FrontLebensartStricken lustvoll und kämpferisch

Stricken lustvoll und kämpferisch

Es wird wieder gestrickt und gehäkelt auf Teufel komm raus. Was lange Zeit als Hobby der Grossmütter galt, ist wieder in. Die «Lismigrüppli» treffen sich heute in den sozialen Netzwerken. Aber Stricken war schon früh auch ein politisches Kampfmittel.

Meine Erinnerungen an Stricken und Häkeln im Handarbeitsunterricht sind eher düster. Heute staune ich über die Begeisterung, mit der junge Frauen wieder stricken und häkeln. Mit Fantasie und viel Ausdauer entstehen kunstvolle, komplizierte Muster aus bunter Wolle und Garne. Und es bleibt nicht nur bei praktischen Kleidungsstücken, auch Spültücher, Schmuck, Couture Taschen, Wandteppiche und Überzüge für Sitzbänke und Tische entstehen.

Mit Häkelarbeiten überzogene Sitzbank im «Lustgarten» bei der Heilig-Blut-Kapelle in Willisau. In einer privat organisierten Corona-Aktion häkelten im letzten Sommer 51 Frauen und Männer bunte Tücher aus 21,7 Kilometer Garn, womit Bänke, Tische und sogar Abfalleimer überzogen wurden.

Wissenschaftliche Studien kommen zum Schluss, dass Stricken und Häkeln so entspannend sei wie Yoga, Puls und Blutdruck würden sinken und chronische Schmerzen herabgesetzt. Zudem sei es ein gutes Training für die geistige Fitness und bremse das altersbedingte Nachlassen der Hirnfunktionen. Denn bei der Handarbeit würden beide Hirnhälften beansprucht und förderten die neuronalen Verbindungen im Gehirn, sogar stärker als beim Zeitungslesen. Diese Erkenntnis nutzte auch Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss, die bei politischen Debatten unverdrossen strickte, oft zum Ärger ihrer Kollegen. Aber es half ihr, die Gedanken zu ordnen; nicht zuletzt war es auch ein subversives Zeichen, der klassischen Frauenarbeit neue Bedeutung zu geben.

Rechts und links gestrickte Maschen dienten während dem Ersten Weltkrieg als binärer Geheimcode.

Mit Stricken kämpfte man schon früh gegen soziale Ungleichheit. Während der Französischen Revolution strickten die «Tricoteuses» öffentlich gegen das aristokratische und patriarchale Herrschaftssystem an.

Vor mehr als hundert Jahren diente Gestricktes dem französischen Geheimdienst zur Übermittlung von Nachrichten, denn es eignet sich als binäres Muster von rechter und linker Masche ideal zum Codieren. Während rechte Maschen auf der Vorderseite wie «V»s aussehen, erscheinen die linken wie ein Quer- oder Bindestrich. Die französische Untergrundkämpferin Alice Dubois engagierte in der Nähe von Bahnhöfen wohnende Frauen, die am Fenster sitzend unter den Augen der Deutschen in einfachen Codes Informationen in ihre Arbeiten einstrickten; insbesondere die Bewegungen der ein- und ausgehenden Züge, um geplante Aktionen zu erfahren.

Stricken wird bis heute auch als Propagandamittel eingesetzt. Die First Lady Eleanor Roosevelt rief 1941 die Kampagne «Knit for Defense» aus und forderte eine Million Pullover für die Front ein. 1956 mussten wir als Kinder in der Schule für Wolldecken kleine Quadrate zur Unterstützung der Flüchtlinge aus Ungarn stricken. Nach der Amtseinführung von Donald Trump wurden die Pussyhats, die pinkfarbenen Strickmützen mit Katzenöhrchen, zum internationalen Protestsymbol der #Me Too-Bewegung gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen. Andere Projekte wie «Knit for Peace» setzen sich zum Ziel, durch gemeinsames Stricken verfeindete Parteien zu versöhnen.

Pussyhat als Protestsymbol der #Me Too-Bewegung gegen Gewalt an Frauen.

Früher gehörten Stricken und Häkeln in der Schule zur Vorbereitung einer einmal tüchtigen Hausfrau; die Buben kamen erst Jahrzehnte später in den Genuss dieses Lehrfachs. Die grösste Motivation zum Stricken entstand dann meistens, wenn Frauen Mütter wurden. Sogar ich machte mich an eine einfache Blätzlidecke, aber es blieb dabei. Die Schwiegermutter sorgte für die wärmenden Schlüttli und Söckli, eine schöne Abwechslung zu den Socken, die bislang dem Schwiegervater vorbehalten waren.

