FrontGesellschaftFrauen mit der Kamera im Krieg

Frauen mit der Kamera im Krieg

Ein Soldat heult um seinen soeben getöteten Kameraden, eine verschleierte Frau blickt entsetzt auf Militärs, die in ihr Haus eindringen, Kinder spielen in Trümmern: Es sind Fotos von Kriegsreporterinnen, welche unser Bild von den blutigen Konflikten fast eines Jahrhunderts prägen, die das Fotomuseum Winterthur zeigt.

Der Krieg sei der Vater aller Dinge, ein Satz von Heraklit, der oft dahingehend interpretiert wird, dass technischer Fortschritt, kreative Erfindung, also Entwicklung jeder Art, dank Aufrüstung Strategieplänen und Kriegshandlungen vorankommen. Eine dieser Techniken ist die Fotografie samt zugehöriger Technik. Schon im Ersten Weltkrieg waren handliche Kameras erfunden, seit da sind Fotojournalisten an den Kriegsfronten dabei. Und Fotografinnen. Die schnelle Reportage wurde erst recht möglich, nachdem 1925 mit der Leica die erste Kleinbildkamera auf den Markt kam.

Lee Miller, Der Fall der Zitadelle: Eine schwarze Rauchwolke steigt nach der ersten
Bombardierung durch P38-Kampfflugzeuge auf, Saint-Malo, Frankreich, 1944. © Lee Miller
Archives, England 2019. All rights reserved. leemiller.co.uk

Acht Frauen, die zwischen den 30er Jahren im spanischen Bürgerkrieg und den aktuellen Kriegshandlungen des 21. Jahrhunderts Bilder für Zeitungen, Zeitschriften, Agenturen produzierten, sind mit ihren Bildern im Fotomuseum ausgestellt. Sie wurden Fotografinnen an der Front, weil sie sich für die eine, die richtige Partei in einem Bürgerkrieg engagierten. Oder weil sie ihr Leben als embedded journalist mit US-Marines in Vietnam oder in Afghanistan aufs Spiel setzten. Oder weil sie beim Vormarsch der Alliierten in Nazideutschland ikonische Bilder von zerstörten Städten und zerstörten Menschen machten. Sie dokumentierten auch die grauenvoll blutigen Konflikte des Libanonkriegs, der Bürgerkriege Afrikas nach dem Abzug der Kolonialmächte, Kriege, die fast schon vergessen sind.

Die Kriegsfotografinnen setzten sich auf der Suche nach dem richtigen Bild genauso ein, wie ihre männlichen Kollegen, aber sie zeigten den Krieg als Kampf von menschlichen Wesen gegen menschliche Wesen, als Tragödie der Menschheit, dargestellt jeweils an einer besonderen Szene, die sich einprägt. Distanz und zugleich Empathie prägen diese Kriegsfotografie eher als Sensationslust. Immer wieder sind Kinder das Motiv, Kinder, die den Konflikt hautnah erleben.

Anja Niedringhaus, Ein kanadischer Soldat des Royal Canadian Regiment verjagt bei einer
Patrouille in Salavat ein Huhn. Sekunden später wird die Patrouille von Militanten mit über
die Mauer geworfenen Handgranaten angegriffen, Salavat, Afghanistan, September 2010.
© picture alliance / AP Images

Es ist eine harte Ausstellung, die Fotos – meist schwarz-weiss, meist eher kleinformatig, aber umso aussagekräftiger – bewegen tiefer als es die flüchtigen Bilder, denen wir uns täglich aussetzen, es tun. Auch in der Kriegsfotografie manifestiert sich Kunst, ohne die unsere Gesellschaft nicht überleben kann. Das ist die Aussage, die diese Museumsausstellung über Kriegsreporterinnen letztlich macht.

