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Vom Pfarrer zum Heiler

Der Theologe und reformierte Pfarrer Matthias A. Weiss entdeckte als Seelsorger für Hörbehinderte neben der Gebärdensprache andere nonverbale Kommunikationsformen, auch das Heilen. Was anfänglich Angst auslöste, wurde zur Berufung.

Seniorweb: Matthias Weiss, Sie haben Theologie studiert und führen heute eine Praxis für Geistiges Heilen, sind freischaffender Theologe und Buchautor, ein ungewöhnlicher Weg.

Matthias Weiss: Mein Vater war Pfarrer, was mir als Jugendlicher grosse Mühe bereitete, ich kämpfte und haderte lange damit. In der Schule war ich immer wie in einem Schaufenster ausgestellt. Alle meinten mich zu kennen, nur ich kannte sie nicht.

Dann wundert es mich, warum Sie trotzdem Theologie studierten?

Nach dem Gymnasium machte ich ein Zwischenjahr mit Militärdienst und verschiedenen Jobs. Der Berufsberater schlug mir drei Fächer vor: Medizin, Jus oder Theologie. Ich machte eine Negativselektion: Medizin, ich kann kein Blut sehen, Jus ist mir zu trocken, aber Theologie umfasst den ganzen Lebensbogen vom Ungeborenen bis zum Gestorbenen, das faszinierte mich. Am Studienanfang wusste ich, dass ich Pfarrer werden wollte, am Studienende wusste ich, dass ich das nicht wollte, aber eine Akademikerlaufbahn wäre mir zu theoretisch gewesen.

Dachten Sie nicht, dass es vielleicht noch einen anderen beruflichen Weg geben könnte?

Die ganze Atmosphäre des Pfarrhauses hat mich geprägt, Theologie sog ich wie mit der «Vatermilch» auf. Ich hätte gerne etwas mit den Händen gemacht, aber eine Lehre als Schreiner kam nicht in Frage. Nein, mir ist nichts anderes in den Sinn gekommen, ich kannte ja auch von zu Hause her nichts anderes. Theologie ist für mich noch immer eine brauchbare Denkschule, aber das Studium wäre mir heute wahrscheinlich zu aufwändig.

Sie arbeiteten als reformierter Pfarrer und Seelsorger für Gehörlose und Behinderte. Da geht es gewiss nicht nur um abstraktes Vermitteln theologischer Inhalte.

Seelsorge läuft stark über das Wort, ist intellektuell, man fasst die Menschen nicht an, die reformierte Kirche hat grosse Mühe mit körperlicher Nähe. Die katholische Kirche ist sinnlicher und kommt den Menschen mit den Ritualen, Düften und Klängen näher. Mit den Gehörlosen kommunizierte ich über drei Kanäle: Über die berndeutsche Gebärdensprache, über deutliches Sprechen in Hochdeutsch für jene, die noch etwas hören und mir von den Lippen ablesen konnten, und über Projektionen von Folien mit Schlagwörtern. Die Vorbereitung der Lektionen war mit einem enormen Aufwand verbunden und beim Predigen musste ich mich so auf den Ablauf konzentrieren, dass ich mich zu wenig auf die Einzelnen einlassen konnte. Trotzdem war ich oft erstaunt, wie Gehörlose mich auch ohne Hilfsmittel verstanden, das war für mich fast beängstigend.

Wie haben Sie selbst den Sprung über den «Kirchenrand» geschafft, wie der Titel eines Ihrer Bücher heisst?

Die Aufgabe mit den gehörlosen Menschen hat mich geschliffen und gedrückt. Die Gebärdensprache führt man mit der Mimik, der Körpersprache und den Händen aus. Das war faszinierend, und doch suchte ich nach mehr. Die Erfahrung war wie die Vorstufe zum Heilen. Die Begegnung mit der Heilerin und geistigen Lehrerin Renée Bonanomi in Bern war das Berufungserlebnis, nach dem ich unbewusst seit jeher gesucht hatte. Ich entdeckte, dass es noch etwas Anderes gibt und ich meine Hände zum Heilen einsetzen, die Menschen berühren und ihnen nahekommen konnte, ohne sie zu bedrängen.

Was bedeutet Heilen für Sie?

In der Ausbildung bei Renée Bonanomi lernte ich Vertrauen zu haben, was ich im Theologiestudium nie aufbauen konnte. Und die Erfahrung zeigt mir auch, dass dies über den kognitiv, rationalen Weg nicht wirklich möglich ist. Ich musste eine andere Ebene kennenlernen, um zu begreifen, was Vertrauen wirklich ist. Ich erfuhr auch, dass der Heilige Geist, von dem man in der Kirche ständig spricht, nicht einfach ein Gespenst ist, sondern dass er greifbar und spürbar werden kann. Vielleicht wird er im Wort Begeisterung oder Inspiration etwas verständlicher.

