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Wer Tiere kennt, wird Tiere schützen

Die Begegnung mit Zootieren löst Emotionen aus. Sie sprechen das Herz an. Wenn auch der Kopf angesprochen wird, kann sich ein Zoobesuch prägend auf das Verständnis für Tiere und ihre Umwelt auswirken.

Der Tierpfleger reicht dem Elefanten einen Laib Brot. Der ergreift ihn mit dem Rüssel und versenkt ihn – tel quel! Die Autorin war damals vier und schwer beeindruckt: ein ganzes Brot, einfach weg! Heute, mit 83 Jahren, hat sie das Bild noch immer vor Augen. Bewunderung für das majestätische Tier, Respekt, Sympathie schwingen mit.

Der Kaeng-Krachan-Elefantenpark mit den indischen Elefanten. Foto: © Zoo Zürich, Peter Bolliger

Seit jeher sind die Tiere Hauptattraktion in den zoologischen Gärten. Doch gute Zoos sind mehr als eine Tierschau. Die Begegnung Mensch-Tier wird zur Eingangspforte für ein erweitertes Verständnis der Zusammenhänge in der Natur und der Rolle des Menschen in diesem Zusammenspiel.

Über das Selbstverständnis moderner Zoos referierte kürzlich der neue Direktor des Zoo Zürich, Severin Dressen, in der Reihe «Wissenschaft um 11» der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur.

Zoodirektor Severin Dressen im Masoala-Regenwald des Zürcher Zoos. Foto: © Zoo Zürich, Goran Basic

«Die Umweltzerstörung, die Klimaveränderung, das Artensterben haben dazu geführt, dass sich moderne Zoos heute als Naturschutzzentren verstehen – mit den fünf zentralen Aufgaben: Forschung, Artenschutz, Naturschutz, Bildung und Erholung», so Dressen.

Grundlagenforschung

So haben Zoos ein grosses Potenzial, Tiere mit Hilfe naturnaher Anlagen und moderner Technologien besser zu erforschen und auf dieser Basis sinnvolle Schutzmassnahmen für deren Artgenossen in der Wildnis zu konzipieren. Das ist besonders wichtig, wenn es sich um Arten handelt, die kurz vor der Ausrottung stehen. Es ist ein Wettrennen mit der Zeit. Nicht zufällig hat sich deshalb, wie Severin Dressen betont, zwischen 2008 und 2018 die Zahl wissenschaftlicher Publikationen über gefährdete Arten verdreifacht.

Artenschutz

Als Beispiel für den Artenschutz nennt Dressen die Wiederansiedlung des Waldrapp, eines gänsegrossen Ibis’ mit langem, gebogenen Schnabel. Einst auch im Alpenraum heimisch, war er seit dem 17. Jahrhundert in der Schweiz durch die Jagd ausgerottet. Seine Spezies überlebte – international koordiniert – ausschliesslich in Zoos und Zuchtstationen.

Waldrapp – lange ein Zootier, nun soll er wieder in Freiheit leben. Foto: © Zoo Zürich, Enzo Franchini

Heute laufen in verschiedenen Ländern Auswilderungsprojekte. «Vom Ursprung her ein Zugvogel, kannten die im Zoo aufgewachsenen Nachfahren dieser Vögel den Weg nach Süden nicht», schmunzelt Dressen. «Man musste ihnen durch Vorausfliegen zeigen, wo es lang geht. Beim ersten Versuch mit Start in Österreich haben sich einige aus dem Schwarm entschieden, wieder zurückzufliegen.»

Beinahe ausgestorben ist der Asiatische Löwe, eine Unterart des Löwen. Früher in weiten Teilen des südlichen Asiens und in Vorderasien beheimatet, lebten gegen Anfang des letzten Jahrhunderts in Indien nur noch zwanzig Tiere.

Der asiatische Löwe wurde fast ausgerottet. Eine Wiederansiedlung braucht Zeit. Foto: © Zoo Zürich, Enzo Franchini

1955 wurde die Löwenjagd zwar verboten. Aber heute existiert nur noch eine einzige, fragile Population in einem indischen Nationalpark, während sich die Tiere in den modernen Zoos gut vermehren. «Mit Hilfe dieser Zoos könnte man eine zweite Wildpopulation schaffen. Aber dafür gibt es zurzeit in Indien leider keinen politischen Willen», bedauert der Zürcher Zoodirektor. Artenschutz und Wiederansiedlung brauchen Geduld. Dressen: «Gegenwärtig werden 85 Arten mit Unterstützung von Zoos ausgewildert; verbleiben 77 Arten, die bis heute nur in Zoos überleben.»

Naturschutz – Engagement vor Ort

1995 entstand das «Lewa Wildlife Conservancy» im Norden Kenias. Es ist ein Reservat für heimische Wildtiere und arbeitet eng mit dem Kenya Wildlife Service und umliegenden Gemeinden zusammen, um gegen die Wilderei vorzugehen und die Bevölkerung dabei zu unterstützen, sich mit den Wildtieren zu arrangieren. Seit 1998 wird es durch den Zoo Zürich finanziell unterstützt. «So werden zum Beispiel Unterführungen oder Wanderkorridore angelegt, um allfällige Mensch-Tier-Konflikte zu vermindern», erklärt der Zoodirektor. Ranger werden bezahlt, Arbeitsplätze in Landwirtschaft und Handwerk gefördert, die Kinder ermutigt, sich für die Tiere und den Naturschutz zu engagieren. «Allgemein sind Zoos heute die drittgrössten Spender für den Naturschutz», freute sich der Zoodirektor. «Sie investieren pro Jahr über 350 Millionen Dollar in Natur- und Artenschutz.»

