FrontGesellschaftIm Museum: Kunst und Fakten zur Ernährung

Im Museum: Kunst und Fakten zur Ernährung

Wo essen Sie zu Mittag? Zuhause, im Restaurant, in einer Kantine, Fast Food auf der Parkbank? Ist Ihnen Essen eine Lust, weil Sie es mit Genuss tun, oder ist es eine Mühsal, weil Sie mit schlechtem Gewissen Nahrung zu sich nehmen? «Zu Tisch» bittet das Vögele Kultur Zentrum.

Die neue Ausstellung geht um die Ernährung, von der Produktion der Nahrungsmittel über das Essen bis zum Foodwaste mit Ausblick auf mögliche oder eher unvermeidliche Änderungen in der globalen Zukunft, sollen noch mehr Milliarden Menschen in Zukunft satt werden. Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft in einem Alltagsthema, das mehr oder minder alle betrifft, ist das Alleinstellungsmerkmal des Vögele Kultur Zentrums in Pfäffikon Schwyz.

Blick auf den langen Tisch in die Ausstellung. Foto: Katharina Wernli

Partner seitens der Forschung war diesmal das Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW (Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften), vertreten durch die Künstlerin und Wissenschaftlerin Monica Ursina Jäger, die zusammen mit Sarah Wirth die Ausstellung kuratierte. Durch den Ausstellungsraum mäandert ein langer Tisch mit ein paar Gedecken der besonderen Art, künstlerischen Kommentaren zur Thematik.

Olaf Breuning: Eatmes, 2016. PVC. Foto: Katharina Wernli

Gleich beim Eintreten empfängt einem eine seltsame Gesellschaft von bunten Geschöpfen aus Gemüse, Fleisch, Brot undsoweiter. Es ist sympathischer Food Porn des Künstlers Olaf Breuning, der immer wieder für überraschende Wendungen in seiner Kunstproduktion gut ist. Diesmal hat er mit Fake-Lebensmitteln Männchen und Tiere gebastelt, die viele Kinder animieren werden, es ihm mit echten Rüebli oder Teigwaren nachzutun, dabei heisst es doch seit Generationen, man solle nicht mit dem Essen spielen.

Natürlich gibt es auch den weniger sympathischen Food Porn aus den sozialen Medien zu sehen – als diskretes Video eingelassen im langen Tisch. Dafür wandfüllend die gefilmte Aktion von Marina Abramović: Die Performance-Künstlerin isst eine ganze Zwiebel so, dass uns selbst die Tränen kommen, sofern wir uns nicht leicht geekelt abwenden. Essen ist ein weites Feld. Und es bestimmt unser Dasein, denn ohne Nahrungsaufnahme geht gar nichts.

Honey & Bunny: eat design, 2014. Multimedia EAT ART, Vidoes: Paul Wünsche. © Pro Litteris Zürich

Ganz in Weiss sind die Gedecke auf der Tafel von Honey & Bunny, genannt eat design, eine Sammlung von Gerät und Materialien wie Mullbinden, Spritzen, Nadeln, erweitert durch Videos. Das Künstlerduo hinterfragt die Esskultur und das Regelwerk zu Tisch.

Madame Tricot kann auch Käse aus Strick. (Ausschnitt ) Foto: EC

Danach geht es zum Käsebuffet – einer witzige Strickarbeit von Dominique Kähler Schweizer, alias Madame Tricot, die Süsses mag, aber lieber Käse oder  Würste und Braten strickt, und schliesslich gäbe es in den vielen sauber gefüllten Heimatgläsern von Sandra Knecht genug süsse Früchte fürs Dessert bei diesem Bankett der Ideen übers Essen, ergänzt schliesslich mit Theorien und Anleitungen: einem reichsortierten Bücherhaufen.

Unsere Ernährung kann Lust erzeugen – beim guten Essen in guter Gesellschaft, oder aber auch Druck – Was darf ich essen? Was ist schädlich für die Gesundheit oder die Gesellschaft, was ist heute ein geächtetes Lebensmittel? – und fordert letztlich Verantwortung von jedem Einzelnen. In diesem Kontext bewegen sich die vier Kapitel der Schau, die in Corona-Zeiten – leider – nicht mit Kostproben ergänzt werden dürfen.

Katharina Lütscher: Le Triptychon des Délices. 2020. Fotografie: Katharina Lütscher. Teil drei: Süsses (auch hier alles aus dem Supermarkt.

