FrontGesellschaftUnd wenn der Strom ausfällt?

Und wenn der Strom ausfällt?

Das Buch von Winfried Wolf «Mit dem Elektroauto in die Sackgasse» ist für Liebhaber des Autos und Skeptiker in gleicher Weise aufschlussreich. Es führt uns die Entwicklung der Autoindustrie, eng verflochten mit der Weltwirtschaft, vor Augen. Und befreit uns von den Illusionen, mit dem Elektroauto seien die negativen Auswirkungen des herkömmlichen Autoverkehrs aus der Welt geschafft.

Das Buch besticht durch ausführliche, gut lesbare Begründungen der positiven und negativen Standpunkte. Wobei auffällt, dass der Autor für die meisten seiner Aussagen mehrere Gründe ins Feld führt. Und seine allgemeinen Thesen, wie zum Beispiel im letzten Kapitel: «Die Notwendigkeit einer umfassenden Verkehrswende», in klar gegliederte Unterthesen aufteilt.

Wem Zahlen, Statistiken, graphische Darstellungen nicht besonders zusagen, gerät dadurch nicht ins Hintertreffen. Sie zu überlesen vermindert das Verständnis der Aussagen des Buches nicht.

Verhältnisse weltweit in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Der Autor hat vor allem die Verhältnisse in Deutschland und Österreich im Auge. Und greift für einzelne Themen auch auf die Schweiz zurück. So lobt er ausdrücklich unseren öffentlichen Verkehr, unseren Halbstundentakt, das Halbtaxabonnement, das Generalabonnement. Dazu füge ich bei, dass das GA für Seniorinnen und Senioren, wenn sie sich von ihrem Auto getrennt haben, häufig der Schlüssel zur weiteren Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben bedeutet. Für eine Gesellschaft, die immer älter wird, ist der öffentliche Verkehr von existenzieller Bedeutung!

Für die «Grossen» dieser Welt werden im Buch China und die USA beschrieben. USA ist für viele Leserinnen und Leser das traditionelle Auto-Land. Aber China holt in atemberaubendem Tempo auf.

Krisen und Reformdebatten

Bei der Lektüre wird daran erinnert, dass es in der weltweiten Autobranche immer wieder Einbrüche und begleitende Reformdebatten gab. Die «Ölkrise» von 1973 mündete 1974/75 in eine allgemeine Weltwirtschaftskrise. Der Autor illustriert die Autokrise für Deutschland mit dem Niedergang des Modelles «Käfer» von VW. Sicher ist vielen Lesenden der «Käfer» als erstes oder auch einziges Auto noch in bester Erinnerung. Und der Käfer war seinerzeit als eigenes Auto für die «emanzipierte» Frau ein bevorzugtes Modell.

1971 wurden noch eine Million Käfer produziert, 1974 waren es 432’000. Die Krise brachte eine Reformdebatte hervor, gefolgt von entsprechenden Massnahmen. So wurden beispielsweise in der Schweiz drei «autofreie Sonntage» beschlossen. Ich erinnere mich persönlich daran, wie schön sich an diesen Sonntagen das Flanieren auf autofreien Strassen anfühlte.

Weder Ölkrise noch ökologische Bedenken konnten bisher die Autoflut eindämmen. (pixabay)

Die Reformgedanken versandeten, es kam zu einem neuen Boom des Autobaus. 1980 wurden weltweit 40 Millionen Pkw produziert, ein Rekord. Aber die Krise folgte auf dem Fuss, wiederum ausgelöst durch einen massiven Anstieg des Rohölpreises. Die Autoproduktion ging weltweit um zwölf Prozent zurück. Auch in den 80er-Jahren wurde über «Reformen» diskutiert. In Deutschland stand eine Tempobeschränkung zur Debatte, in der Schweiz war das Waldsterben ein Thema, das im eidgenössischen Parlament zu einer Sondersession führte. Aber die Branche erholte sich.

