FrontKolumnenEine neue Wortschöpfung: Übersterblichkeit

Eine neue Wortschöpfung: Übersterblichkeit

Es ist Sommer. Da wird es auch in den Redaktionsräumen heiss. Und Ventilatoren sind in diesem Jahr ja verpönt. Wen wundert es da, dass manche Texte etwas schief herauskommen?

Zum Beispiel, wenn eine Partei laut Meldung kurzerhand eine Vorlage «kapert». Nein, es war nicht die Piratenpartei – gibt es die noch? – und es war auch keine feindliche Übernahme auf hoher See. Sie kappten die Vorlage, kürzten, beschnitten sie also. Alles kapiert? Dann ist ja gut.

Ja, das mit den Wörtern, die ähnlich klingen, ist schon eine Plage! Da wird empfohlen, die Sonne unmerklich zu geniessen. Was das wohl heisst auf deutsch? Dass die Sonne nicht merken soll, dass man sie geniesst? Oder dass die Umgebung nichts davon mitbekommen soll? Laut Text ist Letzteres der Fall: Man solle beim Sonnenbaden diskret sein, in Bezug auf viel Haut und so. Aufpassen sollte man auch, dass man nicht zu lange an der Sonne liegt. Denn der Sonnenbrand ist erst am Abend spürbar, dann allerdings nicht mehr unmerklich.

«Über dem Essbereich thronen Holzbalken», wird berichtet. Und die Gäste liegen darunter wohl auf einfachen Brettern. Die Holzbalkendecke über dem Essbereich … war wohl zu wenig spektakulär. Es müssen schon Throne sein. Für Balken. Vielleicht auch für Jagdtrophäen. Aus den Städten. Weil: «Am schlimmsten getroffen sind die Städte». Von wem oder von was? Von einer Verwechslung offensichtlich. Betroffen sind die Städte, vom Virus. Getroffen werden höchstens die Stadtfüchse von einer Kugel eines Stadtjägers, wenn sie zu zahlreich werden. In den Clubs sind die Feiernden oft auch sehr zahlreich. Deshalb konnte dort während des Lockdowns niemand mehr getroffen werden.

Ein Wort sucht seinen Platz, könnte man die Sätze übertiteln, die stutzen lassen: Zwei Raser wurden erwischt, 245 Stundenkilometer schnell auf einer 120-er-Strecke. «Sie hatten sich ein vermeintliches Rennen geliefert», schreibt die Polizei. Stimmt doch nicht. Sie haben sich vermeintlich ein Rennen geliefert – mehr darf nicht gesagt werden, weil bis zum Urteil die Unschuldsvermutung gilt. Sie waren vielleicht, wie es in einer anderen Sache vermeldet wurde, «psychisch nicht unerheblich gestört». Müssen Sie diese Aussage auch zwei Mal lesen, um ihren Sinn zu erfassen? Es ist wie in der Mathematik: Zwei Mal minus ergibt plus. «Erheblich gestört» in diesem Fall.

So, und nun noch der Corona-Schlusspunkt: «Ein Mann sitzt im Bus und schnäuzt sich die Nase.» Und jetzt kommts: «Nach längerer Fahrt klebt ihm das Taschentuch immer noch an der Nase». Igitt. Der nächste Satz relativiert: Er hatte die Maske vergessen und behalf sich mit dem Taschentuch. Muss das in dieser Form in der Zeitung rapportiert werden? Und – kleben Masken wirklich an den Nasen?

Jetzt noch zur Übersterblichkeit. Das Überleben ist bekannt. Aber das Übersterben? Es ist ein neues Wort, aus einer neuen Zeit. Die Übersterblichkeit beziffert die Anzahl oder den Prozentsatz der Toten zu Zeiten der Coronakrise. Also die Differenz der statistisch erfassten Sterbefällen der letzten Jahre zu denen in diesem Frühling. Mehr als doppelt so viele Menschen starben zum Beispiel in Norditalien im Vergleich zu früheren Jahren. Übersterblichkeit. Ein Wort, das wohl noch längere Zeit nicht aus dem Vokabular verschwinden wird.

3 Kommentare

  1. Liebe Frau B. Reichlin.
    Ich hab mich richtig gefreut ob Ihrer Lupensicht auf verwendete Wörter und deren Aussage.
    Mir ist aufgefallen, dass in den Medien immer weniger darauf geachtet wird. Oder werde ich als Rentnerin immer sensibler?
    Vielen Dank für den unterhaltsamen Beitrag!
    Freundliche Grüsse

  2. «Übersterblichkeit» ist ein schönes Beispiel für ein Fachwort, das Medien «bei Bedarf» aufgreifen; am Anfang sollten sie es auch erklären, bis es in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist. Frühere solche Fälle waren etwa «Frustration», «Quantensprung», «Unschuldsvermutung» (bei der man ja meistens gar nicht die Unschuld vermutet, die Schuld aber noch nicht erwiesen ist).
    Begriffe aus der Statistik erklärt, für Laien gut verständlich, das «kleine Glossar» des Fachjournalisten Marcel Hänggi:
    http://www.mhaenggi.ch/uploads/4/6/8/0/46800895/_maz_180411_glossar_statistik.pdf
    «Übersterblichkeit» steht allerdings (noch) nicht drin.

  3. Ein schöner Artikel, aber bei Übersterblichkeit nicht ganz korrekt. Es handelt sich um einen geläufigen Begriff aus der Versicherungswirtschaft, genauer: aus der Lebensversicherung.

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