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Spiritualität für freie Geister

Lorenz Marti öffnet Türen zum Verständnis einer Spiritualität, die nichts mit dogmatischer Religion zu tun hat.

«… besonders ans Herz legen …» möchte der 1952 geborene Autor sein 2019 im Herder Verlag, Freiburg i. B. erschienenes letztes Buch, Türen auf!. In der Tat kommt frische Luft herein, verhocktes religiöses, konfessionelles Dogma mit all seinen Hemmungen, Lebensbremsen und Heucheleien wirbelt hinaus ins Freie und verschwindet dort als Nebel im Universum, im Sternenstaub (auch ein Titel von Lorenz Marti). Der Autor legt in umsichtigen Gedankengängen seine Auffassung von Spiritualität dar und überzeugt dabei mit dem Grundgedanken, dass Spiritualität wohl zum Menschen gehört, mit Religion jedoch nicht identisch ist. Allerdings verleihen religiöse Traditionen der Spiritualität eine Form, die es möglich macht sie zu leben, auszudrücken, damit umzugehen.

Martis Buch kommt zur rechten Zeit. Es hebt sich ab von den zahlreichen Werken der Wissenschafter und Wissenschaftsgläubigen, für die nur die Forschungsergebnisse zählen und die deshalb alles Metaphysische, Transzendentale und Spirituelle, auch den Glauben und die Religion ins Reich der Fantasie verbannen. Sie vergessen dabei allerdings, dass es einmal eine Zeit gab, als die Wissenschafter die Erde für eine Scheibe hielten und abweichende Auffassungen als Ketzerei verdammten und von der mächtigen Kirche inquisitorisch verfolgen liessen. Die Hüterin des Glaubens und der Wissenschaft sorgte sich allerdings, wie man unter anderem in Brechts Galilei vom dort auftretenden «sehr alten Kardinal» erfahren kann, auch darüber, dass die neue Erkenntnis als unnötige Ruhestörung des damaligen einfachen Lebens weder notwendig noch erwünscht sein könnte.

Manchmal beschleicht einen allerdings der ebenfalls häretische Gedanke, die Wissenschaft wäre allenfalls noch gar nicht am Ende mit allen ihren Forschungen, und in ein, zwei Jahrhunderten oder Jahrtausenden könnten erstaunliche aktuelle Erkenntnisse die heute als alleingültig vorliegenden überholen und Lügen strafen, vielleicht sogar der Lächerlichkeit preisgeben…

Solche Spekulationen sind Lorenz Marti fremd. Er anerkennt in seinen wohlformulierten, literarisch und philosophisch abgestützten Sätzen und Abschnitten die wissenschaftlichen Erkenntnisse durchaus. Bezeichnend jedoch ist, dass er das Buch den Leserinnen und Lesern «ans Herz legen» will; er schreibt, «es gibt eine Sprache, die über den Endpunkt des Wissbaren hinausführt: die Sprache des Herzens, die Poesie.» Daneben bezeichnet er die Spiritualität als «das Gespür für eine Tiefendimension der Wirklichkeit, die wir gelegentlich ahnen, aber nie wirklich begreifen können.»

Auch wenn Lorenz Marti die Religion nicht mit der Spiritualität gleichsetzt, bezieht er sie sozusagen ins Ausüben von Spiritualität ein. Am schönsten scheint ihm das zu gelingen, wenn er, sich dabei auf Schleiermacher stützend, ausführt dass Religion weder Dogma noch Moral, sondern Gefühl sei, uns emotional ergreife und «Sinn und Geschmack für das Unendliche» bei uns wecke.

Noch manche andere weltliche und geistliche, theologische und philosophische Autorität findet Platz in Lorenz Martis mit viel persönlichem Engagement und trotzdem ohne Oberlehrerhaftigkeit entwickeltem Plädoyer für eine vertieftere und spontanere Zuwendung zur Spiritualität. Sie erscheint auch in den traditionellen Formen der Religiosität. Die Hauptsache dabei ist die Haltung sich selber und dem Leben gegenüber. Sie sei eher von leiser und weiser Gelassenheit und Dankbarkeit geprägt, vom «besinnlichen Denken» statt vom «rechnenden Denken» (Heidegger, von Marti zitiert).

Am meisten erstaunt das Buch durch den unmittelbaren, den persönlichen, bescheidenen und, eben, zu Herzen gehenden Ausdruck von Lorenz Martis Sprache. Wobei ‘Sprache’ sich ja von ‘sprechen’ herleitet. Genau so sind die neun Hauptkapitel des Werks auch gemeint. Es ist, als sässe man im bequemen Fauteuil dem leise sprechenden, sachlich erläuternden Mann gegenüber, der seine Worte abwägt, seine Argumente prüft, bevor er sie äussert. Ein Gespräch unter Freunden, nicht von Lehrer zu Schüler; Worte vom Herzen zum Herzen.

Welch ein Buch, reich an Fakten, an Gedanken, an Überlegungen über ein Thema, das zurzeit je länger, umso mehr von der Rationalität der erforschten und erforschbaren Theorie ins Abseits für Schwärmer und Naive abgedrängt wird.

ISBN: 978-3-451-38941-2

Beitragsbild: Lorenz Marti © privat_frei

Lorenz Marti

Über Spiritualität im Herder Verlag

1 Kommentar

  1. Lorenz Marti ist am 27. Mai 2020 verstorben. Auf ungeahnte Weise hat sich seine für ihn bestimmte Türe geöffnet. Ein Mensch ist gegangen, der uns viel gesagt hat und auch viel zu sagen hatte. Gut, dass er dieses so tiefsinnige Buch, das so leicht zu Herzen geht, noch schreiben durfte.

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