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Das Wandern – eine Lust

Nicht vom Bergwandern, vom Joggen oder von Velofahrten handelt dieser Artikel, sondern von den Vorteilen des gemütlichen Spazierengehens zu Fuss.

Die Wohltaten eines Spaziergangs haben wir im vergangenen Frühling während des Lockdowns wieder einmal erfahren können: sich in gemächlichem Tempo in der Natur bewegen, in die Ferne schauen, sich zugleich Zeit nehmen, kleine Sehenswürdigkeiten in der Nähe wahrzunehmen, Pflanzen zu betrachten, Vögel zu beobachten – ein Spaziergang erfrischt Körper, Geist und Seele.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Zu den vielen Denkern, Dichtern und Schriftstellern, die sich dazu geäussert haben, gehört auch der Amerikaner Henry David Thoreau (1817 – 1862). Sein Essay Vom Wandern (engl. Walking) wurde für alle Naturliebhaberinnen und Umweltbewussten zu einem der wichtigsten historischen Texte. Der Autor hat lange daran gearbeitet, das erste Mal trug er seinen Text 1851 als Vortrag am Lyzeum seines Heimatortes Concord / Massachusetts vor, die endgültige Fassung erschien 1862 in der Zeitschrift Atlantic Monthly.

Henry David Thoreau im Juni 1856. Portrait (Daguerreotype) von Benjamin D. Maxham

«Ich habe in meinem Leben nur ein, zwei Menschen kennengelernt, die sich auf die Kunst des Spazierens verstanden, eine Begabung zum Schlendern besassen»; schreibt der Autor am Anfang seines Essays. Er versteigt sich sogar in die Geschichte des Begriffs und kommt auf die mittelalterlichen Pilger und die Mitläufer der Kreuzritter zu sprechen. Er stellt sich vor, dass eine solche Wanderung zu einer Lebensreise werden kann.

Ein ewig umherziehender Wanderer steht für den Autor ausserhalb der Gesellschaft, und das passt zu ihm selbst, zu Thoreaus gesellschafts- und staatskritischen Haltung. Denn für nichts anderes tritt er vehementer ein als für absolute Freiheit und Wildheit – das ist für ihn die Natur, die er in seinen langen Spaziergängen hautnah erleben möchte.

Ein subversiver Grüner des 19. Jahrhunderts

Das Umherwandern gehört zu Thoreaus Leben wie Essen und Schlafen. «Bleibe ich nur einen ganzen Tag in meinem Zimmer, setze ich Rost an», schreibt er und meint es ernst. Dabei wird ihm der gewohnte Spaziergang zum «Abenteuer des Tages». Thoreau war ein durchaus kritischer und gegebenenfalls widerborstiger Zeitgenosse. Seine Freiheit war ihm auch als Bewegungsfreiheit ein hohes Gut. «Ich will meine Stimme erheben für die Natur, für absolute Freiheit und Wildheit, im Gegensatz zur zivilisatorisch eingehegten Freiheit und Kultur», mit diesen Worten beginnt der Essai. Im Folgenden erklärt der Autor, er wolle eine extreme Position zugunsten der Natur vertreten, denn Vertreter der Zivilisation gebe es genug.

Ein Jurawald oberhalb von Baulmes VD, der sich mit den endlosen Wäldern der Appalachen nicht vergleichen lässt und dennoch zu wunderbaren Spaziergängen einlädt (Foto mp).

Seine Zivilisationskritik richtet sich gegen die Zersiedlung des Landes durch Waldrodung und Einzäunung. Seine einzige Freude besteht darin, dass Staat, Wirtschaft, Agrikultur in einem Land wie Amerika immer noch sehr wenig Raum in der Landschaft einnehmen – in Thoreaus Epoche, dem 19. Jahrhundert. In scharfen Worten geht Thoreau mit seinen Zeitgenossen ins Gericht, denen er fehlendes Verständnis für die Werte der Natur, Kleingeist und Egoismus vorwirft – vieles davon wirkt sehr modern!

Der Autor bezieht sich vor allem auf den Nordosten der US-Staaten, vom Süden und von der Rassentrennung, von der er gewusst haben muss, spricht er kein Wort. Auch über die Verdrängungskriege gegen die indigenen Völker scheint er nicht gut informiert zu sein, schreibt er doch, die Indianer hätten genug Lebensraum, um gemäss ihren Traditionen leben zu können. Wir müssen einräumen, dass diese Themen, heute noch so aktuell wie damals, vor 150 Jahren in ihrer Tragweite höchstens von einigen wenigen erfasst wurden.

Thoreau und Emerson – Vorläufer der Grünen des 20./21. Jahrhundert

Thoreau ist ein durchaus gebildeter Mensch, sein Horizont reicht von den antiken griechischen und römischen Klassikern über Shakespeare bis zu den Gelehrten seiner Zeit. Einzelne seiner Gedichte hat er in seinen Essai aufgenommen. Besonders eng verbunden war er dem Dichter und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882), dessen Naturlyrik bis heute sehr geschätzt wird. Auf Emersons Text Nature, den Thoreau schon als junger Mann kennengelernt hatte, bezog sich der 14 Jahre Jüngere immer wieder.

Thoreaus Lob auf die Weymuthskiefern mit ihren Blütenständen in den Wäldern um Concord mutet sehr aktuell an. Der Autor sieht diese Bäume als Kunstwerke, die im Boden wurzeln und bis in den Himmel ragen: «Nennt mir einen antiken Baumeister, der die oberen Stellen der Säulen ebenso sorgfältig ausgeführt hätte wie die weiter unten gelegenen, besser sichtbaren Partien.» Und dann endet dieser zuweilen bissige Text mit der Beschreibung eines Sonnenuntergangs in fast schwärmerischem Ton: «Die dem Westen zugewandten Seiten aller Wälder und aller Höhen schimmerten wie der Saum des Elysiums, und die Sonne in unserem Rücken erschien uns wie ein gütiger Hirte.»

 

Henry David Thoreau: Vom Wandern. Übersetzt von Ulrich Bossier. Reclam Universalbibliothek Nr. 19074. 80 Seiten.
ISBN 978-3-15-019074-6

Titelbild: Der sog. Heidenweg von Erlach zur St.-Peters-Insel im Bielersee. (Foto mp)

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3 Kommentare

  1. Was Dichter zum Wandern sagen, ist mir relativ gleichgültig. Wichtig ist mir, dass ich selbst fühle und erkenne, wie entspannend, erholsam und befriedigend ein Spaziergang im Wald und besonders im Hügelland ist.

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