Bildung und Erholung

Um der hiesigen Bevölkerung vor Augen zu führen, um welche Vielfalt es beim Arten- und Naturschutz geht, hat der Zoo Zürich im Sommer 2020 eine neue Anlage unter dem Namen «Lewa Savanne» eröffnet. Hier leben 15 Tierarten miteinander, darunter Breitmaulnashörner, Netzgiraffen, Grevyzebras, Erdmännchen, Tüpfelhyänen und viele weitere Arten.

Baobab-Futterbaum mit einer vielfältigen Tierpopulation aus  Grevyzebras Säbelantilopen, Impalas und Netzgiraffen in der Lewa Savannen-Anlage. Foto: © Zoo Zürich, Goran Basic

Allein rund 65’000 Schülerinnen und Schüler besuchen alljährlich den Zoo. Dass Zoobesuche in Erinnerung bleiben, beweist eine Untersuchung, derzufolge über zwei Drittel der Besucherinnen und Besucher aller Altersgruppen auch rund ein Jahr nach ihrem Zoobesuch noch wissen, was sie dazugelernt haben. Bei insgesamt 700 Millionen Menschen, die pro Jahr einen Zoo besuchen, dürfte sich das langfristig auch in den Denk- und Verhaltensweisen niederschlagen.

Keine Ruhe für die Giraffe. Der Impala-Bock hat sie immer wieder mit dem Gehörn bedroht, bis sie die Flucht ergriff. Foto: © Christine Kaiser

«Mit seinen neuen Standards in der Tierhaltung ist der Zoo Zürich in den letzten Jahrzehnten zu internationaler Bedeutung gelangt», konstatiert Severin Dressen. So gelte die über 25 Jahre alte Brillenbären-Anlage trotz ihres Alters noch immer als Goldstandard; ebenso der ganzheitliche Ansatz, nach dem der Regenwald in der Masoala-Halle konzipiert wurde. Oder der Kaeng-Krachan-Elefantenpark mit seinem ausgeklügelten Beschäftigungssystem, das die Tiere motiviert, täglich verschiedene Futterstellen abzusuchen, die nach einem Zufallssystem bestückt werden.

Auch in Zukunft kein Stillstand

Die Grundlagenforschung wird weitergehen. Ein Schwerpunkt dabei lautet «Animal Welfare». Damit sich Tiere wohlfühlen, müssen sie nicht nur gut ernährt und körperlich fit, sondern auch mental gesund sein. Bei der mentalen Gesundheit eines Zootieres besteht jedoch noch Forschungsbedarf. «Wenn alle diese Voraussetzungen erfüllt sind», so Dressen, «haben Zootiere rundum einen höheren Welfare-Status als in der Natur.» In der angewandten Forschung wiederum geht es vor allem um Mensch-Tier-Konflikte. Zum Beispiel: Wie bewährt sich ein einfacher Draht, der einen Alarm auslöst, um Elefanten zu vergrämen, die über die Reisfelder thailändischer Bauern marschieren möchten? Solche einfachen Mittel können zuerst in Zoos erprobt werden.

Bauprojekte im Zürcher Zoo

In Planung sind drei grosse Bauprojekte: Im «Pantanal», das die Tierwelt im gefährdeten, südamerikanischen Feuchtgebiet gleichen Namens präsentiert, soll auf 10 000 Quadratmeter eine 35 Meter hohe Vogel-Voliere für die Vogelwelt dieser Region entstehen. Auch möchte man die krassen Unterschiede zwischen extremer Trockenheit und Überflutung am Ursprungsort simulieren. Und es soll Unterwasser-Einblicke geben, um erstmals zu erleben, wie auch Tapire in der Natur gern tauchen.

Die Zoo-Plantafel ist hilfreich bei der Suche. Foto: © Zoo Zürich, Enzo Franchini

Auf der letzten Freifläche zwischen Lewa-Savanne und Masoala-Regenwald wird ein zentralafrikanischer Regenwald nachgebildet, in dem auch die Gorillas eine neue Heimat finden werden. In einer weiteren neuen Anlage mit dem Fokus Indonesien nahe beim Menschenaffenhaus werden die Sumatra-Orang-Utans leben.

Titelbild: Wer essen will, muss auch arbeiten: Elefant auf Futtersuche. Foto: © Christine Kaiser

Seit dem 1. März 2021 ist der Zoo Zürich wieder geöffnet. Allerdings sind – Corona-bedingt – nur Aussenbereiche zugänglich. Lewa- und Masoala-Gebäude sind offen. Imbiss-Stationen sorgen für Verpflegung.

Den Vortrag von Zoodirektor Severin Dressen gibt es hier zum Nachhören. Die Veranstaltungen der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur (NGW) werden zurzeit gestreamt.

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