FrontKolumnenGedanken zum Nationalfeiertag 2020

Gedanken zum Nationalfeiertag 2020

Die Schweiz befindet sich derzeit im Krisenmodus. Ansprachen zum Nationalfeiertag werden in diesem Jahr wenig gehalten. Feste der gewohnten Form bleiben aus. Politik und Bevölkerung kommunizieren vorwiegend über die Netze der verschiedensten Formen. Unter dieser Perspektive ein paar persönliche Gedanken.

Die Schweiz ist seit ihren verbrieften Anfängen des Jahres 1291 und einer langen Phase von Höhen und Tiefen vor 172 Jahren, im Jahre 1848 also, das geworden, was sie heute ist.

Die erste moderne Demokratie der Welt wurde 1776 in den USA geschaffen. Auch die Helvetik versuchte bereits 1798, echte demokratische Verhältnisse einzuführen. Sie scheiterte und ging mit Napoleon 1815 unter.

Ja, die Schweiz ist also den erfolgreichen Weg gegangen von einem Bund der Kantone zu einem Nationalstaat. Dabei hat unser Land bis heute zum Glück seinen starken Föderalismus bewahrt. Erst der Bundesstaat von 1848 brachte der Schweiz dann als erstem Land Europas eine stabile demokratische Ordnung als freie Republik.

Am 12. September 1848 nahmen Volk und Stände die neue Verfassung an. Am 16 November 1848 wählte das Parlament den ersten Gesamtbundesrat. Es ist nicht so lange her? Die Schweiz rühmt sich zu Recht als eine der ältesten Demokratien der Welt. Leider sehr, sehr lange ohne Mitsprache der Frauen. Wir Schweizer identifizieren uns nicht nur mit unserem Land, sondern vorwiegend mit unserem eigenen Kanton, unserer Gemeinde und damit mit unserem politischen System. Das ist gelebte Demokratie.

Jede Mitbürgerin und jeder Mitbürger hat auch im Jahre 2020 die persönliche Freiheit, eine echte Schweizerin oder ein echter Schweizer nach seiner individuellen Façon zu sein. Es gibt in unserem Lande kein Diktat der auf erzwungene Meinung, wie sich eine richtige Schweizerin oder Schweizer mit seinem Land identifizieren muss. Wer in der Schweiz demokratisch denkt, akzeptiert die Vielfalt der Meinungen. Man ist aber auch dem Prinzip der Solidarität verpflichtet. Sowohl in seinem Verhältnis unter den Bürgerinnen und Bürgern insgesamt als auch in Bezug zur Öffentlichkeit und Politik.

Wer unsere direkte Demokratie mitträgt und in verschiedensten Stellen und Funktionen – wie etwa in der Familie, in der Gemeinde, in den Vereinen, am Arbeitsplatz, oder in der Politik – seinen aktiven Beitrag leistet, kämpft irgendwie für seine eigene Meinung. Der Einzelne muss aber stets auch die Toleranz haben, auch andere Auffassungen zu respektieren.

Viele Schweizer Gemeinden gehören zur Vereinigung der Gemeinden Europas

Die aufmüpfige Schweiz war immer als Teil Europas zu betrachten. Viele Schweizer Gemeinden gehören zur Vereinigung der Gemeinden Europas und beweisen damit ihre gelebte wie auch kooperative Weltoffenheit.

Ich verstehe hier aber nicht ein Europa des Jahres 2020, das Gefahr läuft, zu einem aus Brüssel zentralistisch geführten Europa der Technikraten zu werden. Wir denken an ein Europa, dem die föderalistisch geprägte Schweiz Vorbild sein kann. Mit einem föderalistisch funktionierenden Europa, das sich zusammensetzt aus unabhängigen Staaten, hat die Mehrheit der Schweiz, die sich über bilaterale Vertragswerke eingebunden ist, überhaupt keine Berührungsängste. Die EU wird sich weiterentwickeln und ihre Strukturen optimieren, so dass die Schweiz als unabhängige Demokratie irgendwann dazu passen wird.

