FrontKulturGeglückt und beglückend: Literatur Online

Geglückt und beglückend: Literatur Online

Es ist um Klassen besser herausgekommen, als viele dachten, das Online-Festival der 42. Solothurner Literaturtage. Das Team kann in seiner Bilanz von einem geglückten Experiment sprechen, für unsereiner war es ein grosser Schritt voran in die digitale Welt.

Vorbei, die Solothurner Literaturtage online, die viele Literaturinteressierte am Bildschirm von Laptop, Computer oder Smartphone verbrachten. Zwei intensive Tage mit einer Vielfalt von Veranstaltungen in virtuellen, mit bekannten Namen wie Säulenhalle oder Beiz versehenen Räumen. Was ist nun aber aus dem Gemeinschaftserlebnis an der Aare geworden, das sich die Stammgäste jeweils erhoffen?

Für die eingeladenen Schriftstellerinnen, Autoren und Übersetzer Slampoetinnen und Dichter, die einen Auftritt gemeinsam mit ihrer Moderationsperson gestalten konnten, ist die Alternative zu einer Lesung oder einem Workshop meist gut herausgekommen. Zudem sind die Beiträge auf dem sogenannten Logbuch immer noch abrufbar, also auch heute noch oder morgen oder übermorgen. Damit ist die Werkschau über das literarische Schaffen in allen Landesteilen der Schweiz zwar anders, aber doch sehr informativ zustande gekommen. Über 21‘000 unterschiedliche Besucher und Besucherinnen haben sich auf der Onlineplattform eingefunden.

Eröffnung der Literaturtage am 22. Mai in Bern mit (von links) Reina Gehrig, Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, Autorin Simone Lappert © Solothurner Literaturtage

Die Live-Veranstaltungen mit Gesprächen über Literatur, Fremdsein, Moral, das Dichten, Zeichnen oder Erzählen, die unterhaltsamen und spielerischen Formate bis hin zur Disco waren einmalig. Was bleibt? Zum Beispiel der Resonanzraum, wo ein Text von Peter Bichsel ein vielfältiges Echo – gezeichnet, geschrieben, fotografiert – fand. Zentrale Aussagen aus dem Gespräch mit dem Autor sind auf Instagram nachzulesen.

Peter Bichsel im Studio der Solothurner Literaturtage.  © fotomtina

Zwei Beispiele, die sich einprägen: «Beobachten ist Schauen mit einem Vorurteil.» Oder: «Ein Wissender und ein Denkender, das ist nicht das gleiche.» , Dort ist auch die Lesung des Texts über Die drei Niederlagen des Denkers nochmals zu hören, bebildert vom Bolo Klub, einer Vereinigung von Illustratoren und Illustratorinnen. Diese Werke sind auch einzeln ausgestellt und können gekauft werden. Zudem gibt es eine musikalische Interpretation der Kolumne.

Der Gewinner-Titel des Kinder- und Jugendbuchpreises

So schwingt vieles nach, oder es bleibt einiges im Kopf, wie das gescheite und spannende Podiumsgespräch über Die Sehnsucht nach dem Fremden mit dem Autor Christopher Kloeble in Deutschland, dem Komparatisten und Literaturprofessor Oliver Lubrich in Bern, der Übersetzerin Tess Lewis in den USA und der Moderatorin Gabrielle Alioth in Irland. Und die einfühlsame Zeremonie der ersten Preisverleihung des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises an den Grafiker Nando von Arb aus Zürich. Die Graphic Novel 3 Väter, eine Geschichte über das Leben eines Buben in einer Patchworkfamilie mit einer Mutter, zwei Schwestern und drei Vätern, ist nicht nur für Kinder geeignet.

Am 22. und 23. Mai gab es über 10‘000 Zugriffe auf die Seite des Onlineliteraturfestivals, vermeldet das Schlusscommuniqué, von jeweils rund 150 bis 250 Geräten gleichzeitig wurden die gestreamten Veranstaltungen verfolgt.

Dani Landolf, der Nachfolger und bereits Mitmacher bei der Online-Plattform und Reina Gehrig, die im August den Stab übergibt. © fotomtina

Die abtretende Geschäftsführerin Reina Gehrig zieht eine positive Bilanz: «Diese Onlineliteraturtage waren ein Experiment und es ist geglückt. …Natürlich ist einOnlinefestival kein Ersatz für die Solothurner Literaturtage, die geprägt sind durch persönliche Begegnungen. Aber die Solothurner Literaturtage haben in ihrer 42. Ausgabe gezeigt, dass sie flexibel und wandelbar sind und doch ihren Werten treu bleiben können.»

Und was bleibt sonst noch ausser den Büchern, die man bestellt hat, oder demnächst in der Buchhandlung besorgt? Vielleicht regelmässig das Logbuch öffnen und auch mal die vom Solothurner Kunstmuseum organisierten kurzen Hörbildern mit Schreibenden anklicken.

Für viele von uns, die wir uns doch bestens auskennen mit Internet-Suche, Mailen und vielleicht auch Chatten, mit Fotos bearbeiten und Filme streamen bleibt noch etwas: Wir haben bei den virtuellen Literaturtagen gelernt, uns wie der Fisch im Wasser auf einer viel komplexeren Plattform zu bewegen, als es unser Seniorweb ist.

https://www.literatur-online.ch/programm/
Die zwei Vorbesprechungen können Sie hier nachlesen: https://seniorweb.ch/2020/05/21/bundespraesidentin-eroeffnet-literaturtage/
https://seniorweb.ch/2020/05/12/literaturtage-im-internet-statt-in-solothurn/

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel