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«Wandersmann»

Über etwas Poetisches, Besinnliches, Heiteres wollte ich in meiner Kolumne zum Auftakt der Nachostertage schreiben. Da drängten sich mir ein Name und ein Werk auf, an die ich über Jahrzehnte nicht mehr gedacht hatte. Weil die Herausgeberin, Louise Gnädinger, den Begriff «geistliches Unterhaltungsbuch» verwendet, betrachte ich meine Wahl als Volltreffer!

Es handelt sich um das Buch mit dem Titel: «Cherubinischer Wandersmann oder geistreiche Sinn- und Schlussreime» von Angelus Silesius. Der Autor hiess in Wirklichkeit Johannes Scheffler (1624-1677). Er studierte Medizin und Staatsrecht an verschiedenen europäischen Universitäten, war ursprünglich evangelischen Glaubens, wurde überzeugter Katholik, engagierte sich in der gegenreformatorischen Bewegung und verfasste viele entsprechende Schriften. Er war bei Fürsten als Hofarzt tätig und verstarb nach längerer Krankheit mit 53 Jahren im Stift St. Matthias in Breslau.

Die Herausgeberin, Louise Gnädinger, skizziert in ihrem Nachwort auch den Weg von Schefflers Werk seit seiner Entstehung durch die Jahrhunderte. So ist bei ihr zu lesen: «Nicht im Sinne eines Andachtsbuchs, sondern der kühnen mystisch-theologischen Gedankenflüge und Spekulationen wegen schätzten die Philosophen Leibniz, Baader, Friedrich Schlegel, Schopenhauer, Hegel und die Dichter Rückert, Annette von Droste-Hülshoff und Gottfried Keller Schefflers epigrammatische Dichtung.» Und schreibt am Schluss ihres Nachwortes:»…..unter verschiedenen Gesichtspunkten könnte da, heute wie damals, Überraschendes an Interessantem und Schönem gesichtet werden.»

Und, ich gebe es zu, genau darum ging es mir, als ich das Büchlein wieder zur Hand nahm. Können denn Menschen, denen mystische Höhenflüge und leidenschaftliche Gottesansprachen eher fremd sind, auch heute wieder den Zugang zu Schefflers Gedankenwelt finden? Ich bin davon überzeugt und lasse einige Beispiele für das zeitlose Gedankengut Schefflers folgen. Gerne möchte ich die Zeilen den vielfältigen Erscheinungen der heutigen Welt gegenüberstellen.

Was fein ist, das besteht.
Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein, / Ganz lauter wie Kristall, soll ein Gemüte sein.

Man weiss nicht, was man ist.
Ich weiss nicht, was ich bin, ich bin nicht, was ich weiss: /Ein Ding und nicht ein Ding, ein Stüpfchen und ein Kreis.

Das Himmelreich ist inwendig in uns.
Christ mein, wo läufst Du hin? Der Himmel ist in dir:/ Was suchst Du ihn dann erst bei eines andern Tür?

Der Zufall muss hinweg
Der Zufall muss hinweg und aller falsche Schein:/ Du musst ganz wesentlich und ungefärbet sein.

Der Schöpfer kanns alleine.
Was bildest du dir ein, zu zähln der Sternen Schar? / Der Schöpfer ists allein, der sie kann zählen gar.

Ohne Warum
Die Ros ist ohn Warum: sie blühet, weil sie blühet,/ Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

Die Herausgeberin, Louise Gnädinger, geb. 1932, durchlief vielfältige Ausbildungen an der Kunstgewerbeschule Zürich, an der Universität Zürich, wo sie ein Studium in Romanistik, Germanistik und Musikwissenschaft mit einer Dissertation abschloss. Ihre Forschungsgebiete waren in der Folge die Mediävistik und die Literatur des Barockzeitalters. Sie veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Werke und Übersetzungen. Während meiner Studienzeit in Zürich kreuzten sich gelegentlich unsere Wege. Ich freue mich, dass durch die Vermittlung des «Cherubinischen Wandersmannes» viele Erinnerungen wieder wach werden!

Johannes Angelus Silesius: «Cherubinischer Wandersmann». 1986 Manesse Verlag, Zürich. ISBN 3 -7175-1708-2 Gewebe; 3-7175.1709-0 Ldr. NE: Gnädinger, Louise (Hrsg.)

1 Kommentar

  1. Ismet Damgaci :Liebe Redaktion, erübrigen Sie sich bitte diese Bemerkung Sie wirkt nicht gerade original, zumal sie mehrfach genaeht wird.t

    Können denn Menschen, denen mystische Höhenflüge und leidenschaftliche Gottesansprachen eher fremd sind, auch heute wieder den Zugang zu Schefflers Gedankenwelt finden?…Tja,wenn sie diesen Zugang hoffentlich finden….

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