FrontGesellschaftWie man in der Risikogruppe ankommt

Wie man in der Risikogruppe ankommt

Wie lebt es sich im Ausnahmezustand? Steht die Schweiz bald so still wie Italien? Wie erleben und meistern die zur Risikogruppe zählenden älteren Menschen die verordneten Einschränkungen? Ein Erfahrungsbericht:

Donnerstag, 12. März 2020, 11:10Uhr. Ich (76) beuge mich über einen Bericht, schrecke plötzlich auf, schaue auf die Uhr. Es ist Zeit, mich um das Essen für drei Enkel und ein, zwei Freunde zu kümmern. Sie kommen jeweils pünktlich um 12 Uhr, haben Hunger. Beim Morgenessen stand noch zur Diskussion, ob wir Grosseltern diesen Mittagstisch weiterhin aufrechterhalten sollen. Die Eltern der Enkel warnen, sind aber an diesem Tag beruflich derart stark engagiert, dass es eigentlich keine andere Lösung gibt. „Aber haltet Abstand, schaut, dass alle die Hände waschen“, geben sie uns noch mit, bevor sie sich telefonisch in ihren Berufsalltag verabschieden.

Donnerstag, 12. März 2020, 20:30 Uhr. Cora, die 19jährige Enkelin, ruft aus Lima zurück. Sie bereist mit ihrer Freundin im Jahr zwischen Matur und Studium Südamerika. Wir wollten ihr zum Geburtstag gratulieren. Über Skype kommen wir in Kontakt. Sie ist aufgestellt, hat sich für den Ausgang zurechtgemacht, zur kleinen Geburtstagsfeier. Lima gefällt ihr sehr gut, die Stadt, das Meer. Von der Corona-Krise hat sie in der lokalen Presse gelesen, doch sie spüre keine Aufregung unter der Bevölkerung. Am Wochenende wollen sie weiter, wollen nach Ecuador fliegen, auch die Galapagos-Inseln besuchen. Sie sind guter Dinge.

Freitag, 13. März 2020, 08:30 Uhr. Ich steige an der Fröhlichstrasse in Zürich in den Zweier. Das Tram ist erstaunlicherweise um diese Zeit nicht überfüllt, wie sonst immer. Ich setze mich auf eine unbesetzte Zweierbank. An der Höschgasse setzt sich eine junge Frau mir vis-à-vis auf einen der gegenüber liegenden Sitze. Sie ist in ihr Handy vertieft, schaut kurz auf, blickt mich an, steht auf, setzt sich weiter vorne auf eine Einzelbank. Ich bin erstaunt, irritiert, sogar leicht verärgert. Später an der Sitzung, als ich davon erzähle, meint ein Sitzungsteilnehmer: “Die Frau wollte Dich schützen. Sie gehört nicht zur Risikogruppe, Du schon…»

Freitag, 13. März 2020, 15:30 Uhr. Auf SRF 1 wird die Pressekonferenz des Bundesrates übertragen. Simonetta Sommaruga, Alain Berset, Karin Keller Sutter und Guy Parmelin, moderiert von Vizekanzler André Simonazzi, versuchen, die Bevölkerung auf die bundesrätliche Krisenpolitik einzustimmen. Die Journalisten hinterfragen die Aussagen. Es wird immer deutlicher, was die Landesregierung will: Die Ausbreitung des Virus mit allen Mitteln zu verlangsamen. Nach der Pressekonferenz steht neben dem Moderator der emeritierte Professor Beda Stadler (67), der bekannte Immunologe. Er wettert gegen die Entscheidungen. Zwar habe Alain Berset dreimal darauf hingewiesen, dass es eine grosse Risiko-Gruppe gebe, die Menschen ab 65 Jahren. Die Lösungen seien aber viel zu wenig innovativ. Warum beispielsweis gebe es bei der SBB keine Wagen für Menschen über 65 Jahre, es gebe ja auch 1. und 2. Klasswagen. Warum könnten Restaurants an einem Tag nicht einmal nur für die Risikogruppen offen sein, dann wieder nur für die Jungen. Und der dadurch zunehmenden Einsamkeit älterer Menschen müsse etwas entgegengesetzt werden.

Freitag, 13. März 2020, 18:45 Uhr. Es triffft ein SMS meiner Tochter zu unserer Enkelin ein: „Cora und Ihre Freundin werden morgen ihre Südamerika-Reise abbrechen. Sie werden über Paris am Sonntagabend in Zürich eintreffen.“ Ihr Vater, ein Kinderarzt, hat die beiden überzeugt, dass es besser ist, jetzt nach Europa zurückzukehren, so lange das Reisen noch möglich ist.

