StartseiteMagazinGesellschaftWunderbare Wende in hektischer Zeit

Wunderbare Wende in hektischer Zeit

Josef Jendly hat in der Coronazeit täglich eine Kurzgeschichte geschrieben. Es sind einfache, berührende und nachdenkliche Geschichten, die vom erlebten Alltag in der Quarantäne erzählen und die es verdienen, sie einem breiten Lesepublikum bekannt zu machen. In loser Folge drucken wir jeweils eine Auswahl seiner Geschichten ab:

Zuerst dachte ich, die Coronakrise komme doch gerade recht, um uns Menschen wiederum auf ein menschlich gesundes Mass, eine ruhigere Arbeitsweise und einen zivilisierten Umgang miteinander zurückzuführen. Dieser Gedanke jedoch, so Peter Schneider von der Uni Zürich, sei zynisch, würden doch um einer vermeintlich besseren Welt Tausende von Kranken und Hunderte von Toten oder auch eine Vielfalt von Betriebsschliessungen mit Arbeitslosen in Kauf genommen. Es erinnere an die Meinung, dass man durch Kriege Probleme lösen könne. So gehe das nicht, meint Peter Schneider, aber er stelle doch fest, dass sich sehr viele Menschen an die Vorgaben hielten, nach neuen Lösungen suchten und voller Kreativität Hilfeleistungen anböten. Das sei doch ganz einfach toll. Wir müssten bestimmt aus der Krise lernen, überprüfen, was verbessert werden müsse, Korrekturen anbringen, wo diese nötig seien und im Weiteren mit viel Geduld das Ende der Krise abwarten. Solche Krisen hätten natürlich eine reinigende Wirkung, aber herbeiwünschen dürfe man diese nicht. Unser Verstand und unser Wille müssten da schon von selber imstande sein, die notwendigen Verbesserungen anzubringen. Dies geschehe ja auch immer, genüge doch zurzeit ein Blick auf die Klimakrise, wo hunderte und tausende von Ideen zu guten Lösungen führten und wo – seltsamerweise – die Coronakrise dazu verhelfe, viel weniger CO2 auszustossen! Welche Ironie!

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Grössere und kleinere Unternehmen haben es in der Zeit der Coronakrise besonders schwer. Entweder müssen sie schliessen, Kurzarbeit angeben oder, noch schlimmer, sogar Leute entlassen. Bund und Kanton stützen allerdings unsere Gesamtwirtschaft mit vielen Milliarden Franken in Form von Arbeitslosengeldern, Bankkrediten, Mietenstornierung und vielem anderem mehr. Herr Steiner, so der Name des Leiters von „Thermoplan“, hat allerdings vorerst andere Sorgen: Von seinen Angestellten sind zwei am Coronavirus erkrankt und deren Rayonkollegen sind in der Quarantäne. Sollte sich eine dritte Person anstecken, ein Mann wird eben noch getestet, dann muss er sein Unternehmen schliessen, denn weitere 20 Personen nach Hause zu schicken, liegt für ihn nicht mehr drin. Die Botschaft kommt, der Test ist negativ, und der Chef fängt zu strahlen an. Statt sich nun zu fragen, wie er den Betrieb langsam und mühsam auf Trab halten kann, fängt er an zu sinnieren und stellt fest, dass sich das kleine Getriebe in den hergestellten Kaffeemaschinen mit einer entsprechenden Umgestaltung auch zur Herstellung von im Moment so sehr gesuchten Beatmungsgeräten eignen würde. Die Besprechungen mit dem amerikanischen Hauptsitz gelingen gut, die Chemiefirma Roche wird mit ins Boot geholt und schon ist der Firmenchef innerhalb weniger Wochen zu einem Produzenten von Beatmungsgeräten geworden. Die Mitarbeiter freuen sich über ihre neue Aufgabe, die Amerikaner staunen, dass Herr Steiner innerhalb so kurzer Zeit zu einer neuen Geräteproduktion kommt, und er selber findet sich wieder einmal in seinem Motto «die Hoffnung nie aufgeben» bestätigt. Welch wunderbare Wende in einer so ungewohnt ruhigen und doch hektischen Zeit!

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«Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren!» So hiess es früher etwa nach einem guten Sonntagsbraten oder auch nach einem abgeschlossenen Kuhhandel. Diese Zeiten sind vorbei, glaubt doch auch niemand mehr an die gesunde Wirkung des «Härdöpflers» am frühen Morgen gegen Diabetes oder etwa auch gegen Erkältungen und Grippe. Aber jetzt plagt uns weltweit das Coronavirus, und überall fehlt es an Masken und Desinfektionsmitteln. Da springt nun Herbert ein, der im Nebenverdienst als Landwirt auch eine kleine Brennerei betreibt. Statt Bier und Schnaps stellt er zurzeit 72 prozentigen Alkohol her, gibt etwas Glycerin und Kampfer dazu, füllt diesen in Fläschchen ab und bedient damit Rettungsdienste, Abfallunternehmen oder auch Privatpersonen. Und Herbert ist froh, dass er damit der Allgemeinheit dienen kann, einen kleinen Nebenverdienst hat und die zusätzlich gewonnen Zeit sinnvoll investieren kann. Ich weiss allerdings, dass Herbert nicht der einzig findige Kerl ist, der auf diese Art der Brennerei einen neuen Sinn gibt, aber er ist einer all jener klugen Köpfe, die in dieser Zeit der Pandemie nach neuen und kreativen Lösungen suchen. Ob allerdings dadurch der Alkoholkonsum zurückgeht, wage ich zu bezweifeln, habe ich doch auch vernommen, dass dieser vor allem in Russland stark angestiegen sei. Der Grund dürfte in der verordneten Einsamkeit zu suchen sein, ist doch ein gutes Gläschen oft auch ein guter Kollege!


Josef Jendly ist 79 Jahre alt und lebt mit seiner Frau Carla in Düdingen, ist Vater dreier Töchter und Grossvater von fünf Grosskindern. Über sich selber schreibt er: «Ich schreibe gerne und bin oft als Jogger oder Wanderer im nahen Wald unterwegs und habe bis anhin die Coronaepidemie sehr gut überstanden». (Red.)

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