Und wieder gab es einen Einbruch, eine Krise im internationalen Fahrzeugbau und zwar 1991/92. Sie gestaltete sich allerdings milder als die vorherigen Ereignisse. Und im Rahmen der Reformdebatte gab es auch «einen Hype um ein geplantes Swatch-Mobil, ein Stadtauto auf Basis eines Elektromotors oder eines Hybrid-Motors. Das Resultat war dann ein «Mini-Benziner mit der Bezeichnung «Smart» Erst seit 2008 gibt es den Smart auch mit Elektromotor – er ist in der realen Autowelt jedoch nur in homöopathischer Dosierung unterwegs».

Wichtiger war, dass im Rahmen dieser Debatte auch über autofreie Innenstädte diskutiert und damit experimentiert wurde.

Aber die nächste Krise 2000/2001 liess nicht auf sich warten. Das Elektroauto erschien am Horizont, 2003 wurde das Elektroauto-Unternehmen Tesla gegründet. Dieses setzte mit der Herstellung grosser, schwerer und teurer Elektro-Pkw auf den Luxus-Sektor. Und Tesla blieb nicht allein. Dazu gesellte sich der SUV-Boom. «2017 wurden in den USA 11 Millionen SUVs neu zugelassen. Inzwischen stellen diese besonders schweren und besonders durstigen Autos in den USA das grösste Segment unter allen Pkw.»

Elektromobilität als Ausweg

Wieder löste ein massiver Anstieg der Rohölpreise eine Krise der Autoindustrie, damit verbunden eine Krise des weltweiten Kapitals, und dadurch gleichzeitig eine Weltwirtschaftskrise aus. Ich denke, an die Jahre 2008/2009 erinnern wir uns noch alle.

Auf dem Hintergrund dieser vom Autor in allen Einzelheiten geschilderten Entwicklungsgeschichte des Autos ist zu verstehen, dass «Elektromobilität» zunächst als Zauberformel für eine nachhaltige Verkehrspolitik in Erscheinung trat. Allerdings von Anfang an begleitet von skeptischen Interventionen. Denn im Grunde ist nicht ein Autoverkehr mit anderen negativen Auswirkungen als der herkömmliche die Lösung. Die Lösung wäre weniger Autoverkehr.

Ob das Elektroauto die Lösung des Mobilitätsproblems ist, darf zumindest hinterfragt werden. 

Und so kommt der Autor, Winfried Wolf, etwa in der Mitte des Buches zu einer vorläufigen Bilanz: «Der Wechsel des Antriebssystems löst die Probleme, die mit dem Autoverkehr verbunden sind, nicht. Das Gegenteil ist der Fall.»

Und der letzte Satz im Buch lautet: «Der Ausstieg aus dem Autowahn und die Umsetzung einer Verkehrswende-Politik ist aus Sicht der Menschen, der Natur, der Umwelt, des Klimas und der Gesamtwirtschaft ein Win-Win-Projekt».

Abschliessende Würdigung

In meiner Besprechung habe ich mich auf den ersten Teil des Buches, die Autogeschichte, konzentriert. Mit derselben Gründlichkeit werden auch die Vor- und Nachteile des E-Autos beschrieben. Und ein ausführliches Kapitel 8 behandelt die «Tesla-Saga und Elon-Musk-Ideologie.»

Weltwirtschaft, Kapitalismus, Branchengeschichte, Kampf um Vorherrschaft wird im Buch von Winfried Wolf gründlich und informativ beschrieben. Und obwohl es an die Leserinnen und Leser Ansprüche stellt, würde ich es auch als unterhaltsam bezeichnen. Wir stecken mitten in einer Welt im Umbruch. Alle Autos an unseren Strassenrändern werden zum Sinnbild für die Frage: Schaffen wir einen Durchbruch in diesem Umbruch oder werden wir voll Illusionen stecken bleiben?

Vielleicht entziffern wir in der Epidemie, die aktuell grassiert, die Antwort.

Winfried Wolf: «Mit dem Elektroauto in die Sackgasse». 2019 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien. ISBN: 978-3-85371-450-8

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