Allzu lange ohne Mitsprache der Frauen  

Ein Wehmutstropfen unseres Landes, wie vieler anderer Länder, ist und bleibt, dass die Frauen und damit die Hälfte der Bevölkerung von der Mitbestimmung im neuen Bundesstaat von 1848 lange ausgeschlossen blieben. Eigentlich völlig unvereinbar mit einer wahren Demokratie? Unterbäch, eine aufmüpfige Walliser Gemeinde, übernahm die Rolle des Winkelrieds zugunsten der Rechte der Frauen und schrieb Schweizer Geschichte mit Signalwirkung.

Eine mutige Tat der damaligen Gemeindebehörden: Sie öffneten am Abstimmungssonntag des 3. März im Jahre 1957 auch für die Frauen die Urnen – dies trotz der geharnischten Briefe aus der Bundesstadt Bern und der Kantonsmetropole Sitten. Couragierte Ratsherren beriefen sich explizit auf die Freiheit zum Handeln und das kommunale Recht der Eigenständigkeit. Mutig waren natürlich auch die Frauen, denn ihr Gang an die Urne wurde nicht von allen goutiert. Genauso nicht im eigenen Dorf wie auch nicht im Bezirk, im Kanton und schon gar nicht in Bundesbern. Es gab im wahrsten Sinne des Wortes Begleitmusik dafür und dagegen. Immerhin: Die Schweizer Öffentlichkeit und die Welt wurden damals wachgerüttelt. Und erst 1972 wurde auf Eidgenössischer Ebene nachvollzogen, was hier in Unterbäch Jahre zuvor als Fanal bezeichnet wurde.

Selbstbewusstsein der Bergregionen

Der Nationalfeiertag muss stets die Gelegenheit bieten zum Vorausdenken in eine Zukunft, die immer wieder mit neuer Dynamik angegangen werden muss, so dass eben «diese neue Zukunft» dereinst in der Rückblende ebenso im positiven Lichte gesehen werden kann. Vor Jahren las ich an einem Bergkreuz die Inschrift «Aus den Bergen kommt das Heil».

Auch wenn wir heute nicht gerade das Heil aus den Bergen erwarten, wird doch anerkannt, dass gerade während der Corona-Krise die Tourismusregionen der Berggebiete auch für die Menschen der Städte in vielen Belangen Beispiel sein können. Immer mehr wird sogar in urbanen Regionen anerkannt, dass die Bergbewohner – dies gilt nicht nur für die Schweiz -, auch wenn sie nicht samt und sonders Heilige sind, doch viel Heiles besitzen. In den Bergregionen lernt man mehr als in der Hektik der Städte das Zuhören, das Gespür für das Miteinander, übt gelegentlich mehr Toleranz und pflegt den Respekt vor der anderen Meinung. Man stellt die eigenen Bedürfnisse und Wünsche auch zu Gunsten der Gemeinschaft zurück und lernt den Verzicht im harten Alltag.

Diese wertvollen Dienste an unserer Gesellschaft kann aber nur eine Bergwelt leisten, die bewohnt und genutzt wird. Nur eine Bergbevölkerung, die eine gesunde wirtschaftliche Grundlage und ein gesundes Selbstbewusstsein besitzt hat Zukunft. Die Bergbevölkerung ist ja nicht aus reiner Engstirnigkeit oder Faulheit wirtschaftlich schwächer.

Selbstbewusstsein haben die Bergregionen zum Glück nach wie vor. Ob die wirtschaftliche Grundlage für die Zukunft noch gegeben ist, bleibt eine offene Frage. Über die richtige Nutzung unserer Berggebiete gehen die Meinungen immer weit auseinander. Die einen sehen das Heil im Massentourismus und scheuen nicht zurück von städtisch anmutenden Grossüberbauungen. Stellen wir uns die Frage: Wären Bahnen auf das Jungfrau-Joch, das Klein Matterhorn, die Rigi oder verschiedene andere Berge heute noch möglich? Andere hingegen möchten sogar landwirtschaftliche Bewirtschaftung einschränken und die Landschaft möglichst im Urzustand sehen. Das Richtige und die Vernunft der Dinge dürften immer in der Mitte liegen.

