FrontKolumnenWie systemrelevant sind wir?

Wie systemrelevant sind wir?

Eben ist ‚systemrelevant‘ zum Wort des Jahres gekürt worden. 2013 wurde es noch zum Unwort erhoben. Wie auch immer, ob Modetorheit oder gesellschaftlicher Tiefsinn, die Pandemie hat die Trennschärfe verwischt und es gibt genügend Gründe zur Sorge – gerade für die ältere Generation.

Die Romandie hat im Ranking dem Wort ‚Coronagraben‘ den Vorzug gegeben, also dem Röstigraben den Corona-Stempel verpasst. Dabei sollten wir im derzeitigen föderalistischen Trauerspiel weniger mit dem Finger aufeinander zeigen als vielmehr solidarisch sein und die Vorgaben diszipliniert umsetzen, so einschneidend und schmerzhaft sie auch sein mögen. 

‹Systemrelevanz› steht generell als Begriff für die Bedeutsamkeit oder Wichtigkeit von Staaten, Organisationen, Unternehmen, Produkten, Dienstleistungen und Berufsgruppen. Sie hat den Betrieb eines Systems in Gang zu halten, also den Wirtschaftsmotor schlechthin. Sobald ein unternehmerisches Aushängeschild so systemrelevant geworden ist, dass es, Teufel komm raus, mit staatlich astronomischen Finanzspritzen über Wasser gehalten werden muss, wissen wir, was ‚too big to fail‘ bedeutet: entweder Abertausende von Arbeitslosen und ein schwer zu reparierender Reputationsschaden oder die Schweizer Flagge in den Wind hängen, als ob nichts geschehen wäre. Nur beim Grounding der Swissair funktionierte dieser Automatismus leider nicht. Der Begriff stammt – wen erstaunt es – aus den USA, wo 1914 die New Stock Exchange vor dem Bankrott gerettet werden musste. 

Wir stellen fest, es ist ausschliesslich von ökonomischen Prozessen die Rede. Doch das System hat Risse erhalten, seit mit der Pandemie immer mehr der Faktor Mensch – und zwar der von Covid 19 hauptsächlich betroffene ältere Erdenbürger –  in die Diskussionen miteinbezogen wird. Das Wohlergehen der Bevölkerung hat zwar auch eine wirtschaftliche Komponente, aber gesundheitliche und ethische Argumente rücken umso eindringlicher in den Brennpunkt, als es um Fragen existenzieller Gefährdungen und der Lebenserhaltung geht. Die Risikoabwägungen zwischen finanziell tragbaren, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps bewahrenden Weichenstellungen und dem uneingeschränkten Recht auf ein würdiges Alter und dem damit einhergehenden geriatrischen Ausbau von Dienstleistungen sind zum gesellschaftspolitischen Seilziehen mit unschönen Begleiterscheinungen verkommen.

Es macht den Anschein, dass die Sorge um überlastete Spitäler, Alterszentren und Pflegeheime und das zunehmend vor dem Burnout stehende Pflegepersonal die hohe Politik mehr beschäftigt als die Kernfrage, wie denn die Risikogruppen und die ältere Bevölkerung besser zu schützen seien, damit es eben nicht zu diesen Überlastungen und zur Übersterblichkeit führt. Das Gesundheitswesen wird zwar auch als systemrelevant eingestuft, aber die Bundeshilfe mit der geforderten Besserstellung der Dienstleistenden an der Front zeigt sich – entgegen dem finanzpolitischen Sukkurs für die Wirtschaft – doch eher beschwichtigend und flügellahm.

Leider trägt eine gewisse Sorglosigkeit und Leichtfüssigkeit in vielen eher städtischen Ballungszentren dazu bei, dass die nachvollziehbare Sehnsucht nach wieder vermehrten sozialen Kontakten die Fallzahlen dramatisch in die Höhe schnellen liess, was der Vorfreude für die kommenden Weihnachts- und Neujahrstage  einen empfindlichen Dämpfer aufsetzt.

Die Nervosität, mit der der Bundesrat die jüngsten Einschränkungen verfügt hat und damit das Gastgewerbe, die Hotel- und Kulturbranche einmal mehr vor unlösbare Probleme stellt, zeigt einerseits den Ernst der Lage, aber auch, wie sehr der Föderalismus hierzulande nur in Schönwetterlagen tauglich ist und ein klägliches Bild an nachvollziehbaren und praktikablen Direktiven abgibt. Alle beanspruchen zwar für sich, nur das Beste für das Gemeinwohl leisten zu wollen, aber das Resultat ist allzu oft eine Kakophonie, die nicht selten das Gegenteil dessen bewirkt, was die Amtsträger zur Eingrenzung der Pandemie und zur Besänftigung der Bevölkerung beabsichtigen. 

Ob wir uns nun endlich ‚am Riemen reissen‘, wie es uns das BAG mit eindringlichen Worten ans Herz legt, gehört zur Weihnachtswunschliste, die das Christkind mit Garantie an uns alle zurückschicken wird. Wir haben es nicht anders verdient.

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