FrontLebensartMaja Stolle führt uns durchs rätselhafte Digi-Tal

Maja Stolle führt uns durchs rätselhafte Digi-Tal

Sie wirbt bei der SBB fürs Online-Ticket. Das bekannteste Plakatgesicht der Schweiz gehört der Schauspielerin Maja Stolle. Für das Bahnunternehmen verkörpert sie die nette Grossmutter; früher spielte sie das skandalumwitterte Sennentuntschi.

Wir alle kennen sie, die ältere Bahnfahrerin in der SBB-Werbung. Sie preist die Segnungen des digitalen Billettkaufs. Sie rümpft im Video in der Ersten Klasse die Nase über einen Businessman, der sein Ticket immer noch am Automaten löst. In der zweiten Klasse sitzt sie entspannt neben ganz und gar wilden Rockern. Sie trägt ein pastellfarbenes Blüsli mit Schleife und eine Brosche in der Form eines Pudelis. In der Bahnwerbung heisst sie Yvette Michel und ist die ältere Dame, bei der man vermutet, dass sie keine finanziellen Sorgen hat und die im Tea Room gerne Chrèmeschnitten und Japonais isst. Allerdings ahnen wir es: Frau Michel ist eine von den Werbern ersonnene Kunstfigur.

Die nette Grossmutter und die wilden Kerle. Füllige  Männer und schmächtige Damen bezahlen gleich viel.

Wir bestätigen es: Yvette Michel ist fiktiv. Dahinter steckt die Zürcher Schauspielerin Maja Stolle. Bereits zu Beginn des  Gesprächs mit Seniorweb erklärt sie, dass sie mit Yvette Michel wenig Gemeinsames habe, keine Pastell-Blüsli, keine Pudel-Bröscheli. Privat sei sie nicht das SBB-Grosi. Immerhin hat sie dieser Rolle einiges zu verdanken. Sie ist das bekannteste Schweizer Plakatgesicht. „Vor allem früher haben mich die Leute auf der Strasse angesprochen,“ sagt sie. Die Kampagne ist nun beendet. Deshalb sei dieses Promi-Phänomen etwas abgeflaut. Popularität mag gut sein, doch kann man damit nichts kaufen. Maja Stolle sagt es ganz offen: „Die Arbeit war gut bezahlt, im Vergleich mit Theater-Gagen sogar sehr gut.“

Frau Graber in der Sitcom „Mannezimmer“

Womit wir bei der eigentlichen Maja Stolle angelangt sind, bei der Theaterfrau. Nun wirds Zeit für den künstlerischen Lebenslauf. Wir machen das im Schnelldurchlauf und blenden am Schluss nochmals zurück auf eine Station, an die sich auch heute noch viele Seniorweb-Leserinnen und -Leser erinnern. Maja Stolle, 1943 in Zürich geboren, Schauspielschule, Ensemblemitglied an deutschen Bühnen und in Basel. Dann unter anderem Engagements am Schauspielhaus, am Neumarkt und am  Hechtplatz in Zürich.  Dozentin an der Schauspielakademie Zürich und später an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Beim SRF spielte sie unter anderem die Frau Graber in der Sitcom „Mannezimmer“. Ein Dutzend Filmrollen. Seit 2017 ist sie in der SBB-Werbung als Yvette Michel in Videospots zu sehen, und schaut sie uns auf Plakaten an.

1981 spielte sie das Tuntschi in der TV-Inszenierung „Sennentuntschi“. Links Hanspeter Müller-Drossaart, rechts Joseph Arnold (oben) und Walo Lüönd. Fotos: SBB, SRF, zvg

Jetzt fahren wir ein paar Stationen zurück: 1981 sendete das Schweizer Fernsehen Hansjörg Schneiders  „Sennentuntschi“ als TV-Produktion. Drei Sennen erwecken in einer Alphütte eine Strohpuppe zum Leben und haben Sex mit ihr. Maja Stolle war dieses Tuntschi. Ein starkes Dialektstück, stark und eindeutig auch in der Sprache. Es ging ums „Vögle uf de Matratze“.

„Pornografie, Blasphemie“

Maja Stolle, 78, auf dem Balkon ihrer Wohnung in Zürich

Das Werk schrieb Schweizer TV-Geschichte, Skandalgeschichte. Mit dem ganzen Programm, mit Pornografie-Vorwürfen, Diskussionsrunden mit Geschrei, einer Anklage wegen Gotteslästerung. Weil die Schauspielerin Stolle in ihrer Rolle als Puppe kaum erkennbar war, stand sie nicht im Zentrum des Sturms, erhielt aber doch schlimme Briefe. „Heute, 40 Jahre später, würde das Stück nicht  mehr viel Staub aufwirbeln“, glaubt sie.

Jetzt besteigen wir wieder den Zug, fahren in die Gegenwart. Die Schweizer sind Bahn-Erotiker. Sie lieben trotz aller Kritik ihre SBB. Deshalb konfrontieren wir die Schauspielerin mit der Botschaft, die sie auf Plakaten und in Spots vertritt: „Frau Stolle, lösen Sie all Ihre Tickets digital und nicht altmodisch am Automaten?“ –  „Meistens“, antwortet sie. Nachgefasst: „Sind Sie eine konsequente ÖV-Nutzerin?“ –  „Ja, ich habe seit fünf Jahren kein Auto mehr und auch aufs Mobility-Abo verzichtet.“ 

Link zum SRF-Kulturplatz-Beitrag «Wie das Sennentuntschi 1981 den Volkszorn entfachte«

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