Gerda Taro (1910-1937). Pionierin der Kriegsfotografie
Gerda Taro, Republikanische Milizionärin bei der Ausbildung am Strand bei Barcelona,
Spanien, August 1936. © International Center of Photography, New York

Kennen Sie die ikonischen Bilder, die Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republikaner für die Weltöffentlichkeit gemacht hat? Wussten Sie, dass Robert Capa eine virtuelle Figur fürs Marketing war, dass er auch weiblich war? Hinter Capa steckt das Fotoreporterpaar Gerda Pohorylle und André Friedmann, beide jüdisch und in der Emigration, wobei die Fotografin unter dem Namen Gerda Taro publiziert. Viele ihrer Bilder werden später Capa zugeschrieben. Taro hat an der Front von einem Panzer überrollt ihr Leben verloren.

Lee Miller (1907-1977): «Just Treat me Like one of the Boys»
Von 1944 an berichtet Lee Miller («behandelt mich einfach wie einen der Jungs») für das Modemagazin Vogue über den Vormarsch der Alliierten. Das ehemalige Fotomodell fotografiert zerstörte deutsche Städte und das prekäre Leben der Menschen und dokumentiert den Genozid in den eben befreiten Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald. Die Bilder erscheinen unter dem Titel Believe it bereits im Juni 1945. Bis zu ihrem Tod 1977 verweigert Miller jedes Gespräch darüber.

Lee Miller, Obdachlose Kinder, Budapest, Ungarn, 1946. © Lee Miller Archives, England
2019. All rights reserved. leemiller.co.uk

Catherine Leroy (1944-2006). Bomben, Blut und Barmherzigkeit
Mit 21 reist die Französin nach Vietnam, besorgt sich bei der Agentur AP eine Akkreditierung und kann für Magazine Fotos machen. Sie schliesst sich den US-Truppen an und fotografiert den Krieg im Landesinnern hautnah – kämpfende GIs, sterbende GIs, Vietcong-Partisanen in Todesangst, verzweifelte Bevölkerung. Ihre Bildsequenzen brachten den furchtbaren Krieg als seitenfüllende Geschichten zu den Lesern der Fotomagazine Paris Match und Life. Danach macht sie weiter: In Beirut fotografiert sie die unter dem libanesischen Bürgerkrieg leidende Zivilbevölkerung. Dafür bekommt sie als erste Frau die Robert-Capa-Goldmedaille.

Françoise Demulder (1947-2008): «Mit Fotos kannst du sie wachrütteln.»

Als Touristin kommt sie nach Vietnam, lernt wie Catherine Leroy das Handwerk on the Job und fotografiert 1975 exklusiv – die meisten Journalisten sind schon weg – den Einmarsch der Nordvietnamesen in Saigon. Weitere Stationen sind die Bürgerkriege oder auch Stellvertreterkriege in Kambodscha, Angola und im Libanon. In Beirut dokumentiert sie ein Massaker von christlichen Milizen an Hunderten palästinensischer Menschen.

Christine Spengler (*1945). Hoffnung inmitten der Ruinen

Sie knipst mit der Kamera ihres jüngeren Bruders ihre ersten Bilder, wie sie im Tschad in einen bewaffneten Konflikt geraten. Danach wird sie mehrere Wochen unter dem Verdacht der Spionage inhaftiert. Sie ist 25 und wird als Autodidaktin Kriegsfotografin. Drei Jahrzehnte steht sie mit der Kamera an verschiedenen Fronten, zunächst in Nordirland, dann auf den Kriegsschauplätzen Südostasiens, in der Westsahara, im Iran und in Afghanistan, in Nicaragua und El Salvador, im Kosovo und dem Irak. Nicht die Gefechte sind in ihrem Fokus, sondern das, was hinter den Frontlinien ist, die Toten und Verletzten, die Zerstörung, die Schicksale der leidenden Frauen und der verlorenen Kinder.

