FrontKulturIn Wort und Bild auf ungewissen Pfaden

In Wort und Bild auf ungewissen Pfaden

Frédéric Pajak, ein im besten Sinne aussergewöhnlicher Künstler, wird im Rahmen der 43. Solothurner Literaturtage den Schweizer Grand Prix Literatur 2021 entgegennehmen.

Das Bundesamt für Kultur, das den Grand Prix Littérature verleiht, erklärt seine Entscheidung u.a. mit den Worten: «Sein Schaffen scheint stets auszuprobieren, seinen Weg zu suchen auf dem Friedhof der Überzeugungen und sich zu verirren in den Labyrinthen einer verborgenen Geschichte der Besiegten, Vergessenen, Veralteten.» –Dies deutet die Vielschichtigkeit der Kunst von Frédéric Pajak an, der als Zeichner und Maler, als Schriftsteller und Poet und nicht zuletzt auch als Herausgeber tätig ist. Der Künstler und sein Werk zeichnen sich durch zahlreiche Facetten aus.

Sein wichtigstes Werk Manifeste Incertain, «Ungewisses Manifest», aus neun Bänden bestehend, hat Pajak unlängst fertiggestellt. Es sind Texte und Betrachtungen, geprägt vom Künstler und doch seine individuelle Perspektive überschreitend – dazu eine einmalige Verbindung: Text und Tuschezeichnungen ergänzen sich nicht, nein, sie benötigen sich gegenseitig. Dieses Vorgehen finden wir sonst nirgends, Pajaks Werke sind keine Comics, keine Graphic Novel, sondern eine individuelle Form wie das Zusammenspiel in einem Kammermusikstück, in dem auch Dissonanzen tönen.

Frédéric Pajak © BAK / Julien Chavaillaz

Frédéric Pajak wurde 1955 in Suresnes nahe Paris geboren. Nachdem er früh seinen Vater, den Maler Jacques Pajak, verloren hatte, wuchs er bei seiner Grossmutter in Lausanne auf. Wir lernen Pajak als belesenen, nachdenklichen Schriftsteller kennen. Nach seinem eigenen Bekenntnis war er ein fauler Schüler, der seine Ausbildung abbrach und jahrelang seinen Lebensunterhalt nur mit Temporäranstellungen verdiente. Er sei, wie er in einem Interview erklärt, ein Autodidakt. – Wir Lesende möchten ihn als selbstbestimmten Forscher bezeichnen, denn seine Bücher vermitteln ein reiches Wissen über die Persönlichkeiten, denen sich Pajak auf seine besondere Art zuwendet. Betrachtungen über Walter Benjamin, Fernando Pessoa oder Vincent van Gogh beispielsweise sind verknüpft mit den Wahrnehmungen und Erfahrungen des Autors. Subjektivität und (sogenannte) Objektivität erscheinen vollkommen untrennbar.

Den langen Entstehungsprozess eines Buches erläutert Pajak in verschiedenen Interviews. «Schreiben und Zeichnen ist keine Arbeit, sondern ein Vergnügen», sagt er einmal. Dem geht eine lange Periode des Lesens und Forschens voraus: speziell Tagebücher und Korrespondenzen der Persönlichkeit, mit der er sich beschäftigt; auch zur Zeitgeschichte liest Pajak viel, er sammelt Zitate und Gedanken, alle Arten von Texten zum Thema, auch Bilder und Fotografien. In dieser Phase ist der Künstler oft unterwegs, er verbringt, wenn möglich, Zeit an den Orten der Menschen, z.B. in Arles, als er Vinzent van Gogh nachforschte. Das erklärt, wie später die feinen Verknüpfungen zwischen Bild und Text entstehen.

Selbstbildnis (aus: Manifest 3, Seite 9)

In einer weiteren Phase arbeitet Pajak nur an den Zeichnungen, und zwar sehr konzentriert, in ca. 2 ½ Monaten entstehen grosse Zyklen von Zeichnungen, es sind Portraits, manchmal nachgezeichnet nach einer Vorlage, manchmal in freiem Ausdruck, dann Landschaften, alles, was er für das gewählte Thema heranziehen will. Bemerkenswert ist die Spannung, ja der Widerspruch, der zwischen Text und Bild entstehen kann. Pajak will mit den Zeichnungen nicht einfach illustrieren, sondern zuweilen etwas anderes erzählen. – Es gibt nicht nur eine Wahrheit.

Diese Verstrickung von Bild und Text ist die genuine Erfindung von Frédéric Pajak. Er findet damit eine moderne – zeitgemässe – Form der Auseinandersetzung mit gegenwärtigen und historisch gewachsenen Ideen. Dabei benutzt Pajak gern Zitate, die er sich aneignet und in den eigenen Kontext einfügt. «Wörter sind wie kleine Lichter. Sie werden von anderen ausgeliehen und werden durch Benützung zurückgegeben», heisst es in einem Gespräch. Aus Fragmenten baut er seine Werke zusammen – wie eine Trockenmauer, die nur durch geschickte Zusammenfügung der passenden Steine den geforderten Halt besitzt.

Unterwegs (Manifest 3, Seite 19)

Das Ungewisse Manifest ist vom Autor geprägt, von seiner Sicht auf seine Zeit, von seiner Lebenserfahrung. Walter Benjamins Leben und Denken erforscht er in drei Bänden, hier sei Band 3 vorgestellt mit dem Titel: Walter Benjamins Tod und Ezra Pound im Käfig. Er handelt von den Jahren der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg, als Benjamin in Paris immer eingeschränkter und gefährdeter lebte, fliehen musste und schliesslich – bei seiner schlechten Gesundheit – kurz vor der spanischen Grenze Suizid beging.

Auf der Flucht aus Paris, als die deutsche Wehrmacht einmarschiert (Manifest 3, Seite 84)

Im Kontrast dazu der Amerikaner Ezra Pound, narzisstischer Nazianhänger, der durch seine Poesie verführte, aber durch seine Gesinnung abstiess. Er überlebte die Wirren, wurde von der US-Armee verhaftet und kam in ein Gefängnis, das uns Lesende unheimlich an Guantanamo erinnert. Eine krasse Gegenüberstellung mutet uns Pajak zu, sie funktioniert durch seine Texte, in die auch persönliche Erinnerungen eingeflochten sind, und die Bilder, einige davon wunderschöne Landschaften.

Die Verfolgten flüchten über die spanische Grenze (Manifest 3, Seite 194)

Von seiner Übersetzerin Ruth Gantert kürzlich darauf angesprochen, was der Grand Prix Littérature 2021 für ihn bedeute, antwortet Frédéric Pajak:  «Es fühlt sich an, als könnte ich Philippe Jaccottet, meinen Freund Paul Nizon, Adolf Muschg oder Pascale Kramer, die ich sehr schätze, an der Seite berühren . . . Wie eine Lawine stürzen meine Gefühle auf mich ein!»

Das Ungewisse Manifest erscheint auf Deutsch im kleinen Bieler Verlag édition clandestin in der Übersetzung von Ruth Gantert. Bisher sind auf Deutsch fünf Bände in bibliophilen Ausgaben erhältlich, Band sechs wird 2021 erscheinen.

Alle Bilder aus: Frédéric Pajak, Ungewisses Manifest 3. édition clandestin Biel.  ISBN 978-3-905297-83-6

Die Preisverleihung ist noch zu sehen: Lifestream

Rückblick auf die 43. Literaturtage

Frédéric Pajak im Gespräch mit Felix Schneider auf SRF2 Kultur «52 beste Bücher»

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