FrontKulturErzählen mit Punkt und Strich

Erzählen mit Punkt und Strich

Warja Lavater war Grafikkünstlerin und Malerin. Berühmt sind ihre Faltbücher und die grossen Bilder zur Schweizer Frauengeschichte an der Saffa 1958. Jetzt würdigt die Zentralbibliothek (ZB) ihr Gesamtwerk.

Kennen Sie das? Sie stöbern in einem Antiquariat, einem Brockenhaus oder stehen in einer Ausstellung. Ein Objekt kommt Ihnen bekannt vor. Zuhause ziehen Sie das historische Buch aus dem Regal, oder den geerbten Teller aus der hintersten Ecke des Buffets: Sie besitzen, was Sie sahen, wussten aber nichts mehr davon.

Mir ist es mit Warja Lavaters Leporello Nummer zwei so ergangen, der Geschichte von der Grille und der Ameise, gedruckt 1962 in Basel. Die Ausstellung Sing-Song-Signs & Folded Stories in der Schatzkammer der ZB sowie im TuricensiaRaum ist seit März geöffnet, Lavaters Nachlass zählt seit 2007 zur graphischen Sammlung der Zentralbibliothek.

Warja Lavater. ZB Zürich © Pro Litteris

Warja Lavater (1913 – 2007) weiss schon als Kind, dass Zeichnen ihr Brot würde. Mit 14 überrascht sie ihren Vater mit einem Quartettspiel, als er von einer Auslandsreise nachhause kommt. Dieses Quartettspiel wird in der Ausstellung gezeigt. Etwas später verlässt Warja das Gymnasium, weil sie die Kunstgewerbeschule besuchen kann.

Schon kurz nach der Ausbildung wird Warja Berufs- und Lebenspartnerin des Grafikers Gottfried Honegger mit gemeinsamem Reklameatelier. Damals ist die Planung der Landesausstellung 1939 schon weit gediehen. Als sie kurz bei der Direktion zu tun hat, wird sie – als Witz – aufgefordert, das Signet für die Landi zu entwerfen, woran schon fünfzehn Grafiker gescheitert seien.

Umsetzung von Warja Lavaters Signet der Schweizerischen Landesausstellung von 1939 auf Hut, Tuch und als Anstecknadel, 1939. Foto: Christiane Schmid, ZB Zürich

Warja Lavater entwirft einen Flügel und eine Kette mit vier Gliedern als Symbol der vier Landesteile und -sprachen, welche die junge Grafikerin auf Wunsch oder eher Befehl des zuständigen Bundesrats («ich will keine gekettete Schweiz») in vier Ringe – ähnlich der olympischen Ringe – austauscht. Dass sie nachgegeben hat, kann sie sich lebenslang nicht verzeihen, wie sie einem Fernsehjournalisten 1998 in die Kamera spricht. Weltberühmt ist das Signet, das sie damals für den Bankverein erfand: Die drei gekreuzten Schlüssel haben die Fusion mit der Bankgesellschaft überlebt und sind heute Teil des UBS-Signets.

Honegger-Lavaters leben und arbeiten an der Zürcher Kirchgasse, wo sich in der Grosswohnung die intellektuelle und kreative Gesellschaft der Stadt trifft. Ein paar Fotos mit bekannten Zürchern wie Autor Max Frisch oder Filmerin Isa Hesse illustrieren diese Partyszene der 50er Jahre.

Im Foyer der ZB steht jetzt eine der letzten von Warja Lavater 1957/58 gemalten Tafeln für die «Linie» an der Saffa 1958. Abgebildet ist Anna Bullinger, die Frau des Reformators. Foto © Alex Winiger/mural.ch, 2021

Die politisch wache Feministin, die nicht kochen, aber zeichnen kann, bekommt den Grossauftrag, für die Saffa, die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit, 1958 einen Weg zu gestalten: Auf der Linie genannten Installation – riesigen bemalten Flächen – stellt Warja Lavater die Frauengeschichte der Schweiz dar, eine Ahninnen-Galerie starker Persönlichkeiten, die ein Stück damalige Welt veränderten. Enttäuscht vom Nein zum Frauenstimmrecht 1959 kehrt sie dem Land den Rücken, ist froh, mit Honegger, der einen lukrativen Job bei einer Basler Chemiefirma hat, zwei Jahre in New York zu verbringen, wo sie sich ohne berufliche Verpflichtung frei fühlt und den Big Apple als Quelle der Kreativität erlebt. Sie ist fasziniert vom lebhaften Verkehr in den breiten Strassen – vor allem wie Autos und Menschen gleichermassen auf Zeichen reagieren.

Wilhelm Tell, 1962, Basel/Stuttgart: Basilius Presse, Offsetdruck (Ausschnitt). Links der Apfelschuss, rechts der gefangene Tell im Boot des Landvogts.

Die damals schon bekannte Illustratorin, die zusammen mit Honegger die Zeitschrift Jugend-Woche gestaltet, zeichnet ihre ersten Geschichten und sucht nach Formen, mit denen sich erzählen lässt, die aber weder Text noch realistisches Bild sind. In Schaufenstern von Chinatown entdeckt sie, wie gefaltete Papierstreifen mit Zeichen bemalt werden. Sie ist fasziniert, und findet ihr Medium, den Leporello. Sie erarbeitet konkrete Kunst im Kleinformat und entwickelt daraus ein Lebenswerk. Für Lavater sind Piktogramme global verbindend, denn überall werden sie verstanden.

