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Morgenstamm

Mittwochmorgen, 9 Uhr: «Stamm». Dieser Eintrag prangt seit Jahren in meiner Agenda. Als alle Beteiligten noch berufstätig waren, trafen wir uns jeweils um 7 Uhr, vor Arbeitsbeginn. «Wir», das sind politisch interessierte und engagierte Frauen, die lebhafte Diskussionen über «Gott und die Welt» lieben. «Worüber redet Ihr denn?» wurde ich etwa gefragt. «Über das Wetter und so» antwortete ich dann.

Parteigrenzen kannten wir nicht. Das machte uns in den Augen einiger Parteigrössen etwas verdächtig. Es berührte uns nicht. Am Stamm betrieben wir schon vor Jahren das gegenwärtig viel genannte «Netzwerken». Ich erinnere mich heute noch, wie Susi, die einen grossen Turnverein präsidierte, einmal beiläufig zu mir sagte, sie würde mich bei den Wahlen in den Nationalrat gerne unterstützen. Aber ich sei ja leider nicht Mitglied.

Begeisterung für Turnen war bei mir nicht zuoberst auf der Rangliste. Aber die Botschaft war angekommen. Für eine Passivmitgliedschaft konnte ich mich erwärmen. Dieser Support war hoch willkommen. Auf jedem Zirkular, das vom Vorstand verschickt wurde, stand in der Folge unter NB: «Vergessen Sie nicht, unsere Vereinsmitglieder bei den kommenden Wahlen zu unterstützen. Und dann folgten einige Namen, darunter auch der meinige.

Wir sind einander treu geblieben. Den Passivmitgliederbeitrag bezahle ich heute noch. Das Mitteilungsblatt erhalte ich heute noch. Am wichtigsten ist die letzte Seite. Da werden die runden und halbrunden Geburtstage der Mitglieder aufgeführt. Und jedes Mal lese ich da, mit wem zusammen ich im Verlaufe der Jahre alt geworden bin.

Bei Susi jäteten wir auch einmal in ihrem grossen, gepflegten Garten. Ein leckeres Zvieri stand in Aussicht. Das tröstete dann über die Ach und Wehs hinweg. Einige hatten ihre Kondition für Bücken, Knien und wieder Aufstehen massiv überschätzt!

«Ihr seid nur Frauen am Stamm?» wurde ich früher etwa gefragt. Das bejahte ich. Ganz stimmte es nicht. Ein pensionierter Lehrer macht bei uns heute noch mit. Wenn er geneckt wurde, er sei der Quotenmann, lachte er sich den Buckel voll. Diskussionen, wie wir sie etwa über Quotenfrauen kennen, waren und sind ihm fremd. Sein Selbstbewusstsein wird nicht tangiert. Er hat eine tragende Rolle in der Gruppe. Von ihm kommen die besten Hinweise auf lohnenswerte Ausflüge in das Gebiet rund um die Stadt Luzern. Selbstverständlich bildete sich rasch ein «Rekognoszier-Grüppli», welches die vorgeschlagenen Wege jeweils abwandert und vor allem die Verpflegungsmöglichkeiten unterwegs einer strengen Prüfung unterzieht.

An einen anderen Kollegen erinnere ich mich ebenfalls noch gut. Er war Stadtpolitiker und Feinkosthändler. Ich machte ihm klar, dass am Stamm nicht unbedingt die Vertreterinnen jener Kaufkraftklasse zu finden seien, die zu seiner Kundschaft zählten. Das war aber nicht seine Motivation, bei uns mitzumachen. Vielmehr interessierte ihn die «Meinung des Volkes» über gewisse Entwicklungen in der Stadt. Diese Informationen konnte er bei uns ungeschminkt und ungefiltert abholen. Als seinerzeit unsere Kollegin Josi J. Meier zur ersten Ständeratspräsidentin gewählt wurde, lud er «den Stamm» zu einem exquisiten Apéro in sein Geschäft ein. Ein Highlight in der Stammesgeschichte!

Vor wenigen Wochen ist Elsa mit 88 Jahren von uns gegangen. «Sie war fröhlich, lebenszugewandt, immer positiv und unternehmungslustig. Abenteuerliche Situationen auf ihren vielen Reisen hat sie stets souverän gemeistert». So haben wir uns von ihr in unserer Mitteilung an den Stamm verabschiedet. Mir hat sie einmal bei einem gemeinsamen Gang in der Stadt über ihre Einstellung zum Alter erklärt: «Ich denke nie an das, was ich nicht mehr kann. Ich frage mich immer, was ich noch kann und das tue ich dann!» Diese Aussage finde ich bewundernswert. Und sie eignet sich, in Wort und Tat nachgeahmt zu werden!

Und jetzt? Wird der Stamm die Corona-Krise überleben? Ganz sicher! Gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen bilden ein solides Fundament, das nicht so leicht zu erschüttern ist. Wir sind ständig miteinander in Kontakt. Über Telefon, über E-Mail, über weitere digitale Kanäle. Unorganisiert, einfach wie es sich gerade ergibt. Ende Dezember, als die Lokale geschlossen waren und die Regeln es noch erlaubten, trafen sich einige von uns zu einem «Outdoor-Stamm», im Bahnhof Luzern, im Untergeschoss. «Coffee to go» war in verschiedenen Geschäften zu haben. Und ganz hinten in der Halle befinden sich Bänke in grosszügigen Abständen voneinander. Dort tauschten wir aus, was uns bewegte.

Ein junger Bekannter einer Kollegin habe hell herausgelacht, als ihm von diesem improvisierten Treffen erzählt worden sei. «Weisst Du», habe er gesagt, «auf diesen Bänken sitzen doch sonst Alkis und Drögeler! Und jetzt treffen sich da so ehrenwerte Damen!» Diese Vorstellung hatte ihn offensichtlich belustigt. Da kann ich nur entgegnen: «Besondere Umstände erfordern besondere Massnahmen!». Und warum sollen in unserem demokratischen Lande nicht Alkis und Drögeler und ehrenwerte Damen auf denselben Bänken sitzen?

2 Kommentare

  1. Liebe Frau Stamm
    Einfach erfrischend und ermutigend ihr Beitrag, vielen Dank! Sie sind und bleiben ein grosses Vorbild!
    Und alles erdenklich Gute zu ihrem baldigen 87. Geburtstag wünscht Ihnen
    Edith Burkhardt

  2. Liebe Edith Burkhardt
    haben wir einmal zusammen gearbeitet? Und Sie haben mir erklärt, wie es weiter geht mit dem PC, kurz bevor ich jeweils verzweifeln wollte?
    Und haben wir am selben Tag Geburtstag? Irgendetwas schwirrt an meinem Gedächtnishorizont herum, ich kann es aber nicht fassen…..
    Lieben Dank, alles Gute und herzlich, Judith Stamm

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