FrontLebensartTrost, Perspektive und Mut zum Weiterleben

Trost, Perspektive und Mut zum Weiterleben

Was sollte ein Trauerredner den Trauernden vermitteln? Nach 2500 Abdankungen gibt der österreichische Schauspieler Carl Achleitner (Bild) in einem wunderbaren Buch Einblick in seine Passion. In «Das Geheimnis eines guten Lebens» befasst er sich nicht nur mit dem Tod, sondern vor allem mit dem Leben.

Für arbeitslose Schauspieler – und davon soll es in Corona-Zeiten etliche geben – könnte der Zweitberuf des österreichischen Film- und Theaterschauspielers Carl Achleitner eine willkommene Überbrückungshilfe sein: Sich als Trauerredner ein fixes Einkommen verdienen. Genau das tut der 57jährige seit neun Jahren offenbar mit Erfolg, denn 2012 hat er nach eigenen Angaben 2500 Trauerreden gehalten.

Seine Erfahrungen mit dem Tod, die Erwartungen der Angehörigen und seine gelegentlichen Fettnäpfchen beschreibt Achleitner ebenso lebendig wie tiefsinnig in einem Buch. Was brauchen Hinterbliebene im Moment des Abschieds von einem geliebten Menschen? Was war, was ist wichtig im Leben? Wie selten ein Werk zuvor habe ich dieses Buch verschlungen, mir meine eigene Endlichkeit vorgestellt, mir überlegt, wie meine Abdankung einmal aussehen könnte, geschmunzelt, ja gelacht über Anekdoten, die Trauerredner Achleitner zwischen den beiden Buchdeckeln erzählt.

Gräberreihen auf dem Wiener Zentralfriedhof. Foto Thomas Hofmeister

Da ist die Rede von Steuerberater Maximilian, der 63 Jahre lang mit Ehefrau Gerdi verheiratet war und praktisch gleichzeitig mit seiner Gattin stirbt. Tragisch klingt die Geschichte der 95jährigen Mutter, die ihren 75jährigen Sohn beerdigt. Beeindruckend muss die Abdankung der alleinerziehenden Traude gewesen sein, die vier Kinder hinterlässt. Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte, wie Trauerredner Achleitner mit dem an einem Hirntumor leidenden Schauspielerkollegen Xandi dessen eigenes Begräbnis plant. Einzige Bitte des sterbenden Schauspielers: «Machs lustig.»

Humor ist wichtig

Auf Xandis Abdankung erfüllte der Trauerredner dessen Wunsch, spielte eine voraufgezeichnete Videobotschaft des Verstorbenen ab und zitierte Grabinschriften vom Museumsfriedhof in Kramsach (Tirol). Achleitner dürfte den Ton getroffen haben, denn die versammelte Trauergemeinde fühlte sich dem Verstorbenen nahe. «Es war, also ob Alexander noch da wäre, als wären wir mit ihm verbunden und die Erinnerungen wären eine Brücke zu diesem anderen Gefühl, das stärker als die Trauer ist. Wie ein inneres Leuchten, ein strahlendes Glück. Wie tiefe Dankbarkeit, diesen feinen Kerl gekannt zu haben,» schreibt der Schauspieler.

Selbstverständlich will Achleitner mit seinen Abschiedsreden den Angehörigen auch Trost spenden, Perspektiven aufzeigen, Mut und Empathie vermitteln, Geborgenheit ausstrahlen, Dank aussprechen für das gelebte Leben: «Am Ende eines Lebenswegs geht es immer um die Fragen: War es ein gutes Leben, das da zu Ende geht? Was hat es zu einem guten Leben gemacht? Was macht uns unvergesslich?», bilanziert er und versucht zu definieren, was er selbst unter einem «guten Leben» versteht. «Der Tod ist der beste Ratgeber», zitiert er den Ethnologen und Schriftsteller Carlos Castaneda.

Die beiden Wölfe

Der Autor beantwortet die Frage brillant, mit einer Metapher: «In einer alten Legende der amerikanischen Ureinwohner heisst es, dass in jedem Menschen zwei Wölfe existieren, die ein Leben lang miteinander kämpfen. Die Waffen des bösen Wolfs heissen Gewalt, Hass, Gier, Neid, Engstirnigkeit und Lüge. Die Waffen des guten Wolfs heissen Liebe, Empathie, Sanftmut, Grosszügigkeit, Humor und Wahrhaftigkeit. Siegen wird am Ende unseres Lebens jener Wolf, den wir füttern. Wenn der gute Wolf in uns dick und fett und wohlgenährt ist, haben wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gutes Leben gehabt.»

Wiener Zentralfriedhof, Allee vom Haupteingang zur Karl-Borromäus-Kirche. Foto Wikipedia

In seinen Trauerreden – unter anderem auf dem berühmten Wiener Zentralfriedhof –  redet Achleitner öfter über das «gute Leben» als über den Tod. Dabei möchte er den Verstorbenen und deren Leben einfühlsam sowie respektvoll gerecht werden. Nichts sei bei einem Begräbnis schlimmer als verlogene Heuchelei. Wenn es aber gelinge, dem Lebensgefühl und der Persönlichkeit des Verstorbenen gerecht zu werden, dann könne ein Abschied einzigartig, unvergesslich und rückblickend auch schön sein. Die Trauer könne im Moment unendlich gross sein. Für Liebende gelte aber auch: «Niemand, den man wirklich liebt, ist jemals tot.»

Zuerst Koch, dann Kellner

Carl Achleitner machte von 1979 bis 1983 zunächst eine Ausbildung als Koch und Kellner im Linzer Theaterrestaurant „Casino“. Im Anschluss wechselte er ans Theater. Von 1985 bis 1989 absolvierte er eine Schauspielausbildung an der Schauspielakademie Zürich. Weitere Studien erfolgten von 1993 bis 1995 in New York City. Theaterengagements hatte er unter anderem am Landestheater Vorarlberg (1988), am Schauspiel Bonn (1989), an der Schauburg, dem Jugendtheater der Münchner Kammerspiele (1989–1992), am Münchner Volkstheater (1993), am Schauspielhaus Wien (1994), an der Scala Wien. Neben Theaterengagements wirkte der Österreicher bisher in über 100 Film- und Fernsehproduktionen mit. Er spielte in deutschsprachigen Kinofilmen und wirkte auch in internationalen Produktionen mit. Seit 2012 kann Achleitner als Trauerredner unter https://www.carl-achleitner.at/ engagiert werden.

Titelbild: Der Schauspieler und Totenredner Carl Achleitner. Foto: Oliver Betke


«Das Geheimnis eines guten Lebens» – Carl Achleitner, edition a, 2020, 224 Seiten. ISBN 978-3-99001-437-0

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel