FrontGesellschaftReisen – wirklich?

Reisen – wirklich?

Einen besseren Zeitpunkt hätte sich Valentin Groebner für die Veröffentlichung seines Essays «Ferienmüde» nicht wählen können. In seinem Buch von 150 Seiten zerpflückt er in sechs Kapiteln unsere Reiselust, unser Feriengehabe, unser Fernweh. Das kleine Werk passt bequem in eine Jackentasche.

«Zerpflücken» ist ein salopper Begriff für die historisch fundierten und psychologisch untermauerten Ausführungen, die der Autor den Erscheinungen des Tourismus, des Massentourismus, der Fremdenverkehrsindustrie widmet. Mit scharfem Blick beschreibt er die Touristen und enttarnt ihre geheimsten Wünsche. Er bekennt aber auch, und das erheitert, dass er selbst etwa in Salzburg, Sri Lanka oder Berlin genau jene Quartiere, Wochenmärkte und friedlichen Cafés besucht, in denen er zuhause die «freundlichen Leute mit Kameras, in bunten Hemden und Sonnenbrillen» als aufdringlich empfindet.

Der Zeitpunkt für die Lektüre des Buches ist gut. Corona hat den kurzen und langen Trips, den Flügen an weit entfernte Ziele, den Meeresfahrten auf Kreuzfahrtschiffen, die Tausenden von Personen Platz bieten, ein brutales Aus beschert. Wir haben Zeit, uns in aller Ruhe mit unseren Reisegewohnheiten zu befassen. Auch wenn wir diese, aus Gründen des Alters, längst hinter uns gelassen haben. Lehrreich sind die Kenntnisse, auch die Selbsterkenntnisse, die wir da erwerben, auf jeden Fall.

Tourismus

Groebner greift als Beispiele immer etwa wieder auf die Städte Salzburg, Konstanz oder Luzern zurück. Und ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren eine Podiumsdiskussion besuchte, an der die Frage gestellt wurde: «Wollen wir für die Stadt Luzern in Zukunft den Individualtourismus oder den Gruppentourismus?». Wir hatten damals einen rührigen Verkehrsdirektor, der weltweit auf Werbetour ging und uns japanische Hochzeiten auf dem Titlis, im Schloss Meggenhorn und chinesisches Gedränge auf der Kappellbrücke bescherte.

Die Frage beantwortete sich durch die nachfolgende Entwicklung von selbst. Diese zog auch immer wieder Kritik nach sich. Da konnte ich jeweils nicht guten Gewissens einfach einstimmen. «Was machen denn wir, wenn wir ins Ausland reisen?» fragte ich immer. Und erinnere mich heute noch an meinen Besuch von Niagara Falls (Ontario) auf einer Greyhound-Reise. Ich war völlig erschlagen, nicht nur von der tosenden Wucht der gewaltigen Wassermassen, die in die Tiefe stürzten. Nein, auch von den touristischen Unterhaltungsattraktionen, die sich darum herum gruppierten. Vor dem Wasser, hinter dem Wasser, über dem Wasser, überall hatten die Touristen Zugriff, war diese Naturgewalt «gezähmt».

Das Buch von Groebner hält uns gnadenlos den Spiegel vor Augen. Er schreibt: «Die von der UNESCO ausgewählten authentischen Stätten des Weltkulturerbes verwandeln sich so rasant in Touristenattraktionen, dass die UNESCO 2008 von der World Tourism Organisation den Preis zur Förderung des Tourismus erhielt. Das echte Alte auszuzeichnen bedeutet in der Praxis, ihm endgültig den Garaus zu machen. Oder genauer, es durch ein touristisches Remake seiner selbst zu ersetzen».

Dass wir das, was wir lieben, zerstören, davon schreibt Groebner immer wieder. Zeigt uns die historischen Entwicklungen auf, etwa am Beispiel der Stadt Venedig. Untermauert die Aussagen mit Zahlen.

Er erklärt uns, was «Traumdestinationen» sind. Und warum Bilder von Sehenswürdigkeiten nur dann unsere Alben füllen, wenn wir uns selbst als Besucherinnen und Besucher darauf immer wieder anschauen können. Wir könnten ja auch Ansichtskarten kaufen. Kürzlich ist mir das widerfahren, als ich ein spezielles Bild suchte. Da begegnete ich mir selbst als junger Frau inmitten der Ruinen des Forum Romanum in Rom. Ein eigenartiges Erlebnis.