Durch das Handauflegen kann sich im Menschen etwas öffnen. Das geht ohne grosse Worte. Dabei fühle ich mich Gott näher und bin nicht mehr bloss ein «Diener am Wort Gottes», wie meine offizielle Berufsbezeichnung lautet, sondern ein «Diener an der Tat Gottes». Heilen ist für mich nicht einfach Hände auflegen und schon ist der Mensch gesund. Es gibt zwar Spontanheilungen, die mich neidisch machen könnten, aber für mich ist der Weg der Heilung oft verbunden mit einem inneren Prozess. Dabei unterstütze ich die Menschen. Sie erfahren sich auf neue Weise, kommen zu sich selber, spüren, was sie als Mensch ausmacht. Sie bekommen Vertrauen und Mut, auf sich selber zu hören und ihrem eigenen Weg zu folgen.

Sie sind auch freischaffender Theologe, wie lässt sich das mit dem Heilen vereinbaren?

Ich habe eine Zeitlang Rituale ausserhalb der Kirche für Hochzeiten oder Beerdigungen angeboten. Doch das mache ich kaum mehr. Ich empfinde mich heute immer noch als Theologe, aber ich bin auch Handaufleger, Kursleiter und Autor. Vorher war ich nicht wirklich in meiner Identität, eher in jener meines Vaters. Eine interessante Erfahrung machte ich im Kientalerhof in Wetzikon anlässlich eines Heilerkurses. Ein Teilnehmer fand es komisch, dass er in einen Esoterikschuppen gehen muss, um Kirche zu erfahren. Auch ich empfinde, dass ich auf diese Weise mehr Kirche mache. Ich bin mit den Menschen in einem gemeinsamen Prozess physisch und emotional verbunden, der auch mich berührt. Das kann ich mir in der Landeskirche nicht vorstellen.

Wir kennen Sie auch als Autor mehrerer Bücher, wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Mich springen Themen an, auf die ich mich einlasse. Mein erstes Buch «Sprung über den Kirchenrand» entstand 2012. Mich interessierte es, wie andere Theologinnen und Theologen ausserhalb der Kirche wirken und arbeiten und machte Interviews, etwa mit dem Liedermacher Linard Bardill, dem Fernsehmoderator Jürgen Fliege, dem linken Politiker Josef Zisyadis. Sie hatten alle Theologie studiert und gingen den Weg auf ihre Art weiter. Ich hätte nie den Mut gehabt, sie ohne dieses Buchprojekt nur für mich persönlich anzusprechen. So erweiterte ich auch meine Vorstellungen über Erfolg, Geld und Karriere mit Interviews mit ehemaligen Bankerinnen und Bankern in «Bye Bye Bank». Bei den Gesprächen für mein Buch «Pfaffkids» wollte ich erfahren, wie es anderen Pfarrerskindern beim Aufwachsen erging. Mein neuestes Buch «Tropf auf dem Weg zum Meer» ist ein Bilderbuch, das sich an Kinder und Erwachsene richtet und sich mit dem Leben und Tod beschäftigt.

Wie gehen Sie mit dem Thema Macht um? Die Ratsuchenden könnten glauben, dass Sie viel mehr wüssten und schieben Ihnen vielleicht diese Rolle auch zu.

Macht ist grundsätzlich neutral, weder positiv noch negativ. Ich führe Menschen gern, aber es ist eine ständige Gratwanderung. Es ist wie beim Tanzen, wenn beide führen wollen, gibt es Chaos. Angemessen zu führen, braucht viel Behutsamkeit und Aufmerksamkeit. In den Kursen sage ich den Teilnehmenden immer wieder «du kannst es selber», sie müssen die Erfahrungen selber machen.

Mit dem Thema Macht setze ich mich bewusst auseinander. Das ist auch der Grund, warum ich immer mehr vom Handauflegen wegkomme. In den Kursen wirft man mir oft vor, dass ich nie Antwort auf Fragen gäbe. Ich höre die Fragen, aber ich höre nicht auf das, was die Worte sagen, sondern auf das, was der Kern, der Körper ausdrückt. Die Leute wollen möglichst schnell gesund werden oder ihr Problem gelöst haben. Doch wenn Körper, Geist und Seele dazu nicht bereit sind, funktioniert es nicht. So cool, wie es in der Bibel steht, «nimm Dein Bett und geh», ist es nicht. Es braucht Zeit zum Heilwerden, Heilen ist ein Prozess. Der Körper ist langsamer und spricht eine andere Sprache als der schnelldenkende Kopf. Es ist heilsam dem Menschen dafür Raum und Zeit zu geben.

Titelbild: Foto rv

Mehr zu den Büchern von Matthias A. Weiss, siehe hier

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