht enden Könnens von Abläufen und damit im Ganzen die Erkenntnis, dass das erreichte Chaos ein Symbol bedeutet für die Unmöglichkeit, bei so extremen Gegenpositionen eine gemeinsame, versöhnliche Lösung zu finden.

Teil an der ganzen eindrücklichen Wirkung der Aufführung hat auch die charakterisierende Ausstattung. Die Kostüme von Sybille Welti und das Bühnenbild von Peter Aeschbacher unterstützen überzeugend die Atmosphäre, in welcher sich sowohl die Lehrerin als auch die Jugendlichen bewegen. Die Drehbühne wird erfolgreich als Veranschaulichung der immer wieder wechselnden Standpunkte und Blickwinkel im Verlauf der Auseinandersetzungen eingesetzt.

Alle Bilder: © Severin Nowacki
Aufführungen bis 14. Februar 2020.

DAS THEATER an der Effingerstrasse

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