FrontKulturDie Kunst des Möglichen

Die Kunst des Möglichen

Die Pandemie fordert nach wie vor ihren Tribut und unsere Geduld – auf allen Ebenen. Wie gehen das Tonhalle-Orchester und das Zürcher Opernhaus damit um? Die Alternative heisst „streamen“ – trotz geschlossenen Pforten.

Sich nicht unterkriegen lassen. Nolens volens akzeptieren, was uns der Bundesrat und das BAG aufbürden, Kontakte weiterhin aufs Minimum beschränken. Die Kulturtempel und Sportarenen haben dicht gemacht – das Opernhaus vorläufig bis Berchtoldstag, die Tonhalle Maag bis zum 10. Januar. Kulturell leer schlucken heisst es in der Advents- und Weihnachtszeit. Man könnte ins Grübeln kommen, die Hände verwerfen, mit den auferlegten Einschränkungen hadern – oder halt doch erbauliche Musik hören, wenn auch ab Konserve.

Die Tonhalle-Musiker vor der Interims-Spielstätte Maag / Foto © Priska Ketterer

Es ist, wie es ist. Ilona Schmiel, Intendantin der Tonhalle-Gesellschaft dazu: „Dass wir in der besinnlichen Weihnachtszeit keine Musik für Sie anbieten können, schmerzt zusätzlich zur gesamten Situation von COVID-19. Der Moment der Live-Musik kann durch nichts ersetzt werden. Und wir alle sehnen uns nach ihm.“

Was Sie verpasst haben, können Sie aber nachhören. Dazu die Pressestelle: „In intensiven Diskussionen mit Paavo Järvi wurden Werke ausgesucht, die wir nicht regelmässig spielen und die für viele überraschend spannend waren, nicht nur in der Zusammenstellung der Programme, sondern auch als Hörerlebnis in einem mit maximal 250 Personen besetzten Saal und maximal 40 Musikern auf der Bühne.“ Im Juni war das noch möglich. Wer das Angebot verpasst hat, kann die Konzerte jederzeit kostenlos und corona-gerecht auf Youtube Tonhalle-Orchester Zürich.
 

Das Opernhaus wusste noch nicht, ob es am 6. Dezember zur Publikumspremiere von Verdis „Simon Boccanegra“ kommen würde, als die Vorbereitungen schon alle getroffen waren. Doch die Produktion einstampfen kam nicht in Frage, zumal es die letzte Einstudierung des als Generalmusikdirektor ausscheidenden Fabio Luisi ist.

Christof Fischesser, Christian Gerhaher und Jennifer Rowley (v.l.) in den Hauptrollen von Verdis «Simon Boccanegra» / Foto © Monika Rittershaus

Der erneut verordnete kulturelle Lockdown führte zur Ersatzlösung, die Inszenierung von Intendant Andreas Homoki mit Christian Gerhaher in der Titelrolle aufzuzeichnen und am 6. Dezember um 17 Uhr auf Arte TV auszustrahlen. Am Samichlaus-Wochenende lässt sich aber auch in zwei weitere Übertragungen eintauchen, die dem Musikliebhaber empfohlen werden: 

Vincenzo Bellini: I Capuleti e i Montecchi

Joyce DiDonato und Olga Kulchynska brillieren als Romeo und Giulietta

Die hörens- und sehenswerte Zürcher Inszenierung dieses viel zu selten gezeigten Belcanto-Juwels durch Regisseur Christof Loy und das Dirigat von Fabio Luisi wurden an der Premiere von Presse und Publikum begeistert aufgenommen. Umjubelt wurden auch die beiden Protagonisten: In der Hosenrolle des Romeo ist Weltstar Joyce DiDonato zu erleben, an ihrer Seite singt die junge ukrainische Sopranistin Olga Kulchynska die Giulietta.

Übertragung auf 3Sat am Samstag, 5. Dezember 2020, 20.15 Uhr

 

Helmut Lachenmann – My way

Porträt des Komponisten Helmut Lachenmann

Wiebke Pöpel zeigt in ihrer sehr persönlich gestalteten Dokumentation den Komponisten Helmut Lachenmann in all seinen Facetten. Natürlich hat auch sein einziges Werk für das Musiktheater in diesen 90 Minuten seinen Platz: 1997 erlebte die Oper «Das Mädchen mit Schwefelhölzern» an der Hamburger Oper ihre Uraufführung und wurde 2019 im Opernhaus Zürich in der Ballett-Choreographie von Christian Spuck zum Ereignis. Das filmische Dokument zeigt auch Ausschnitte aus der Zürcher Fassung.

Übertragung auf SWR am Sonntag, 6. Dezember 2020, 8.15 Uhr (danach ca. 30 Tage in der ARD-Mediathek)

 

Giuseppe Verdi: Simon Boccanegra 

Die Premiere wird mit dem der Not gehorchenden eigens entwickelten Spielmodell umgesetzt. Chor und Orchester werden live aus dem externen Proberaum ins Opernhaus gestreamt. Die Besetzung wird von Christian Gerhaher angeführt. Als Simon Boccanegra wird er nach Alban Bergs Wozzeck und Heinz Holligers Lenau abermals ein spannendes Rollendebüt in Zürich geben. Die amerikanische Sopranistin Jennifer Rowley und der profilierte Bassist Christof Fischesser debütieren als Boccanegras Tochter Amelia Grimaldi bzw. als dessen Widersacher Jacopo Fiesco. In seiner Funktion als Generalmusikdirektor erarbeitet Fabio Luisi letztmals gemeinsam mit Andreas Homoki eine Neuproduktion am Opernhaus Zürich.

Die Neuinszenierung entsteht derzeit auf den Probebühnen unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln. Die Premiere wird live auf dem deutsch-französischen TV-Kanal ARTE ausgestrahlt und steht im Anschluss daran im Rahmen der ARTE «Opera Season» auf ARTE CONCERT, der Mediathek des Senders, als Video-On-Demand zur Verfügung.

Live-Übertragung auf ARTE am Sonntag, 6. Dezember 2020, 17.00 Uhr
Video-On-Demand auf ARTE CONCERT ab Montag, 7. Dezember 2020

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