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Die Weihnachtsüberraschung

Eine Geschichte von Mutter und Sohn – zu lesen an den Feiertagen.

Es schneite leicht, als er aus dem Bus stieg. Er war gespannt, wie er seine Mutter vorfinden würde. Letztes Jahr hatte er sie noch in ihrer Alterswohnung besucht. Diese Abmachung hatte er immer eingehalten, sie war unverrückbar und mehr als eine Pflicht. Vor oder auch nach Weihnachten flog er – als die Kinder noch klein waren auch mit seiner Familie – von Tokio in seine Heimatstadt. Die Mutter bedauerte, dass er so selten kam. Seit drei Monaten war sie nun im Altersheim. Nach ihrem Oberschenkelhalsbruch war klar, dass sie ihren Haushalt nicht mehr allein führen konnte. Ihre Tochter – seine Schwester – war damals für eine Woche von Stockholm gekommen und hatte den Umzug organisiert. „Du hast eine globalisierte Familie“, hatte er damals seiner Mutter gesagt.

Sie freute sich, dass er zum Weihnachtsessen ins Heim gekommen war. Und behielt ihn lange an sich gedrückt, als er sie in die Arme nahm. Kleiner ist sie geworden, dachte er, und machte ihr ein Kompliment über ihre langen weissen Haare, die sie sie nun offen trug. Sie schien ihm langsamer geworden in den Bewegungen und im Sprechen, durch die Narkose bei der Operation, vermutete er.

Die Geburt Jesu Christi. Aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (12. Jahrhundert)

Nun sitzen sie zusammen mit den andern Betreuten des Altersheims und den geladenen Gästen bei der Weihnachtsfeier. Sich zu unterhalten ist kaum möglich. Ein Weihnachtslied nach dem andern, jedes gleich schleppend im Tempo, folgt auf den Liederreigen des Unterhaltungsduos mit Klavier und Panflöte. Dann die Ansprache der Heimleiterin und eine kurze Predigt des Heimgeistlichen, der selber Mitbewohner ist. Er versucht, sich auf das weihnachtselige Ritual einzulassen. So wird es mir auch einmal ergehen, fällt ihm ein.

Gespannte Erwartung liegt auf den Gesichtern. Kein Zweifel, die Heimleitung will den Pensionären einen tadellosen, alle beglückenden Heiligen Abend bieten. Die Tische sind hübsch dekoriert mit Teelichtern in goldgesprayten Gläsern, welche durch ihren Duft und ihre Wärme die Luft schwer machen. Sie haben sich alle Mühe gegeben. Kein Mangel an nichts. Eine riesige Tanne und ein richtiger Wall von Geschenkpaketen, bunt eingepackt. Trotzdem – da fehlt etwas. Auf diesen Abend und die Begegnung mit seiner Mutter hat er sich gefreut, vor allem auf ein vertrautes Gespräch. «Dieses Lied, viel zu laut,» sagt sie unwirsch. «Und die Panflöte, ja sie, hinkt schon wieder hinterher,» bekräftigt er ihren Unmut.

Lieder, Geschenke und ein Weihnachtsessen

Der Abend mit dem mehrgängigen Essen wird lang und länger. Unvermittelt will sie zurück auf ihr Zimmer: „Dort können wir endlich miteinander reden“. Sie verabschieden sich mit einer Entschuldigung von ihrem Tisch. Die Heimleiterin schaut verwundert herüber, wie sie den Saal vorzeitig verlassen. Die Verteilung der Geschenke hat ja noch gar nicht begonnen.

Auf dem Weg zum Zimmer schlägt sie vor, erst nach draussen zu gehen. Es schneit noch immer. Die Bambuspflanzen in der Anlage neigen sich unter dem Schnee – wie bei uns in Japan, denkt er. Auf die Frage, wie es ihr im Heim gefalle, antwortet sie einsilbig. Was ihr denn fehle, fragt er nach. „Ich fühle mich nach drei Monaten immer noch fremd. Wenn du wüsstest, was sie mit uns machen, würdest du es verstehen. Weißt du, wir haben es nicht schlecht. Doch ihr Hauptanliegen ist es, unsere Einsamkeit zuzudecken. Es ist sicher gut gemeint. Viele Anregungen dienen nur dem Zeitvertreib. Das Eigentliche kommt zu kurz“.

Was das denn sei, fragt er zurück. „Sich auf etwas freuen, noch etwas erwarten dürfen, sich noch gebraucht und wegen der eigenen Leistung geschätzt vorkommen. Ich weiss erst jetzt, wie sehr ich meine kleine Wohnung vermisse. Dort gab es immer etwas zu tun. Das gab mir Struktur. Ich fühle mich hier verloren. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr so leicht. Das Sprichwort hat Recht. Ich vermag auch nicht mehr, längere Zeit zu lesen. Ich spreche meine Gebete und denke an euch. Du und deine Schwester und die Enkel – ihr fehlt mir. Warum wohnt ihr nur so weit weg?“

Die Mutter voller Tatkraft wie einst

Er hat darauf gewartet und sich im Voraus eine Rechtfertigung ausgedacht. Doch sie schaut ihn nur kurz an und sagt mit fester Stimme: „Komm, ich habe eine Überraschung für dich!“ Sie schiebt ihm ihren Arm unter und es geht zurück zum Lift. Die unerwartete Wendung macht ihn verlegen. Seine neunzig Jahre alte Mutter zieht ihn vorwärts, zeigt wieder ihre alte Tatkraft.