Nicht nur handeln, auch unterlassen

Valentin Groebner ist Historiker, lehrt seit 2004 als Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Mit seinem Buch «Ferienmüde» redet er uns ins Gewissen, indem er uns mit Fakten konfrontiert. Uns aufzeigt, wohin uns unsere Expansionsgelüste zu Land, zu Wasser und zu Luft geführt haben. Irgendwo schreibt er sinngemäss, dass Veränderungen nicht nur dadurch bewirkt werden, dass wir etwas machen. Sondern auch dadurch, dass wir etwas unterlassen.

Gegenwärtig benötigen wir keinen moralischen Aufwand, um auf Reisen zu unseren «Traumdestinationen» zu verzichten. Der Verzicht ist uns von aussen auferlegt. Die Frage ist diejenige nach der Nachhaltigkeit unserer vielleicht neu gewonnenen Einstellung.

Ich empfehle allen, das Buch von Valentin Groebner zu lesen wie ein Brevier oder ein Stundenbuch. Sich daraus eine tägliche Portion Gedanken zu holen. Und, geniale Idee, vielleicht schenke ich das Buch unserem Tourismusdirektor. Auch er hat ja jetzt sicher Zeit und Musse zum Lesen!

Valentin Groebner: «Ferienmüde. Als Reisen nicht mehr geholfen hat». Konstanz University Press 2020. ISBN 978-3-8353-9126-0

2 Kommentare

  1. Passend kommt mir Mona Lisa im Louvre in den Sinn: Es war noch im letzten Jahrhundert. Wer zu dem berühmten Bild wollte, musste durch die halbe Grande Galerie, vorbei an vielen Dutzend Meisterwerken der Frührenaissance und der Hochrenaissance vorbei gehen. Geschiebe und Gedrängle waren in der Galerie an der Tagesordnung, denn für einen Grossteil der Besucher oder soll ich sagen Paris-Touristen ging es allein darum, das Bild zu knipsen,
    auch als Selfie mit Mona Lisa. Etliche Jahre später hat die Verwaltung kapiert, dass Atem und Schweiss solcher Massen den Gemälden schadeten, und dass die Klimaanlage nicht ausreichte. Mona Lisa wurde verlegt, so dass die Interessierten keinen Parcours an anderen Meisterwerken vorbei machen mussten. Sie wurde in einem separaten Saal hinter Panzerglas und mit einer Abschrankung geschützt. Wir fanden damals schon, man würde sie und die Nike besser gleich als Grossprojektion nach der Ticketkontrolle anbieten, dann verlören die Reisegruppen weniger Zeit. Heute sind wir auf dem besten Weg, grosse Multimedia-«Ausstellungen» wie Van Gogh-alive erfreuen die Lust auf grosse Kunst, die Originale in den Museen bleiben jenen, die nicht nur ein Highlight aufsuchen wollen.

  2. Das Problem in der heutigen Zeit ist auch, dass viele und immer mehr Länder ihre staatlichen Haupteinnahmen zu einem stattliche Prozentsatz auf Tourismus setzen – oder gesetzt hatten, denn wie es nach Corona finanziell bei solchen Ländern weitergeht, könnte für diese nun in einem Desaster enden, oder tut es schon….
    Reisen, die Welt, andere Kulturen entdecken, ist seit jeher der Traum einer/s jeden von uns. Was wir dabei vergessen ist, dass gute 80% der Weltbevölkerung – auch heute noch – nie geflogen sind. Und wieviele davon ihr Dorf, Stadt oder ihr eigenes Land noch nie verlassen haben, wäre einer statistischen Erforschung wert. Was mir am Meisten Mühe macht sind: NUR Strandferien an entlegensten Orten, wo doch die Strände des Mittelmeeres oder des Atlantik eigentlich genügen sollten. Oder was mir ebenso Mühe macht ist die Einstellung: so viel wie möglich auch «dort oder dort» gewesen zu sein, einfach um dort gewesen zu sein. Eine Art Statussymbol um damit bei andern mithalten zu können. Ich kenne Menschen, welche auf einer Weltkarte jeden abgereisten Ort mit einer Stecknadel markieren und es ihren Besuchern stolz präsentieren. Warum nicht, es ist ihr Leben….. Hingegen mir ist aufgefallen, dass mir gewisse TV-Sendungen (hauptsächlich bei Arte) Sehenswürdigkeiten und Kostbarkeiten unseres grossartigen Planeten viel näher bringen, als ich es auf einer Reise in solche, oft unerschlossenen oder für Touristen unzugänglichen Orten live je erleben könnte. Profitieren wir doch von diesen, vor 50 Jahren noch kaum existierenden, wunderschönen Aufnahmen oder Filmen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel