StartseiteMagazinGesellschaftPolenmärkte locken mit postsozialistischem Bazar-Charme

Polenmärkte locken mit postsozialistischem Bazar-Charme

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Die Schweizer Einkaufstouristen fahren wieder nach Deutschland. Die deutschen Schnäppchenjäger reisen nach der Corona-Sperre wieder nach Polen. Entlang der Grenze verheissen sieben grosse sogenannte „Polenmärkte“ tiefe Preise und Bazar-Ambiance. 

Die Grenzen nach Polen sind auch für Schweizerinnen und Schweizer wieder offen. Hier bestehen ähnliche Hygieneregeln wie bei uns und in Deutschland. Die polnischen Händlerinnen und Händler sind erleichtert – auch wenn sie längst nicht so viel verkaufen wie vor dem Lockdown im März.

Unmittelbar an der Grenze gibt es sie, die sieben Märkte zwischen der Ostseeküste und Leknica nahe bei Cottbus. Sie sind ganzjährig geöffnet, einige auch am Sonntag. Meist sind die Stände im Freien, an einigen Orten gibt es auch Hallen. Der grösste Markt ist in Slubice bei Frankfurt an der Oder. Dort, 60 Kilometer von Berlin, pendeln Shuttle-Busse zwischen den 700 Anbietern und der Millionenstadt.

In Swinemünde (Swinoujscie) am Meer ist der Markt nur halb so gross. Die meist deutschen Kunden bekommen aber auch hier, was das Herz begehrt: Tarnfarben-Tops, Gartenzwerge, Reizwäsche, Autobatterien, Billigkleider, Wodka, Neo-Nazi-Embleme, Feuerwerk und Zigaretten, vor allem Zigaretten.

Tabak um einen Drittel günstiger

„Ganz billig“, ruft bei unserem Besuch der erste Tabakhändler. „Ganz billig“, sagen der zweite, der dritte und der siebte. Die Zigaretten sind um einen Drittel günstiger als jenseits der Grenze in Deutschland. Die Ansage weist auf dreierlei hin: Das Sortiment ist zum ersten an diesen Ständen so gleichförmig wie die 20 Rauchstängel in der Packung. Zweitens hält sich hier der Nikotinverbrauch so hartnäckig wie Teer in der Lunge. Und drittens: Die Marktschreier vermitteln Bazar-Ambiance – und nerven.

Zigaretten: Ein Drittel billiger als in Deutschland.

Die Polenmärkte sind kurz nach der Wende entstanden. Wir haben 1992 erstmals einen besucht. Bald dreissig Jahre später ist der postsozialistische Zweitwelt-Charme intakt geblieben. Anderswo schaffen neuerdings sogar Aldi und Lidl Einkaufs- und Wohlfühlerlebnisse, hier hängen immer noch Militärplachen als Standrückwände.

Damals in den Neunzigern haben wir einen handgeschnitzten Engel gekauft. Für 10 deutsche Markt. Die Verkäuferin, alt und hutzelig, wünschte uns Gottes Segen und jenen von Karol Wojtyla, dem damaligen Papst Johannes Paul II. Ich erstand einen Seidenlumber. Er erinnerte an die Blousons der DDR-Volkspolizisten. Es war ein Wie-konnte-ich-nur-Kauf. Zwei Jahre später beschädigte er den Ruf der Schweizer Altkleidersammlung.

Unübersichtliche Schnäppchenjagd

Schweizer Konsumtouristen kaufen in Deutschland, Deutsche fahren dafür nach Polen. Während im schwäbschen Häusleland vieles tatsächlich billiger ist als bei uns, geht die Rechnung hier nicht immer auf. Der Glitzer-Pulli für die Fünfjährige erweist sich als Reinfall. Wir hätten dafür in Deutschland weniger bezahlen müssen. Vermutlich liessen wir uns über den Tisch ziehen. „Hier muss man feilschen“, erfahren wir bei Bockwurst und Bier vom Urlauberpaar aus Potsdam.

Uhren: Mehr Schein als Sein, auch bei Kosmetika.

Die Schnäppchenjagd führt über unübersichtliches Gelände. Lebensmittel sind günstiger, Pflanzen ebenfalls, Zigaretten sowieso. Bei Uhren und elektronischem Kram blicken nur Fachleute durch. Bei den Tiefpreis-Klamotten verwirrt das billig anmutende Umfeld. Die Anbieter haben hüben wie drüben oft die gleichen Quellen. Wo er einkaufe, will ich von Händler Andrzej Wozniak wissen: „In Warschau. Und in Berlin.“

Es ist wie Kino, nur gratis. Ein Hauch von kleinstkrimineller Parallelwelt. „Nix Foto“ bellt der Händler, als ich sein Zigarettensortiment ablichten will und kommt drohend näher. Ich probiers erfolgreich mit versteckter Kamera beim Nachbarn. Der übernächste preist bei seiner Ware die offizielle Steuermarke an. Das erklärt die Fotoscheu. Manche verkaufen Schmuggelware. Trotz offener Grenzen bleibt der Zoll ein Thema. Deutsche dürfen mit höchstens 800 Zigaretten und 110 Liter Bier nach Hause fahren. Polen ist EU-Mitglied, allerdings mit eigener Währung, Zlotys. Umtauschen muss niemand. Alle Anbieter akzeptieren Euro, jedoch nicht zum besten Kurs.