Sie treten ins Zimmer. Es kommt ihm kahl vor – so viel Vertrautes fehlt. Er hatte ja noch im Sommer bei seinem letzten Besuch die kleine Alterswohnung der Mutter gesehen. Sie war voll von Erinnerungen, Bildern und alten Stichen. Er überlegt, wo die wohl geblieben sind. Seine Schwester hätte das alles nicht entsorgen sollen. Doch das gehört zu ihrer Art. Sie will aufräumen, die alten Sachen stören ja nur. Beim Räumen des Elternhauses hatte sie schon viele Dinge aussortiert, für die er sich noch interessiert hätte. Alte Fotoalben oder eine Schachtel voll Ansichtskarten. Selber schuld – er konnte ja damals nicht herkommen.

Was ihm gleich auffällt, ist ein kleiner roter Teppich. Darauf steht die Krippe aus seinen Kindertagen sorgfältig aufgebaut. Ohne weitere Worte weiß er, das ist die Überraschung. Die Mutter sagt nur, „Weißt du noch, den Stall hast du gebaut!“

Er ist tief berührt und erinnert sich, wie er damals als Fünftklässler einen Stall für die Krippenfiguren bauen wollte. Seine Grosseltern hatten die kostbaren alten Krippenfiguren der jungen Familie ihrer Tochter geschenkt. Sie waren aus hellem Holz geschnitzt. Ochs und Esel waren seine Lieblinge. Wenn er und seine Schwester das zugeteilte Ämtchen im Haushalt erledigt hatten, durften sie an den Tagen vor und nach dem Fest mit ihnen spielen. Die Figur von Josef hatte er immer bewundert. Sein Mantel fiel ohne jede Falte bis zum Boden – es war richtig fein, ihm den Rücken zu streicheln. Die Füsse jedoch sah man nicht, auch nicht bei Maria. „Damit die Figuren besser stehen“, hatte die Mutter den Kindern erklärt. Es störte ihn aber, dass sie so platt abgeschnitten waren. Und das Jesuskind fand er mit seinen Erwachsenenaugen schon damals und jetzt aus der langen zeitlichen Distanz immer noch eigenartig. Es liegt doch komisch da, überlegt er, breitet Tag und Nacht die Arme aus und hat ein so einfältiges Gesicht. „Wenn ihr brav gewesen seid, dürft ihr ein Strohhälmchen in die Krippe legen“, spornte die Mutter damals ihre Kinder an. Seine grössere Schwester gewann den täglichen Wettbewerb weitaus öfter als er.

Der Bub heimlich unterwegs

Er galt als der verträumte kleine Bruder, weniger schnell als sie und nicht so bereitwillig. Er erinnert sich der langen Streifzüge im Wald, dem Bach entlang. Ich war eigentlich kein Einzelgänger, sinniert er, aber ich war gern allein. Das Wasser im Bach, wie es seinen Weg fand, und im Herbst die farbigen Blätter faszinierten ihn. Noch heute streift er gern durch die Natur. Und damals an einem nebelfreien Tag Ende November hatte er sich entschlossen, Rindenstücke und Moos zu suchen, um den Krippenfiguren den Stall zu bauen. Zu Hause hatte er nichts gesagt, weil er ahnte, seine Mutter würde es nicht erlauben. Und der Vater hätte kaum Zeit gehabt, mit ihm zu gehen. Die Idee des Stalls war zur inneren Verpflichtung geworden. Die Krippenfiguren brauchten doch einen Stall – es war höchste Zeit. Auf seinen Ausflügen hatte er sich gemerkt, wo er das benötigte Material finden konnte und füllte damit seinen Rucksack.

Bei seiner Suche hatte er das Zeitgefühl verloren. Es war bereits Nacht, als er zu Hause ankam. Seine Mutter schimpfte, weil er so gedankenlos und ohne etwas zu sagen abgehauen sei. In ihren Augen war das typisch, der Träumer der ohne Rücksicht auf andere nur an seine Ideen denkt. Sie verbot ihm, den Stall zu bauen, was ihn schmerzte, tagelang war er bedrückt. Dabei hatte er doch etwas für die Familie tun wollen. Nach einigen Tagen und inständigem Betteln erlaubten es die Eltern doch. Sein Vater half ihm dabei und es wurde ein schöner Weihnachtsabend.

Die ganze Geschichte ist ihm in wenigen Sekunden wieder durch den Kopf gegangen, samt den Gefühlen von damals. Er schaut zur Mutter. Nun ist es umgekehrt. Sie ist schwach, braucht ihn und er kommt sich als erwachsener Sohn in ihrer Nähe kraftvoll und mitten im Leben vor. Aber er spürt zugleich, wie ihre frühere Kraft heute Abend wieder auflebt. Er weiß, sie fühlt sich wieder gebraucht, hat ihrem Sohn etwas zu Liebe tun können.

Sie ist für diesen einen Abend wieder die Mutter geworden, welche die Überraschung in den Augen ihres Sohnes sehen will. Die zwiespältigen Gefühle aus der alten Geschichte sind wie weggewischt. „Mutter“, sagt er, „diese Überraschung ist dir wirklich gelungen,“ nimmt sie in die Arme und hält sie lange fest.

Plötzlich ist es da, das Weihnachtsgefühl.

Bild: Gerd Altmann auf Pixabay

Titelbild: ExposureToday auf Pixabay

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1 Kommentar

  1. Ismet Damgaci; )an die werte Redaktion).Doppelt ist nicht mein bescheidener Beitrag, sondern die hochgeschâtzte Reaktion Ihrer hochgeehrten Redaktion.

    «Sie ist für diesen einen Abend wieder die Mutter geworden, welche die Überraschung in den Augen ihres Sohnes sehen will.» Das erinnert mich an meine eigene (leider selige) Mutter.

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