Samstag, 14. März 2020, 10.00 Uhr. Mein Sohn kommt vorbei. Er hat zwei Anliegen. Einmal zeigt er den Brief, den er von der Lehrerin der Zwillinge erhalten hat. Darin steht, dass die Schule ab Montag geschlossen sei. Das ist zumindest missverständlich. Das Schulhaus ist nicht geschlossen. Im Gegenteil. Für Kinder, für die die entsprechenden Eltern keine Betreuung bis am Montag organisieren können, ist das Schulhaus offen. Der Unterricht ist für vier Wochen ausgesetzt. Die Lehrerschaft hat aber die notwendige Betreuung zu organisieren. Es scheint so, dass die Kommunikation noch nicht optimal funktioniert. Die Lehrerschaft wird noch zu sehr allein gelassen. Jetzt sind doch innovative Lösungen in der Betreuung, im Unterricht über die digitalen Medien, über das Internet möglich. Die kantonalen Bildungsdirektionen sind gefordert; sie haben die Lehrerschaft anzuleiten, zu betreuen.

Und er zeigt einen Brief, den er Parlamentariern senden will, in dem er auf Lücken in der Arbeitslosen-Versicherung hinweist. Inhaber, die aktiv in ihrer KMU arbeiten würden, könnten keine Kurzarbeit-Entschädigung beantragen, obwohl die Corona-Krise viele Unternehmen gefährden würde, weil viele Aufträge storniert werden müssen.

Wir beschliessen, dass wir die Betreuung der Enkelkinder vorerst auf das absolute Minimum beschränken wollen.

Ich bin in der Risikogruppe angekommen.


Wie ist es Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, ergangen? Tauschen wir doch unsere Erfahrungen aus, hier auf seniorweb.ch. Schicken Sie uns Ihre Erfahrungen an redaktion@seniorweb.ch oder schreiben Sie einen Kommentar. 

6 Kommentare

  1. Eine eher unerfreuliche Geschichte kann ich beitragen: Auf dem Bahnhofplatz in Thusis machte sich eine Gruppe gelangweilter junger Frauen – besser würde ich Gören sagen – einen Spass daraus, auf alte Menschen, die den Platz überqueren mussten, zuzugehen und ihnen einen Bodycheck zu verpassen. Offensichtlich die nun geforderte soziale Distanz mit Vorsatz zu missachten. Sie weideten sich am Schrecken der älteren Menschen, grinsten hämisch zusammen und suchten ihr nächstes Opfer.

  2. Wir sollen zu Hause bleiben! Non dobbiamo pensare solo a noi stessi e crederci immortali. Dobbiamo pensare che se ci ammaliamo e dobbiamo andare in ospedale è per noi molto difficile poi uscirne. Ma soprattutto dobbiamo ricordarci del compito difficile di medici,del personale, delle strutture ospedaliere, ecc. Evitiamo pure, con tristezza, di avere contatti con i nostri nipoti. Prima o poi tutto passerà.

  3. ….ja wir ü70 sind wirklich angekommen…wie habe ich mich doch letzte Woche gefreut nach meinen 3 wöchigen Ferien in Antigua/St. Martin, ganz für meine 2 Enkelkinder wieder da zu sein…aber oha, ein SMS von meiner Tochter…»nein Mami, Du gehörst der Risikogruppe ü70 an, wir müssen uns anders organisieren»…Meine Tochter stand am Samstag am Flughafen Kloten mit meiner Enkelin. Später überreichte sie mir einen «Notfallkorb» mit den nötigsten Lebensmittel….eine berührende Aktion die ich nie vergessen werde….
    Nun bin ich zu Hause, mit meiner Enkelin Lara (12 ) mit E- Mails in Kontakt…so schön aber auch schmerzlich berührt

  4. Ja, ich kann Ihnen nachfühlen. Ich kann alle Einschränkungen recht gut akzeptieren ohne zur Zeit deprimiert zu sein, aber der Verzicht auf den DIREKTEN Kontakt mit den Enkelkindern tut am meisten weh.

  5. Ja, dass wir Grossmami’s die Enkelkinder nicht mehr bei uns haben können, macht mich traurig. Obwohl vom BAG kommuniziert wird, dass die Kinder eher keine Virenträger sind. Aber wir akzeptieren diese Weisung und geniessen das Beisammensein wieder, wenn hoffentlich bald diese Krise überwunden ist.
    Ich hoffe nur, dass der tägliche Spaziergang oder eine Wanderung nicht verboten wird.

  6. Mani Matters Lied Hemmigä kommt mir in den Sinn, wenn ich den Drang verspühre nach draussen zu gehen. Ich habe tatsächlich Hemmigä!
    All die «Nicht Risikogruppen Menschen» würden mich vorwurfsvoll fokusieren, als hätte ich Lepra.
    Kommt die Zeit wieder wo der Spruch, » sie behandeln dich wie einen Aussätzigen» voll einfährt?
    Ich glaube diese Erfahrung ist nötig, mich bescheiden und dehmütig zu machen.
    Ein Gutes hat dieses Virus: Es tut mehr für den Klimaschutz als alle Gretas und Grüne zusammen. Nichts geht mehr, still und stumm ist die Welt geworden! Ich nehme erleichtert einen tiefen Atemzug von reineren Luft. Meine Risikolungen füllen sich mit der guten Luft!
    Es isch all da

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