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Der Roboter in der Redaktion

Werden Journalisten bald überflüssig? Übernehmen Roboter ihre Arbeit? So abwegig sind diese Fragen nicht. Schon seit Jahren wird von solchen Redaktionshilfen erzählt, die mittels Modulen eigenständig Texte verfassen. Im Sport zum Beispiel, wo im Fussball nur noch die Torschützen und das Endresultat eingegeben werden müssten. Und der Roboter schreibt dann den Sportbericht ganz allein.

Haben Sie auch manchmal den Eindruck, in gewissen Redaktionen sei dieses Szenarium bereits Realität? Da würden Textbausteine mehr oder weniger gekonnt zusammengebaut, auf dass zum Schluss so etwas wie ein Bericht herauskommt.

Beispiel? Ein elektrisch verstellbarer Fernsehsessel brannte. Dramatisch. Die Meldung: «Daraufhin stich eine Flamme aus dem Möbel.» Ganz klar, das war eine Stichflamme. Und noch klarer: ein Nahdeutsch-Erlebnis.

An einer Gemeindeversammlung wurde ein Traktandum «geräuschlos» abgehandelt. Was so bemerkenswert ist, dass es sogar auf der Frontseite der Zeitung vermerkt wird. Dass eine Vorlage diskussionslos durchgewunken wird, ist ja nicht selten. Aber ganz ohne Räuspern, ohne Flüstern, ohne Lärm von aussen? In einer Kirche, einem beliebten Ort für Gemeindeversammlungen, kann das nicht gewesen sein. Dort hätten ja vielleicht die Kirchenmäuse geraschelt.

«Im Zentrum entstehen haufenweise neue Wohnungen.» Möchten Sie in einem Wohnungshaufen leben? Auch hier ein Begriff, der nur fast passt. Im Dialekt sagen wir zwar «en huuffe neui Wohnige». Aber daraus haufenweise Wohnungen zu basteln, ist leider kein Deutsch.

Auch kochen können solche Textroboter nicht: Ein Koch kauft jeweils aus der Norm fallende Rüebli, Tomaten und Süsskartoffeln und verarbeitet diese zu Bouillon und, man höre und staune, Mayonnaise. Mayonnaise aus Rüebli – dieses Rezept hätte ich gerne

Der Stadtpark sei unsicher, wird vermeldet. «Wegen des geringen Hinein- und Hinausgehens in den Nachtstunden». Also blöder kann man es ja nicht ausdrücken, Herr Digitaljournalist, dass es im Park in der Nacht eher einsam ist.

Weil ein Landbesitzer einen Baum gefällt hat, der nicht gefällt werden durfte, redet die Gemeinde vom «eigenwilligen» Verhalten des Fehlbaren. Wie eigenwillig das Fällen eines Baumes ist, bleibe dahingestellt. Dass er eigenmächtig und gegen die Vorschriften gehandelt hat, ist dagegen sicher.

Zum Glück sind die meisten Schreibenden in den Redaktionen noch aus Fleisch und Blut und der sorgsame Umgang mit der Sprache ist ihnen wichtig. Und, auch zum Glück, können sie jetzt all die Nur-der-Spur-nach–richtigen Begriffe auf ihre elektronischen Kollegen abwälzen. Sofern es sie schon gibt, die Textroboter.

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2 Kommentare

  1. Der «Copy Paste Journalismus» ist ja schon lange Tatsache. Recherchier-Journalisten, wie in der Hohezeit unserer Printmedien, gibt es praktisch keine mehr. Medienvielfalt leidet auch schon lange mit Tamedia Copy Paste von TA, Berner Zeitung, BAZ usw. Ein typisches Beispiel dieses «Copy Paste Agentur Journalismus» war die Gehirnwäsche mit ca. 400 Artikeln über Flugscham vor den letzten Parlamentswahlen, die den Grünsozialisten zu einem markanten Sieg verhalf. Mit Fakten und der Realität hat das kaum mehr etwas zu tun, bei rd. 2% CO2 Emissionen vom globalen Flugverkehr und aktuell nicht mal mehr 1/4 davon… dafür beschliesst das Parlament happige CO2 Abgaben auf Flugtickets und gewährt gleichzeitg der Swiss Notkredit für 1,5 Mrd. …..?! Zeit, dass wir dringend wieder selber denken und uns aus verlässlichen Quellen informieren, sonst geht unsere eh schon nicht mehr heile Welt sehr schnell den Verschwörungsbach ab!

  2. Prächtige Fundstücke, liebe Frau Reichlin! Den «Herrn(?) Digitaljournalist» zu verdächtigen, war wohl nicht ganz ernst gemeint, denn leider sind ja auch gewisse «Berufsleute» aus Fleisch und Blut imstand, derlei Stilblüten spriessen zu lassen. Manche wenden sich gern an «Frau(?) Übersetzungsmaschine». Das könnte beim «geringen Hinein- und Hinausgehen» passiert sein, französisch «va et vient».

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