Bio und Öko sind kein Thema

Meine Partnerin erkundigt sich, wieviel Natur in den gefährlich farbigen Leopardenhosen steckt. „Nix Kunststoff“, versichert die Händlerin. Die eingenähte Etikette offenbart die Wahrheit: 95 Prozent Polyester, 5 Prozent Elastan. Konfektion aus der Chemiefabrik ist auch bei uns Standard. Doch: In Deutschland gibt es selbst in Kleindietershausen bei Vollmond geerntete Kartoffeln und links gedrehte Marmelade. In Swinemünde sind Bio und Öko kein Thema. Unbeschwert ist auch der Umgang mit Feuerwerk. In Deutschland (und in der Schweiz) dürfen die Dinger nur an wenigen Tagen verkauft werden. Hier liegen die bei uns verbotenen Polenböller ungeschützt das ganze Jahr durch auf den Tischen.

Fisch: Ein Schweizer Lebensmittelinspektor würde nach Luft schnappen.

Am Lebensmittelstand gibt es Käse, in Blöcken, grossen Blöcken. Und Butter, in Blöcken, grossen Blöcken. Daneben Kuchen, grosse Kuchen. Weiter Würste, grosse Würste? Nein, kleine Würste. Trotzdem: Das Angebot ist auf Volumen ausgelegt. Und auf Vollkonserven. Ein Fischhändler schwimmt gegen den Strom. Er filetiert seine Ware auf dem Boden. Das kann man als Hinweis für die Fangfrische deuten – oder als Zeichen, dass die Gesundheitsinspektoren Pause machen.

Geschmacklich ist manches gewöhnungsbedürftig. Da brachte ich vor ein paar Jahren Konfekt aus Polen nach Hause, expeditionssicher versiegelt. Die sonst nimmersatten Bürokollegen liessen das Präsent wochenlang stehen. Der Wodka-Likör, Schnaps mit Blaubeeren, 10 Euro der halbe Liter, war beliebter. Eigentlich hätte ich Kopfwehtabletten mitbringen müssen. In Polen kauft man sie auf dem Markt, Aspirin ist um einen Drittel günstiger als in Deutschland.

Befehlsausgabe im Hotel

Polen will den Tourismus modernisieren. Doch spätsozialistische Befehlsausgaben überleben. Noch letztes Jahr erfuhren wir in einem Fünfsternhotel, dass das Nachtessen in zwei Schichten zu absolvieren sei. Wir hatten punkt 18 Uhr zu erscheinen und mussten um 19 Uhr die Löffel abgeben, um für die nächste Ad-hoc-Brigade Platz zu schaffen. Andernorts ist die Wende gelungen. Man freut sich über hübsche Promenaden und saubere Strände. Früher schäkerten auf den Parkbänken ältere Damen in hautfarbenen Büstenhaltern mit betagten Herren im Unterleibchen. Heute dominieren wie bei uns Rentner-Beige und Löcherjeans.

Hasen: Bisschen antiquiert, bisschen Kitsch. Bilder: Peter Steiger

Zaghaft wandelt sich auch der Markt. Die Behörden wollen neue Stände. Bei Händlerin Anja Kaminska kommt das nicht gut an. „Noch mehr Steuern“, kritisiert sie. Möglicherweise ist sie aus anderen Gründen zurecht skeptisch: Das Schnäppchenimage zieht Kunden an. Trotz Modernisierung sollen in Swinemünde weiter Kutschen entlang des rund einen Kilometer langen Geländes rollen. An diesem verregneten Tag haben die Pferde Pause. Wenn schon steigt die Kundschaft in die Taxis. Auch wir. Im autoverliebten Polen werben die Täxeler im Internet mit der Marke ihres Fahrzeugs. Wir fahren Mercedes.


Tipps und Infos

Zoll. Deutschland kennt für die Einfuhr von Waren aus EU-Staaten Richtmengen. Diese sind allerdings hoch, z.B. 800 Zigaretten, 110 Liter Bier.

Anreise. Der grösste Markt, jener in Slubice, ist ab Berlin mit einem Shuttle-Bus zu erreichen, am besten ab S-Bahnhof Ahrensfelde. Ab Heringsdorf auf Usedom fährt ein DB-Regionalzug direkt aufs Marktgelände in Swinemünde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Statt die Händler vor Ort zu unterstützen, fahren diese Leute viele Kilometer, sogar in fremde Länder, um ein paar Euro zu sparen. Dafür habe ich kein Verständnis.

  2. Wir kaufen doch bei uns ein!!! Unsere Händler benötigen unsere Unterstützung . Darum frage ich mich: ist so ein Artikel notwendig.

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