Susan Meiselas, Soldaten durchsuchen Busreisende am Northern Highway, El Salvador,
1980. © Susan Meiselas / Magnum Photos

Susan Meiselas (*1948): «Die Kamera ist ein Vorwand, irgendwo zu sein, wo man sonst nicht hingehört.»
Die Magnum-Fotografin geht ins revolutionäre Nicaragua und prägt mit ihren engagierten Bildreportagen das Bild dieser Revolution in der westlichen Welt. Als Amerikanerin hat sie auch Zugang zu Diktator Somoza und den Militärs. Ihre Fotos sind anders als die damaligen Frontfotografien, ihr Interesse ist es, die Dimension der Zeit, die Nachhaltigkeit einzubringen. Sie kehrt oft an die Orte zurück, die sie fotografiert hat, baut ihre Fotos in Filme oder Installationen ein.

Carolyn Cole (*1961): «Ich hätte jederzeit gehen können (…), aber ich bin geblieben.»

Carolyn Cole, Kinder bei der Ausgabe einer kärglichen Reismahlzeit in einem
Flüchtlingslager am Rand von Monrova, Liberia, August 2003. © Carolyn Cole / Los
Angeles Times

Ende der 90er Jahre werden Kriegsgebiete weltweit zum Arbeitsplatz der Amerikanerin. Die neun letzten Tage der 39tägigen Belagerung durch die Israeli verbringt sie zusammen mit palästinensischen Kämpfern, Zivilpersonen, Polizisten und christlichen Geistlichen in der Geburtskirche von Bethlehem. Für diese Arbeit bekommt sie die Robert-Capa-Medaille. In Bagdad erlebt sie 2003 die Bombardierungen der US-Truppen, in Monrovia dokumentiert sie die Gräuel des liberianischen Bürgerkriegs und erhält den Pulitzerpreis. Carolyn Cole hat seit je für die Los Angeles Times fotografiert, heute arbeitet sie im Bereich Natur- und Meeresschutz.

Anja Niedringhaus (1965-2014): «Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt!»
Bei ihrem Vorgesetzten in den Büros der European Pressphoto Agency setzt sie hartnäckig durch, als Fotoreporterin arbeiten zu können. Nach ihrem ersten Einsatz im Jugoslawienkrieg wechselt sie zur AP und berichtet aus dem Irak, aus Afghanistan, dem Gaza-Streifen und Libyen.

Anja Niedringhaus, Ein amerikanischer Marineinfanterist der 1st Division trägt ein GI-Joe
Maskottchen als Glücksbringer in seinem Rucksack, während seine Einheit tiefer in den
westlichen Teil der Stadt vordringt, Falludscha, Irak, November 2004. © picture alliance/AP Images

Als embedded journalist muss sie der Militäreinheit, der sie zugeteilt ist, folgen, sich als einzige Frau anpassen. Am 4. April 2014 wird sie bei der Berichterstattung über die Wahlen in Afghanistan innerhalb eines Stützpunkts von einem Polizisten erschossen.

Anja Niedringhaus, Ein afghanischer Junge hält eine Spielzeugwaffe, während er mit
anderen Karussell fährt und das Ende des Ramadanfests feiert, Kabul, Afghanistan,
September 2009. © picture alliance / AP Images

Beitragsbild: Susan Meiselas, Sandinisten vor den Mauern des Hauptquartiers der Nationalgarde in Estelí, Nicaragua, Juli 1979. © Susan Meiselas / Magnum Photos

Die Titel sind dem Katalog «Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus» entlehnt, der zur Ausstellung, die zuvor im Kunstpalast Düsseldorf gezeigt wurde, erschienen ist. Das sorgfältig gemachte Buch mit vielen Fotografien und Kurzbiografien der Fotografinnen ist im Prestel-Verlag erschienen und kostet rund vierzig Franken. ISBN 978-3-7913-5863-5

Bis 24. Mai
Weitere Informationen zu Öffnungszeiten und Veranstaltungen (z.T. abgesagt) der Ausstellung «Fotografinnen an der Front» finden Sie unter Fotomuseum Winterthur
Die Besprechung der Parallel-Ausstellung in der Fotostiftung «Evelyn Hofer. Begegnungen» gibt es hier.

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