In der Nutzung unserer Ressourcen das richtige Mass zu finden, ist und war immer eine der grossen Schicksalsfragen des Berggebietes. Trotz bester Unterstützung von aussen und der Solidarität der Wirtschaftskantone, kann aber schliesslich in den Bergen nur ein Volk überleben, das sein sicheres Gespür bewahrt und die Erkenntnis hat, dass der kurzsichtige Wohlstand nicht das Endziel bedeutet. Überleben kann in den Bergregionen nur eine Bevölkerung, die sein grosses christliches Erbe und seine vielfältige Verwurzelung zur eigenen Kultur nicht erstarren lässt, sondern im Wandel definiert und sich der Zeit entsprechend mit der aktuellen Lösungsfindung neu auseinander setzt.

Mit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative wurden den Bergregionen vom Schweizer Souverän Leitplanken gesetzt und viel Substanz der Eigenständigkeit entzogen. Gewiss, vieles ging bei uns in die falsche Richtung. Langsam wehen die Winde nun aber auch in den urbanen Regionen in eine Richtung zugunsten der Gebirgsregionen. Ja, inzwischen sind die Menschen auch in den Städten zur Einsicht gekommen, dass ihre eigenen Kinder und Kindeskinder schon heute wie in Zukunft in den Bergregionen keine Ferienwohnungen mehr erwerben können.

Das zusammenwachsende Europa ist ein Gewinn für die Welt

Für die Bewältigung der Zukunft müssen wir wieder vermehrt bereit sein, uns für die Gemeinschaft einzusetzen, unsere Partikularinteressen vice versa zugunsten der übergeordneten Interessen zurückzustellen. Der Glaube an die eigene Leistung, die Eigenverantwortlichkeit und Eigenständigkeit müssen wieder gefördert werden. Wir sind alle miteinander gefordert. Stadt und Land, die Nation Schweiz als Teil von Europa, das Europa in seiner Phase des Zusammenwachsens als Staatenbund sowie die Welt- und Staatengemeinschaft insgesamt.

Sehr vieles lässt sich nun aber nicht delegieren. Nicht an die Behörden in Staat, Kanton, Gemeinden oder an ein zentral gesteuertes Europa. Der Staat soll und kann nicht für alles verantwortlich gemacht werden. Wir alle, jeder Einzelne, stehen in der Pflicht und der Verantwortung. Wer durch unser viersprachiges Land Schweiz fährt, begegnet auf engstem Raum einer einzigartigen Vielfalt von Sprachen, Kulturen und Landschaften. Tragen wir Sorge dazu, dass dies so bleibt! Stehen wir zusammen und fördern wir den Gemeinschaftssinn gepaart mit der Solidarität im Kleinen wie im Grossen und bleiben wir der humanistischen Tradition der Schweiz treu.

Als Teil Europas können wir uns auf alle Fälle nicht erlauben, uns hinter den Bergen zu verstecken. Wir müssen an den Konferenztischen sitzen und mitentscheiden, wo die Zukunft entschieden wird. Das zusammenwachsende Europa ist ein Gewinn für die Welt. Europa ist für die Schweiz, die im europäischen Herzen liegt, eine Realität und die damit verbundenen engen politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen haben natürlich immer auch Einbussen der Souveränität zur Folge. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind schon lange Teil des globalen Dorfes mit all seinen Vor- und Nachteilen. Der Mensch steht heute inmitten der Digitalisierung. Mit dem „Klick“ am Handy und dem PC haben wir unsere Macht über uns selbst und ein wesentlicher Teil unserer Freiheit schon lange preisgegeben. Die Vernetzung mit der Welt ist gelebte Wirklichkeit.


Roman Weissen war Gemeindepräsident von Unterbäch /«Rütli der Schweizer Frau», Walliser CVP-Grossrat, Stabsmitarbeiter bei zwei Generalstabschefs, Info-Beauftragter des damaligen Auslandsgeheimdiensts SND und Info-Chef von Seilbahnen Schweiz.

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