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Von Sterben und Liebe

Leben, Sterben, Lieben – diese grossen Themen der Menschen lassen sich auf unverkrampfte Weise mit einer einfachen Geschichte zeigen. Das Theater Matte in Bern beweist es.

Der österreichische Kabarettist und Autor Stefan Vögel (geb. 1969) hat den Einakter Arthur und Claire geschrieben. Die Mundartfassung dieser Schweizer Erstaufführung stammt von Markus Maria Enggist.

Zufall ist es, dass Arthur und Claire sich im selben Amsterdamer Hotel in Nachbarzimmern einquartieren. Zufall ist auch, dass dieselbe Absicht beide leitet. Doch die Voraussetzungen sind anders. Claire hat durch eigene Schuld Mann und Kind durch einen Unfall verloren und glaubt, nicht weiterleben zu können; Arthur will nicht den schmerzhaften Tod an seinem Lungenkrebs abwarten, umso mehr, als er ohnehin verbittert ist, dass ihm als Nichtraucher ein solches Leiden und Sterben bevorsteht.

Beide erfahren allerdings erst nach einem heftig streitenden Auftritt wegen Ruhestörung durch laute Popmusik in Claires Zimmer vom wechselseitigen Vorhaben. In den weiteren Auseinandersetzungen schwingt dann ganz leise das komödiantische Flair des Autors durch: Arthur argumentiert überzeugt aus der Gewissheit heraus, eigentlich wolle Claire kaum sterben, sie zeige vielmehr eine grosse Sehnsucht nach Leben. Claire andererseits wirft ihrem Gegenüber an Sturheit grenzende Flucht vor einem Leben vor, das er im Grunde während aller seiner zahlreichen Lebensjahre eher versäumt habe. In diesem engagierten rhetorischen Hin und Her, nicht ohne hintergründigen Witz auch, spielt das Alter der beiden eine zusätzliche Rolle. Arthur, der viel ältere, der ja auch unter einer recht ernsthaften Bedrohung steht, wirkt festgefahrener, verknöcherter als die noch recht junge Claire, die zwar geschockt von Schuld und Trauer ihr Leben enden will, dennoch immer noch etliches an vitaler Neugier diesem Leben entgegenbringt.

Corinne Thalmann, Hans Peter Incondi

Dieses ganze ausführliche Hin und Her bringt Regisseur Markus Maria Enggist mit Corinne Thalmann und Hans Peter Incondi auf die originell in Farben und Formen gemusterte Bühne von Fredi Stettler. Originell vor allem ist die in keinem Augenblick irritierende Verwendung desselben Hotelzimmers als deren zwei. Die Besetzung darf ohne weiteres als Glücksfall bezeichnet werden. Corinne Thalmann ist eine überaus sympathische Claire. Sie versucht mit allen Mitteln des Charmes und der Beredsamkeit ihrem Gegenüber die Lust am Leben zu wecken. Sympathisch ist auch Hans Peter Incondi als Arthur, der Claire zu Recht vorwerfen kann, sie habe mehr Sehnsucht nach dem Leben als nach dem Tod. Seine Haltung, sein Wesen bringt er in allen Momenten seines szenischen Spiels glaubwürdig zur Geltung. So gut wie auch seine durch die Krankheit und einige Lebensversäumnisse angereicherte Stimmung aus Härte, gemischt mit Resignation.

Dass sich bei allem thematischen Kreisen um Sterben und Suizid doch eine Vertrautheit einstellt, die – wenn auch auf schmerzlichen Umwegen – schliesslich in Liebe mündet, bringen die beiden glaubwürdig zu einem versöhnlichen Ende, mit grosser Intensität des Ausdrucks, mit respektvoller gegenseitiger Haltung im Bühnengeschehen wie in Realität dem Thema, der Sache gegenüber.

Claire und Arthur auf dem Weg zum versöhnlichen gegenseitigen Verständnis

Der Umgang der beiden unterschiedlichen Todessehnsüchtigen miteinander trägt allen Möglichkeiten der Argumentation für oder gegen Selbstmord Rechnung. Dabei ist keine Rede davon, dass man das variantenreiche Bühnengeschehen als Disput über moralische oder ethische Grundsätze verstehen sollte, als Lehrstück gewissermassen. Es ist im Gegenteil schlechthin lebendiges, komödiantisches Theater, erfrischend, belustigend, spannend. Es wäre nicht richtig ganzes Theater, würde es nicht auch ein wenig zum Nachdenken anregen, zum Sinnieren über die verschiedenen Wechselfälle des Lebens, die zu Entscheidungen der Menschen und zu ihrem Handeln führen können.

Alle Bilder: © Rolf Veraguth
Aufführungen bis 22. März 2020

Theater Matte 

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