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Die kaufmännische Berufsbildung im Brennpunkt

Wie geht es den Jugendlichen, den Schulabgängern und Lernenden in diesen unwägbaren Zeiten? Was bedeutet es für die grösste kaufmännische Berufsschule der Schweiz, die aktuellen Herausforderungen zu stemmen und die Lernenden für die Arbeitswelt von morgen fit zu machen? Der Rektor der Schule stand uns Red und Antwort.

Christian Wölfle, Sie stehen als Rektor der Wirtschaftsschule KV Zürich, dem grössten kaufmännischen Bildungsangebot hierzulande, vor. Wer Ihre Homepage anklickt, wird zuerst einmal auf die Corona-Schutzmassnahmen aufmerksam. Was bedeutet das für tausende Lernende, den Lehrkörper und die Schulleitung?

Christian Wölfle: Corona begleitet uns nunmehr seit über einem Jahr. Die Ängste und Sorgen sind vielfältig und bloss bedingt steuerbar. Ganz zu Beginn war die Sorge um die eigene Gesundheit bei Lehrenden und Lernenden sehr gross. Die Schulschliessung hat dem entgegengewirkt und zur Beruhigung beigetragen. Das emotionale Auf und Ab lässt jedoch nicht nach: Nach den verschiedenen Virusvarianten drückt nun die sehr lange anhaltende Krise bei einigen auf die Gemüter. Unser Corona-Stab hatte phasenweise alle Hände voll zu tun. Glücklicherweise haben und hatten wir an unserer Schule sehr wenige Indexfälle – momentan sind unter 1% der Lernenden covid-erkrankt oder in Quarantäne. Bei den Lehrenden und den Mitarbeitenden der Verwaltung sind es noch weniger.

Christian Wölfle, Rektor der Wirtschaftsschule KV Zürich, der grössten kaufmännischen Berufsschule der Schweiz

Nachdem geschwächte Alters- und Risikogruppen lange im Fokus der medialen Öffentlichkeit standen, ist inzwischen die Besorgnis über die Ansteckungsgefahr von Kindern und Jugendlichen merklich gewachsen. Ihre Lernenden arbeiten ja auch in ihren Lehrbetrieben und sind sozial sehr mobil. Das Stammhaus am Escher-Wyss-Platz verfügt zudem über eher kleinräumige Schulzimmer. Welche Massnahmen waren hier zu treffen?

Im Moment fahren wir mit dem Konzept „alternierender Präsenzunterricht“, welches vom Kanton bewilligt worden ist: Die Klassen sind alle zwei Wochen im Präsenzunterricht vor Ort im Schulhaus und dazwischen im Homeschooling. Das  funktioniert gut. Die Lernenden und die Lehrenden müssen seit Monaten im Schulzimmer die Hygienemaske tragen, Körperkontakt wie Händeschütteln vermeiden und auf genügend Abstand achten. V.a. letzter Punkt ist in den kleinen Schulzimmern nur bedingt erfüllbar. Für den Sportunterricht in den Sporthallen bzw. im Hallenbad gelten besondere Regeln.

Wie steht es um die Lehrabschlussprüfungen, dem sog. QV ? Können diese in gewohntem Rahmen unter Einhaltung der Schutzkonzepte durchgeführt werden?

Das Qualifikationsverfahren 2021 ist – Stand heute – schulseitig ohne Abstriche und unter Einhaltung unseres Schutzkonzeptes durchführbar. 

Die Bildungsschere zwischen den gut und den knapp Qualifizierten hinterlässt im Lehrstellenmarkt, so liest man, ihre Spuren. Auch Lehrabgänger bangen um Anschlusslösungen. Wie steht es um die arbeitslosen Jugendlichen? Kann der KV Zürich diesbezüglich Überbrückungsangebote bereit stellen?

Der KV Zürich hat, wie die anderen KV-Schulen auch, keinen Auftrag für Überbrückungsangebote. Wir unterstützen die Lernenden jedoch bei der Stellensuche (z.B. Durchsicht einer Bewerbung), und wir führen auf unserer Web-Seite eine Job-Börse, wo Betriebe Stellen ausschreiben können. Ein wenig privilegiert sind unsere eigenen sechs KV-Lernenden: Bei ihnen kümmern wir uns intensiv um Anschlusslösungen.   

Viele Jugendliche trifft die Pandemie besonders hart. Sie benötigen psychologische Beratung oder psychiatrische Hilfe. Wie kann Ihre Schule den Betroffenen beistehen?     

Wir haben seit Jahren eine sehr breit aufgestellte Kriseninterventionsgruppe innerhalb unserer Schule. So können Schülerinnen und Schüler anonym und für sie kostenfrei einen Termin für ein Beratungsgespräch abmachen (face-2-face-Beratung). Neben einer externen Psychiaterin stehen der Careteam-Leiter mit einem Team von Kontaktlehrpersonen zur Verfügung. Auch ohne persönlichen Kontakt kann über die seit Jahren etablierte „KV Zürich online-Beratung“ anonym professionelle Hilfe angefordert werden. Beide Angebote wurden bereits vor Corona rege genutzt. Seit letztem März hatten wir zunächst eine markante Abnahme der Nachfrage festgestellt – dies ist auf die komplette Schulschliessung zurückzuführen. Seit Frühsommer 2020 mehren sich jedoch die Sorgen und Nöte in Bezug auf Corona. In einzelnen Fällen kommen auch ganz schlimme Situationen auf, wo wir die betroffenen Lernenden nach Absprache an externe Stellen weiterleiten müssen.