Ein Spiel, 1960, Gockhausen, Tinte und Gouache. Foto: Christiane Schmid, ZB Zürich

Der Leporello Nummer eins heisst Tell und wird vom Museum of Modern Art in New York herausgegeben. Damit hat sie das erste Livre d’artiste avant la lettre erfunden und ist nun auch international bekannt. (Ein Reprint gibt es in der Ausstellung zu kaufen.) Spätere Arbeiten werden von Adrien Maeght verlegt.

Warjas Mutter, die Schriftstellerin Mary Lavater-Sloman hat mit Texten erzählt, sie tut es mit abstrakten Bildern, versucht, ein universales Alphabet zu entwickeln. Die Codes, die sie erfindet, sind einfach und klar, die Geschichten verständlich. Dabei entwirft sie einen Bildfluss von dynamischen Linien, Punkten, geometrischen Figuren, welche den Inhalt voranbringen, nicht illustrieren. Hilfe ist einzig wie bei einer Landkarte das vorangestellte Register, wo die einzelnen Elemente benannt sind.

Ein Signal: livre sculpté, 1982, Paris, Tinte und Gouache über Bleistift. Foto: Martin Stollenwerk, SIK-ISEA

Ein Leporello ist etwas zwischen Erzählung und Film. Der Film läuft auf der Leinwand oder dem Bildschirm an den Augen vorbei – beim Leporello bewegen sich die Augen am Bild vorbei, wichtig dabei ist, dass es kein Blättern, also keinen scharfen Schnitt gibt, jedoch ein Innen und ein Aussen – gemäss der Faltung des Papierstreifens. Wie sehr Warja Lavater diese dreidimensionale Eigenschaft berücksichtigt, ist in jedem Leporello sichtbar – sei es ein Märchen wie Rotkäppchen, sei es ein philosophischer Gedanke wie in Leidenschaft und Vernunft, wo sich zwei Elemente, eine rote wilde Linie und blaues Rechteck in einer fortlaufenden Entwicklung kombinieren und sich zu einem weit gefassten Kulturbegriff ergänzen. So ist jeder Leporello ein Buch, eine Malerei, eine Skulptur zugleich. Das Faltbuch Leidenschaft und Vernunft, bekam Carol Ribi, Kuratorin der ZB-Ausstellung, seit Jahren mit Warja Lavater beschäftigt, zum Lizentiat als Geschenk, keine Überraschung, dass sie nun an einer Doktorarbeit über die Künstlerin sitzt.

Warja Lavater hat ein Zeichensystem geschaffen, welches die Fantasie der Betrachter anregt und bei ihm sofort Bilder abruft. Nicht nur bei den Leporellos, die in den Vitrinen präsentiert sind, auch in Bildern und grafischen Blättern, die sie in einem von der Bauhaus-Ästhetik inspirierten Formenvokabular erarbeitete, oder die Objekte, beispielsweise Kästchen mit Inhalt, und ihre Papierkunst, Experimente mit handgeschöpftem Papier, das sie bemalte, und durch Bearbeitung in skulpturale Formen brachte.

Warja Lavater hinter ihrem Werk «Dialogue», 1986, Zürich/Locarno, aus handgeschöpftem Papier

In Frankreich, wo ihre Leporello-Märchen auch im Schulunterricht Platz haben, werden 1995 eine Reihe davon animiert. Warja Lavater kann sich durchsetzen, dass diese Filme zwar Sound bekommen, nicht aber eine Erzählstimme. Sie sind in der Ausstellung zu sehen, ebenso wie Teile von Fernseh-Interviews mit Warja Lavater und Gottfried Honegger.

Überzeugend sind Warja Lavaters Kunst-am-Bau-Arbeiten für das Zürcher Wasserwerk, dessen Logo aus ihren Keramiken entwickelt ist. Wiederum spielt sie mit klaren Formen, die abstrakt wirken und sich deutlich auf die Funktionen des Wassers beziehen.

Warja Lavater Wandmosaik Wasserwerk Zürich, Hubenstrasse 1985. Foto: Carol Ribi (Kuratorin der Ausstellung in der ZB Zürich)

Die Ausstellung in der Zentralbibliothek reiht sich perfekt ein in dieses Frauenrechtsjahr. Bei der Vernissage hat Regierungsrätin Jacqueline Fehr dazu aufgerufen, Warja Lavater einen «Logenplatz» in der Geschichte der Frauen und der Kunst einzuräumen, zugleich aber auf das «typische Frauenschicksal» einer Künstlerin im Schatten anderer zu verweisen.

Titelbild: Rotkäppchen, Offsetdruck (das Original, Tinte und Gouache 1960, New York,  ist ausgestellt)
Warja Lavater im Schweizer Fernsehen am 10. Mai 1992
Bis 19. Juni
Die Ausstellung Sing-Song-Signs & Folded Stories ist von Montag bis Samstag geöffnet.

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