Die Pandemie befördert die Handarbeit. Statt traurig herumzusitzen, entdeckt man die Hände, die etwas Nützliches und Schönes erschaffen können. Stricken und Häkeln kann eine meditative Beschäftigung sein, Gedanken und Emotionen werden in die Wolle hineingestrickt. Trotz der Corona-Distanzregel muss niemand allein handarbeiten. Das Internet ermöglicht, sich über Grenzen hinweg zu verbinden, neue Kreationen vorzustellen, über Strickfreuden und -probleme zu berichten. Auf Instagram und in Blogs tauschen Strickerinnen und ein paar wenige Stricker ihre Erfahrungen und Kenntnisse aus. Eingeschworene Communities treffen sich regelmässig auf ihren Plattformen und sammeln Likes. Wenn sich die Corona Einschränkungen lockern, sind auch wieder Strickreisen und Strickfestivals möglich.

Gestrickt wird heute vorzugsweise mit Rundnadeln, möglichst aus Holz, Kunststoff oder Bambus.

Youtube ist voll von Do-It-Yourself-Anleitungen. Auch der blutigste Anfänger findet hier den Weg zum Stricken und für Fortgeschrittene gibt es raffinierte Muster und Techniken. Es sind meistens keine Profis, die die Anweisungen erteilen, sondern strickbegeisterte, aufgestellte Frauen. Sie zeigen, wie man Maschen anschlägt, auf- und abnimmt bis zur Schlussverarbeitung. Auffallend ist, dass die modernen Anleitungen viel einfacher formuliert und dargestellt sind als früher, auch weil einzelne Techniken weiterentwickelt wurden. Online Anbieter wie We Are Knitters bieten zudem fertige Pakete mit Wolle, Nadeln und Anleitung an. Wenngleich die Plattformen vor allem von jüngeren Frauen genutzt werden, stehen sie allen, auch digital geübten Seniorinnen und Senioren zur Verfügung.

Unter Knit Alongs, kurz KAL, kann man sich für ein gemeinsames Strickprojekt anmelden. Alle stricken dann in einem festgelegten Zeitraum nach derselben Anleitung das gleiche Modell und wenn es fertig ist, erscheinen überglückliche Kommentare und Bilder im Blog, auf Instagram oder Facebook. Auf der internationalen Online-Plattform Ravelry tauschen sich über neun Millionen Nutzerinnen und Nutzer über Strickmuster aus. Wenngleich die meisten User Frauen sind, gibt es auch Männer, die das Stricken entdeckt haben. Der US-amerikanische Tänzer und Modedesigner Stephen West wurde durch seine unkonventionellen asymmetrischen Strick-Entwürfe bekannt. Mit seinem Modelabel Westknits gehört er zu den Stars der Strick-Szene und viele Männer stricken dank ihm.

Der Beginn eines Riesenschals nach «Westknits», der noch mindestens ein Meter länger wird.

Fotos: rv

Eine gute Sammlung von Strickvideos findet man hier
und zeitlose einfache designs hier

Vorheriger ArtikelBlöd, blöder, Werbung
Nächster ArtikelSich entschuldigen

2 Kommentare

  1. Da erfahre ich doch soeben, dass die wunderhübsche Bank in Willisau letztes Jahr nach dem ersten Lockdown keine Zukunft hatte. Kaum war die heimliche Häkelaktion fertig und die Überraschung mit den farbenfroh überzogenen Bänken und Tischen im kircheneigenen Lustgarten gelungen, konnte der Willisauer Bote das Ende verkünden: Wegen Illegalität musste der Schmuck abgeräumt werden – unter dem vielfachen Beifall aufrechter Bürger. Das erinnert fatal an Harald Naegelis Sprayfiguren in Zürich.
    https://www.willisauerbote.ch/hinterland/willisau/2020-07-13/kirchenrat-setzt-der-farbenpracht-ein-ende

  2. Der Spass am Häckeln hat viele Frauen und Männer rund um Willisau vor einem Jahr durch den Lockdown gebracht. Die Nachfrage zum Mitmachen bei diesem Projekt, das unter strickter geheimhaltung des Endproduktes stattfand, war gross. Eine Beschäftigung, eine Herausforderung und eine Möglichkeit die Kreativität auszuleben, schien bei allen Mitwirkenden in dieser Zeit eine willkommene Abwechslung zu sein. Mit Freude denken wir zurück an die Zeit, in der uns das Häkeln so viele lustige und zusammenführende Momente beschert hat.
    Und das Endergebnis war ein Erfolg, für alle Mithäkler*Innen und Besucher*Innen des Lustgartens.
    Vielen Dank für den schönen Artikel zum Thema Stricken und Häkeln

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel