FrontGesellschaftDurch das Netz der Erinnerung gefallen

Durch das Netz der Erinnerung gefallen

Wer meint, die grossen Schweizer Persönlichkeiten der letzten Jahrhunderte zu kennen, sollte «Verkannte Visionäre» von Helmut Stalder aufschlagen. Da entdecken wir 25 Menschen, die Grosses geleistet haben, ohne berühmt zu werden.

In der Schule haben wir von den grossen Geistern, Paracelsus, Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi oder Henri Dunant und vielen anderen gehört. Sie sind die Leuchttürme, an denen sich die nationale Kulturgeschichte orientiert. Es gibt aber auch noch andere, vergessene, oft genug verkannte Erfinder, geniale Konstrukteure, die Grosses schufen, dafür jedoch keine Anerkennung erhielten oder Mutige, die etwas Unerhörtes wagten, dessen Tragweite erst später erkannt wurde. In Verkannte Visionäre werden sie in Wort und Bild porträtiert. Es fehlen auch die gescheiterten Genies nicht oder der ernstzunehmende Forscher, der heute aus ethisch-moralischer Sicht durchfällt.

Die beiden ersten Portraits gelten zwei Männern, die im Schatten von Berühmtheiten standen, John Krüsi, «Thomas Edisons rechte Hand», und – noch erstaunlicher – dem unbekannten Maurice Koechlin, ohne den der Eiffelturm nicht zum Wahrzeichen von Paris geworden wäre.

Eine historische Aufnahme von John Kruesi, eigentlich Johannes Heinrich Krüsi, 1843-1899, Maschinenbauer  (commons.wikimedia.org)

Jeder kennt den Erfinder des Telefons, aber wer weiss, dass diese und andere Erfindungen nicht ohne das technische Geschick des Appenzellers Johannes Krüsi entstanden wären. Unehelich geboren, erhielt er nur ein Minimum an Schulbildung, bemühte sich aber unermüdlich um Weiterbildungen als Mechaniker und reiste durch Mitteleuropa, bis er schliesslich in Amerika bei der Nähmaschinenfabrik Singer Arbeit fand. Dort entdeckte ihn Thomas Edison, als er junge Talente für sein Konstruktionsatelier suchte. Wie Krüsi nicht nur zur Anerkennung seines Chefs kam, sondern all derer, die sich für die Entwicklung neuer Technologien interessierten, lesen Sie in dem spannenden Kapitel des Buches.

Wer möchte bezweifeln, dass das berühmteste Wahrzeichen von Paris nicht vom Elsässer Gustave Eiffel erbaut worden wäre? Dabei kam die Idee für diese einzigartige Konstruktion nicht vom Inhaber des renommierten Pariser Bureau Eiffel selbst, sondern von seinem Ingenieur Maurice Koechlin. Dieser hatte schon verschiedene Stahlbrücken und das Eisengerüst konstruiert, das die Freiheitsstatue im Inneren stabilisierte. Diese schenkte Frankreich bekanntlich den Vereinigten Staaten zu deren 100-jährigem Jubiläum.

Entwurf des Turms von Koechlin und seinem Mitarbeiter Nouguier (1884) mit Höhenvergleich anderer bedeutender Bauwerke (commons.wikimedia.org)

Die Jubiläen folgten damals dicht aufeinander, 1889 feierte man 100 Jahre Französische Revolution und veranstaltete dazu eine Weltausstellung in Paris. Koechlin hatte einen Geistesblitz, wie Hermann Stalder schreibt, und zeichnete den Turm, damals eine kühne Idee. Entsprechend skeptisch war auch Eiffel zunächst, die genauen Berechnungen von Koechlin und einem Kollegen überzeugten ihn jedoch. Als er merkte, dass die Pariser Behörden dem Plan nicht abgeneigt waren, annektierte Eiffel kurzerhand das Projekt und kaufte alle Rechte. Maurice Koechlin hatte elsässische und Schweizer Wurzeln, studierte an der ETH Zürich Architektur und muss ein sehr bescheidener Mensch gewesen sein. Stalder zitiert ihn zum 50. Jahrestag des Turms: «Die Idee und die Berechnungen stammen von mir. Aber der Vater des Turms ist Eiffel.»

Dass Frauen in früheren Jahrhunderten ausserordentlich selten Berühmtheit erhielten, ausser sie seien im Glanz des Adels aufgewachsen oder als Künstlerin geehrt worden, erstaunt nicht. So müssen wir uns mit drei Frauenportraits zufriedengeben: Neben der jungen Genfer Schriftstellerin Mary Shelley, der Verfasserin von Frankenstein oder der moderne Prometheus, sind das die wagemutige Ärztin Josephine Zürcher und Madame Tussaud.

Madame Tussaud als 85-Jährige. (commons.wikimedia.org)

Klar, es gibt kaum jemand, der Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in London nicht kennt, aber wer kennt Marie Grosholtz alias Madame Tussaud? Sie wurde nach eigenen Angaben 1760 in Bern geboren, woran es erhebliche Zweifel gibt, ebenso daran, wen sich Madame als Eltern andichtete. Eher stammten ihre Vorfahren aus Strassburg, wo ein Scharfrichter Grosholtz gelebt hatte. Dieser Name und dieses Amt führen zu einem Zürcher im 15. Jahrhundert.

Stalder erzählt noch weitere Spekulationen zu Herkunft und Aufwachsen der jungen Marie. Es ist nur ein Schritt zu der Tätigkeit, die Marie Grosholtz berühmt und reich machen wird: Sie stellte nämlich während der Französischen Revolution nach den Köpfen der Enthaupteten Wachsköpfe her. Schon vorher hatte sie für einen «Salon de Cire» Büsten prominenter Frauen und Männer modelliert. Marie heiratete François Tussaud, der in der Werkstatt tätig war. 1802 reiste Madame Tussaud nach England und wurde schliesslich mit ihrem Wachsfigurenkabinett weltberühmt und reich.

Jedes dieser Portraits eröffnet uns Lesenden neue Einblicke in unbekannte Lebensläufe, es ist wahrhaftig eine Reise zu bisher unbekannten Menschen in vielen Lebensbereichen und in unbekannte Länder. Wussten Sie, dass das legendäre amerikanische Chevrolet-Auto nach seinem Erfinder Louis Chevrolet aus La-Chaux-de-Fonds benannt ist? Das Kapitel über ihn heisst Ein Leben auf der Überholspur. Auch der «gute Geist» des Hotels Waldorf Astoria in New York stammte aus dem Jura. – Der Jura zwang viele junge Leute auszuwandern, zu gering waren die Verdienstmöglichkeiten in den rauen Bergen.

Eine damals höchst willkommene Erfindung machte Ernest Guglielminetti aus Brig. Er war als Arzt – Lungenspezialist, er erfand ein Atemhilfsgerät – sehr erfolgreich, so dass er nach Monte Carlo als «High-Society-Arzt» eingeladen wurde. Vielseitig interessiert suchte er Verbesserungen, wo immer sie nötig schienen. So wollte er auch den lästigen Staub, der das Atmen behinderte, von den Strassen beseitigen und veranlasste zunächst versuchsweise, eine Strasse in Monaco mit Teer zu bestreichen, mit durchschlagendem Erfolg.

Man hatte damit schon andernorts Versuche gemacht, aber Guglielminetti erhielt den Ehrentitel «Dr. Goudron» – mit dem Wermutstropfen: Er als Erfinder von Atemgeräten hatte zwar den lungenschädigenden Staub besiegt, aber die krebserregende Wirkung von Teer blieb ihm unbekannt.

Verkannte Visionäre ist ein Füllhorn bewegender und berührender Lebensgeschichten. Der Autor hat dazu zahlreiche Quellen zu Rate gezogen, die im Anhang übersichtlich aufgelistet sind. Die Mehrzahl der Portraits erschien zuerst vor ca. zehn Jahren im Beobachter. Für diese zweite Ausgabe hat Helmut Stalder noch zwei neue Portraits hinzugefügt.

Helmut Stalder: Verkannte Visionäre. 25 Schweizer Lebensgeschichten. NZZ Libro 2020, 2. erweiterte Auflage. 218 Seiten mit vielen Abbildungen. ISBN: 978-3-907291-21-4

Titelbild: Himmelsglobusuhr von Jost Bürgi, Schweizer Uhrmacher, Instrumentenerfinder, Mathematiker und Astronom; um 1585. Anna Amalia Bibliothek Weimar © Hermann Junghans (commons.wikimedia.org)

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1 Kommentar

  1. Spätestens seit den Radiosendungen von Jean-René Bory (La Suisse à la renctontre de l’Europe) vor rund einem halben Jahrhundert sind die vielen grossen, aber oft im zweiten Glied stehenden Auslandschweizer vergangener Jahrhunderte eigentlich bekannt. Und die Tradition geht weiter, von der Gründung der UNCTAD bis zur Schweizer Technologie in der Raumfahrt.
    Nur: dank typisch schweizerischem understatement prahlt bei uns niemand mit diesen Leuten.
    Im Gegenteil: wir fragen uns eher, ob Koechlin nicht auch Elsässer und Pestalozzi nicht auch Lombarde geswesen sei. Von Carlo Rossi und andern St. Petersburg-Schweizern ganz zu schweigen…..

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