Mit einem Triptychon der Köstlichkeiten von Katharina Lütscher, grossformatigen Fotografien von einer Transparenz wie die schönsten Stillleben der Holländer, beginnt die Reise durch die Essenswelt, mit dem Entwicklungshilfeprojekt Cuisine sans Frontières von Daniel Höner schliesst sich das Panorama. Dazwischen müssen wir den Sound einer Schweineschlachtung aushalten, während wir uns die 43 Fleischstücke nach der Schlachtung schön zerteilt und verpackt oder besser eingegossen in Acrylglasblöcken anschauen. Eine verstörende Installation der Food Designerin und Köchin Andrea Staudacher.

Andrea Staudacher: Schwein #1738. 2017, Schweineteile in Silikon und Acrylglas gegossen. Foto: Katharina Wernli

Massentierhaltungsmethoden und die Verarbeitungskette drängen sich ins Bewusstsein, die gern verdrängt werden, wenn ein saftiges Steak vom Grill auf dem Teller duftet. Wer ernsthaft über seine Essensgewohnheiten nachdenkt, verliert die Lust am Genuss, weil es bedeutet, auch über den Welthunger nachzudenken, über Ressourcen-Knappheit, Bevölkerungswachstum, Wassermangel, Klimawandel, Verschwendung und Protektionismus.

Den Ausstellungsmacherinnen gelingt es, solche schwierigen Themen mit ganz simplen, aber ebenso einleuchtenden Mitteln greifbar zu machen. Ein Beispiel: Auf der Tischfläche liegen einzelne Nahrungsmittel wie Fleisch, Tomate, Kartoffel, Schoggi undsoweiter bereit zum Anfassen und Wegnehmen: Je nach ökologischem Gewicht, also nach dem Verbrauch von Ressourcen wie Energie, Wasser, Boden, Rohstoff ist das Stück schwerer oder leichter. Dass das Rindssteak hier klar das Schwergewicht ist, versteht sich von selbst, dass die Kartoffel leichter als die Tomate ist, fordert zum Nachdenken heraus.

Aus natürlichen Ingredienzen könnte hier künstliches Fleisch hergestellt werden. Foto: EC

Ein weiteres Spiel fordert auf, einem halben Dutzend Fotos von offenen Kühlschränken die passenden ebenfalls fotografierten Menschen, die sie benützen, zuzuordnen. Die Serie Show me your Fridge – Zeig mir deinen Kühlschrank ist eine Arbeit der deutschen Künstlerin Sandra Junker. Hier und dort zwischen den ausladenden Tischkompositionen steht ein Gedeck mit polierter Chromstahlcloche über dem Teller. Darunter stecken Informationen und Richtigstellungen zu Mythen der Ernährung wie, ob Vitamintabletten helfen oder ob Cholesterin krank mache.

Kaffeesäcke und das Kaffeegeschirr, das aus dem Kaffeesatz hergestellt wurde. Foto: EC

Essen produziert auch Abfall oder neudeutsch Food Waste: 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte landen im Abfall, bevor sie überhaupt zum Konsumenten oder auch nur zur Weiterverarbeitung gelangen, noch nicht dabei ist das Essen, das nach Tisch weggeworfen wird.

Im letzten der vier Kapitel und in einem neuen Raum wird die Zukunft behandelt. Hier gibt es Modelle und Ideen für später, wenn über neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Was also ist nicht nur gesund für die essenden Menschen, sondern auch nachhaltig für die Ressourcen? Kreislaufwirtschaft ist das Stichwort. Kaffeetassen kann man aus Kaffeesatz herstellen, Fleisch aus der Retorte statt von gigantischen Rinderweiden kann man bereits kaufen.

Thomas Feuerstein: Manna-Maschine, 2008. © 2020 Pro Litteris Zürich

Mit der Manna-Maschine produziert der Künstler Thomas Feuerstein einzellige Mikroalgen, die getrocknet essbar sind und als Farbpigment für Bilder dienen. Eine Installation, die Klima, Kunst und Essen der Zukunft sichtbar macht.

Titelbild: Olaf Breuning: Eatmes (Auswahl). Foto: Eva Caflisch
Erhellende und erweiternde Publikation: Zu Tisch. Vögele Kulturbulletin, Ausgabe 110/2020. CHF 7.00
10. November bis 21. März 2021
Hier gibt es Informationen zu Öffnungszeiten und Sonderveranstaltungen

1 Kommentar

  1. Interessant ist der Hinweis auf das „Fleisch aus der Retorte“: ein Beitrag zur Vermeidung des Tierleides, zur CO2-Reduktion und ein Beitrag zur Lösung der Probleme der konventionellen Fleischindustrie.

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