Blick in den geräumigen Lichthof des KV Zürich am Escher Wyss-Platz  

Zu all diesen anspruchsvollen Herausforderungen gesellt sich wieder einmal eine anstehende KV-Reform. Was sind ihre Eckwerte und was versprechen Sie sich davon? Inwiefern diktiert Ihnen die Wirtschaft den Fahrplan?

Wir sind überzeugt, dass die KV-Lehre den arbeitsmarktlichen Anforderungen und Entwicklungen angepasst werden muss. Der jetzt vorliegende Entwurf der neuen Bildungsverordnung für Kaufleute ist eigentlich keine Reform, sondern eine komplette Neuausrichtung der kaufmännischen Grundbildung. Neue Elemente wie Handlungskompetenz-Orientierung, Flexibilisierung der Inhalte und Selbstverantwortung der Lernenden für das Lernen bedingen eine grundlegende Neuorganisation der Schule. Dabei sind Schulleitung, Lehrende und Verwaltungsmitarbeitende mehrfach gefordert.  Neben den neuen Inhalten und Lehrmethoden muss konsequenterweise auch die Schulstruktur angepasst werden. Wir machen uns dafür stark, dass die Schule nach wie vor auch Fachkompetenzen vermittelt – wir wollen den Lehrbetrieben und den überbetrieblichen Kursen die notwendige Unterstützung gewährleisten, damit ein 1:1-Transfer des Gelernten in die Praxis funktioniert. In diesem Prozess ist aber noch Vieles unklar bzw. noch nicht entschieden. Die Fremdspracheninklusion oder „doppelte Buchhaltung für alle oder bloss für Einzelne“ sind im Detail noch offen. Im Reformprozess hatten v.a. die Branchen das Sagen. Sie sollen und dürfen bestimmen, was künftig gelernt werden soll.

Die Wirtschaftsschule KV Zürich, das Flaggschiff der kaufmännischen Berufsbildung

Neben den Inhalten und den Rahmenbedingungen spielt für uns als Schule natürlich die Anschlussfähigkeit eine bildungspolitisch zentrale und mehrfache Rolle: Die Anschlussfähigkeit von kognitiv schwächeren Lernenden aus der Sekundarstufe I ins KV (heute B-Profil), die Anschlussfähigkeit von guten Sekundar-Lernenden (die alternativ zum gymnasialen Weg zu uns in die Lehre kommen) und die Anschlussfähigkeit unserer Absolvent*innen, die nicht bloss an die Fachhochschule drängen (von der BM1/Berufsmaturität aus), sondern nach dem EFZ (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) auch in die BM2, in die Höheren Fachschulen sowie an unzählige (innerbetriebliche) Weiterbildungen und Lehrgänge.

Der duale Bildungsweg der Schweiz mit seinen zahlreichen Passerellen und Zusatzqualifikationen ist ein einzigartiges Erfolgsmodell, um das uns viele Nationen beneiden. Dennoch wird der gymnasiale Weg immer wieder von Leuten favorisiert, welche um den akademischen Nachwuchs bangen. Wie beurteilen Sie persönlich den aktuellen Stellenwert der kaufmännischen Berufsbildung in unserem Bildungsgefüge?

Die kaufmännische Grundbildung ist ein Paradebeispiel für gut funktionierende Dualität in der Berufsbildung. Die Anschlussmöglichkeiten sind überdurchschnittlich vielfältig. Was die Schweiz benötigt, sind gut ausgebildete Lehrabgänger, welche durch die vielen weiterführenden Bildungswege einen Beitrag dazu leisten, unseren Fachkräftemangel in den mittleren und oberen Führungsebenen zu beheben.


Christian Wölfle (52, verheiratet, zwei erwachsene Töchter) ist seit August 2018 Rektor der Wirtschaftsschule KV Zürich. Zuvor war er 13 Jahre Prorektor und verantwortlich für die lehrbegleitende Berufsmaturität. Er hat an der Universität Zürich BWL studiert sowie das Handelslehrerdiplom erlangt und ist im Vorstand diverser kantonalen und nationalen Gremien und engagiert sich in der Lehrerausbildung.    

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1 Kommentar

  1. Interessanter Inhalt, formal in Ordnung, abgesehen vom fehlerhaften Ausrutscher ‹Absolvent*innen› (zu hoffen ist, dass an Herrn Wölfles Schule die Deutsch-Lehrkräfte (nicht Lehrer*innen, Lehrer:innen, Lehrer/innen und ähnlicher Quatsch) kein solches Gender-Mainstreaming betreiben müssen!

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