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Interview

Wenn ich beginne, mich mit einem Thema zu beschäftigen, surfe ich gerne zum entsprechenden Begriff im Internet. Beim Begriff «Interview» habe ich etwas Interessantes entdeckt. Meiner Erfahrung nach sind bei einem Interview immer mindestens zwei Personen beteiligt. Der Interviewer, der die Fragen stellt. Der Interviewte, der sie beantwortet. Was finde ich bei meiner Recherche? Unzählige Texte, Hinweise, Ratgeber, welche sich mit der Aufgabe des Interviewers befassen. Um das Schicksal des «Opfers», des Interviewten, kümmert sich sozusagen niemand!

Die Ausnahme bilden die «Vorstellungsgespräche». Damit befassen sich unzählige Beiträge. Das sind ja auch eine Art Interviews. Und dazu werden den Betroffenen, den Stellensuchenden, Tipps zuhauf verraten. Einige davon eignen sich durchaus auch für Interviews anderer Art. Also für Politikerinnen und Politiker, denen jemand auf den Zahn fühlen will. Etwa, dass man sich Gedanken zum «Outfit» machen soll. Es soll modisch, aber nicht zu modisch sein. Da schickte mir doch einmal eine Unbekannte eine Zeitungsseite mit einem Bild und einem Interview von mir. «Gehen Sie wieder einmal zum Coiffeur» war an den Rand gekritzelt. «Sie haben es dringend nötig».

Ehrlicherweise musste ich zugeben, dass die Schreiberin so unrecht nicht hatte. Man soll sich locker aber nicht «lässig» hinsetzen, heisst es weiter Und der Blick auf den zukünftigen Vorgesetzten soll frank und frei sein. Gilt natürlich alles für beide Geschlechter.

Unter den Stichworten «erlebt, erfahren, erlitten» kann ich meine ganze Interviewvergangenheit als Politikerin einfangen. Es gab altgediente Politiker, die machten uns Küken Angst. «Hütet Euch vor den Journalisten» warnten sie. «Die wollen Euch nur in die Pfanne hauen». Die Erfahrung war eine ganz andere. Die Medienleute wollten unsere Meinung zu einem bestimmten parlamentarischen Geschäft hören. Also gaben sie sich alle Mühe, uns pfleglich zu behandeln.

Die Möglichkeit des «Gegenlesens» eines Interviews, bevor es veröffentlicht wurde, war anfänglich ein Knackpunkt. Ich gewöhnte mir an, diese Frage schon zur Diskussion zu stellen, bevor das Interview begann. Wenn etwa Zeitmangel vorgeschoben wurde, offerierte ich, dass man mich auch mitten in der Nacht anrufen und mir das Geschriebene vorlesen könne. E-Mails gab es damals noch nicht. In der Folge klappte das immer. Im Verlauf der Jahre geschah es auch etwa, dass ich nicht auf dem Gegenlesen beharrte. «Ich vertraue Ihnen» sagte ich. Mein Vertrauen wurde nie enttäuscht.

Die Interviews wurden meist in Dialekt geführt. Und dann ins Hochdeutsche übertragen. Das konnte Schwierigkeiten verursachen. Einen im Dialekt dahin gesagten kräftigen Ausdruck wollte ich nicht unbedingt in Hochdeutsch niedergeschrieben sehen. «Aber Sie haben das so gesagt» wurde mir dann vorgehalten. «Ja, ich habe es so gesagt» antwortete ich. «Aber in der Dialektsprache tönt es anders als in Hochdeutsch, darum will ich das gestrichen haben», verlangte ich. Dem Wunsch wurde entsprochen.

Mit der Zeit merkte ich, dass sich hier ja ein Vorgang des Gebens und Nehmens abspielte. Die Journalisten wollten meine Meinung zu einem Thema hören. Ich bekam dafür Öffentlichkeit für meine Ansichten. Das war wichtig für eine Politikerin, die sich alle vier Jahre der Wiederwahl stellen musste. «Von Ihnen hat man drei Wochen lang nichts gehört», sagte mir einmal ein Nachbar nach einer Session. «Nichts in der Zeitung, nichts im Radio, nichts im Fernsehen! Wozu schicken wir Sie eigentlich nach Bern?»

Ich fand sogar Ähnlichkeiten zwischen diesem Austausch und meiner ehemaligen Tätigkeit als Kripobeamtin. Wie oft hatte ich mit einer Person, von der ich mir Auskünfte versprach, mühsam einen Termin suchen müssen. Wie oft war ich froh gewesen, wenn es zu einer fliessenden und nicht zu einer wortkargen Unterhaltung gekommen war. Und welche Erleichterung, wenn ich nachträglich auf anderen Wegen feststellen konnte, dass ich mit Fakten und nicht mit Schaumschlägerei bedient worden war.

Ich wuchs «learning by doing» in die Rolle der «Interviewten» hinein. Und ich kann den Journalistinnen und Journalisten, denen ich begegnete, rückblickend nur ein gutes Zeugnis ausstellen. Sie haben mich nie «in die Pfanne gehauen», sie haben mir nicht «alles im Munde verdreht», wie uns das die alten Politiker in Aussicht gestellt hatten.

Sollte es doch einmal geschehen sein: der «barmherzige Schleier des Vergessens» hat sich längst darüber ausgebreitet!

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